Theodor Engelmann to Margarethe Hilgard, January 20, 1836, p. 2 - image of
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auch der Mensch u. bes. der Einwanderer, seinen Erfahrungen nach in einem Jahre eine Reihe von Jahren durchlebt, da ist es gewiß natürlich, daß die Farben der Vergangenheit auch schnell erbleichen.- Und es ist dies recht gut. Wir sind hier in einem neuen Welttheil wie zu einen neunen Leben berufen, u. haben, weil wir schon alt sind, eine kurze aber harte Schule durchlaufen, um uns zu demselben heranzubilden; dann aber gestalten sich neue Interessen u. Zwecke, die nach den Allgemeinen Karakter des Volkes u. des Landes mehr auf das Praktische u. Materielle gerichtet sind; u. dann fangen wir an eingebürgert zu sein, u. können ein Leben führen, wenn auch nicht so reich u. manchfaltig an Genus, wie in Deutschland, doch angenehm u. würdig, u. ungestört durch den Unfug u. die Gräuel der Politik, u. des Elend in ihrem Gefolge.- Mir überhaupt hat nichts gefehlt, als Unabhängigkeit, um zu- frieden zu sein. Es läßt sich auch gar nicht denken, warum Jemand von meinem Alter nicht in jedem Land u. unter jedem Volke, u. in allen Verhältnissen, sich ein zufriedenes, selbst angenehmes Leben sollte erringen können. Seitdem ich mich von Hause losgerissen habe, wo das Streben nach Selbstständigkeit u. Unabhängigkeit, stets in heißem Kampf lag mit dem unbedingten Gehorsam u. Unterwürfigkeit unter die Anordnungen des Vaters; bin ich fast immer frohen und heiteren Sinnes. Das Einzige, was manchmal meine Heiterkeit zu trüben vermag, sind Grillen, die ich mir selber schaffe in nächtigen Stunden. Es kommt mir dann vor, als führte ich ein gar werthloses Leben; u. es gibt gewiß auch kein elen- deres Loos, als gezwungen zu sein, heute zu arbeiten, damit man morgen hat, wovon man lebe. Wenn nicht die Hoffnung übrig bliebe, später einmal uneigennütz- iger über seine Handlungen oder deren Produkt verfügen zu können, dann thäte man allerdings besser, sich in den Mississippi zu stürzen; diese Hoffnung aber, die ich nur anfache u. ausmale oder irgend ein Geschäft, das mir dabei in den Weg kommt, befreien mich stets auf eine unschädliche Weise von Reflektionen dieser Art.
