Theodor Engelmann to Margarethe Hilgard, January 20, 1836, p. 1 - image of
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St. Louis d. 20. Januar 36.
Liebe Schwester,
ich hatte schon vor längerer Zeit Absicht, dir zu schreiben; anfangs verzögerte sich das aber, weil ich so wünschte, dir etwas Bestimmtes über den Erfolg meines Unternehmens hier mitzutheilen, u. dann kam die Zeit näher, da wir Hilgards erwarten konnten, und durch sie viele Nachrichten von dir u. Freunden u. Bekannten. So kam es dann auch, Donnerstag d. 14. Ds kamen sie hier an; alle wohl u. vergnügt, u. freundlich u. herzlich, so daß es mir recht wohl bei ihnen wurde. Gestern verließen die Frauen- zimmer u. Kinder St. Louis, um ihren einstweiligen Aufenthalt in Belleville zu nehmen. Der Vater Hilgard war schon Samstags mit Theo. Krafft hinaus geritten..Gestern erhielt ich auch erst dein Briefchen, für das ich dir den besten Dank weis. Deine liebevollen Worte sind mir recht zum Herzen gedrungen, sie sind so selten in diesem Lande, u. ganz fremd in der Umgebung, in welcher ich lebe, u. es sind deshalb nicht allein die Laute einer threuen Schwester, denen meine Seele lauscht, wenn ich deinen Brief durchlese, sondern es sind auch Rückerinnerungen, Nachklänge einer früheren glücklichen Zeit, deren Bilder nur selten u. gleich matten Schatten an mir vorüberziehen. Es ist wirklich zum Erstaunen, wie schnell die Erinnerung an Deutschland sich vermindert, u. wie rasch die Bilder erbleichen, die wir mit herübergebracht haben; und doch ist es so natürlich, daß hier, wo Alles, was uns begegnet, Land u. Volk, Thiere u. Pflanzen, neu ist, u. wo nicht nur das natürliche Interesse, welches der Mensch dafür fühlt, sondern wo die Nothwendigkeit selbst ihn zwingt, damit bekannt zu werden, und das Gute u. Böse, u. die Vortheile u. Nachtheile deshalb zu erkennen; wo die Kultur in einem Jahre ungeheure Fortschritte macht, wie sie Deutschland nicht in Jahrzehnten wahrnehmen kann, wo also
