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München d. 15ten März 71. Abends.
Mein lieber Bruder!
Deinen Brief vom 18ten Febr. hatten wir mit Sehnsucht erwartet und da wir sehr in Sorge waren wie Deinem angegriffenen Körper die Seereise bekommen würde, Gottlob war dieselbe wenigstens nicht von grade direkt nachteiligen Folgen begleitet, - u. hoffe ich sehr, daß wenn Du erst zu Hause wieder ganz zur Ruhe gekommen bist, - Du doch etwas Besserung Deines Leidens finden mögest. -
Die guten Nachrichten von den Kindern erfreuten uns Alle sehr, - weniger, die über Fanny, - wie kommt denn die sonst so gesunde kräftige kleine Frau zu diesen sie quälenden Geschwüren? Daß [illegible] mit der Machart des schwarz - seidnen Kleides zufrieden war, gereicht mir sehr zur Freude, - u. laße ich mich für fernre Aufträge dieses [roman:] Genre's [/roman] für die Zukunft empfohlen sein. -
Seitdem Du uns verlassen, - sind nun schon 2 Monate verfloßen u. die rauhen, lästigen Wintertage, haben herrlichem Frühjahrs= wetter weichen müssen; - der letzte Monat, brachte uns den heiß ersehnten Frieden, - u. alle Gemüther leben nun auf, seitdem die seit so vielen Monaten sie bedrückende Sorge, von ihnen genommen ist. - Ich, bin eine der wenigen Glücklichen, - die ihren Gatten zuerst willkommen heißen konnte, - bis die [roman:] Armee [/roman] zurück kommt, glaubt man daß es Ende April wird, - da dieselbe bis zur Grenze [strikethrough:] zu [/strikethrough] marschiren muß, - u. nur sehr langsam vorwärts gelangt; ein Theil Bayern muß als
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Garnison von St. Avold, Saargemünd, [insertion:] u. [/insertion] [roman:] Metz [/roman:] [strikethrough:] in [/strikethrough] verbleiben, - [strikethrough:] wie auch [/strikethrough] es sind das, - das 4te u. 8te Inf. u. 5te [roman:] Chevaulegers [/roman] - Reg. die bisher in der Pfalz in Garnison waren; weder Verwandte noch nähere Bekannte von uns sind dabei. - Die hiesige Garnison kehrt vollständig hierher zurück, - hingegen muß die II [insertion:] Inf. [/insertion] Div, - als Occupation Truppen in der [roman:] Champagne [/roman] stehen bleiben, - u. da Emil dem Stabe der II Div. zugetheilt ist, - muß er also vorerst auf französischem Boden verbleiben. - Ich für meinen Theil bedaure das, - ich hatte mich so sehr gefreut ihn hier zu haben, mit ihm reiten zu können,- er selbst ist aber sehr zufrieden mit seiner Bestimmung, - da er sich gern in der französischen Sprache recht vervollkommnen mögte, - die Truppen schöne Zulagen haben, - u. da er, wie er neulich schrieb noch im Laufe dieses Jahres heirathen wolle, - so sei auch seine Braut, - sehr entzückt die erste Zeit ihres Ehestandes in Frankreich zu leben. - Die andren Brüder u. Freunde, kehren alle hierher zurück. - So groß der Jubel u. die Freude bei der Nachricht vom Friedens - Schluße hier war, - noch größer wird [strikethrough:] sie [/strikethrough] [insertion:] das Glück [/insertion] sein, - wenn die Armee wiederkehrt; dieselbe soll ihren Einzug durch das Siegesthor, die schöne breite Ludwigstraße herunter halten, - u. um sich sammeln, - u. in gehöriger Zahl hier einrücken zu können einige Tage zuvor in der Umgeb= ung [roman:] München's [/roman] ein Lager beziehen. -
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[roman:] Robert [/roman] ist nun schon wieder 4 Wochen hier, - u. fängt allmählich an sich wieder in das alte Leben zu schicken; sein neues Amt, macht ihm sehr, sehr viel Arbeit; er reitet von 7 - 8 1/2 Uhr, - ist dann auf dem Ministeriumbis 1 1/2 Uhr, - dann geht's zu Tische nach Hause u. um halb 5 Uhr muß er schon wieder auf sein Büreau bis Abends 7 1/2 Uhr, - so daß er immer ganz abgespannt nach Hause kommt; er muß sich eben erst wieder in diese ganz neue Thätigkeit hineinarbeiten, - u. da besonders seit dem Friedens - Schluße häuft sich die Arbeit entsetzlich, - muß ja nun doch Alles, - die ganze Armee nach preußischem Muster umgestaltet werden, - u. wird es massenhaft Veränderungen geben. -
Gottlob, sitzen wir nun für Jahre ruhig hier, - u. können dem Kommenden gleichgültig entgegen sehen. -
Als Ersatz für den Schuldigen Brief, - den zu schreiben [roman:] Robert [/roman] jetzt Zeit u. Gedanken fehlen, - schickt er Euch hier seine ernste Photographie, - die in großer Zahl in das preußische Hauptquartier wandern muß, - ich denke Ihr werdet sie gelungen finden u. daraus ersehen, daß der Feldzug weder Taille noch Backen des Herrn [roman:] Majors [/roman] geschmälert hat. - Was mir einzig leid thut an [roman:] Robert's [/roman] nunmehriger Stellung, ist daß er keinesfalls diesen Sommer wird in Urlaub gehen können u. ich hatte mich so gefreut einen längeren Landaufenthalt mit ihm zu nehmen; u. bedarf so sehr nach den Aufregung des letzten Jahres der Erholung in guter Luft. -
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In den letzten Wochen war ich sehr viel unwohl, - einige Male zu Bette, - u. wenn auch auf, - bin ich so müde daß wenn ich einmal des Tages ausgehe, - ich ganz fertig bin; der Arzt sagt, es sei die Frühjahrsluft u. Wiederkehr meines alten Übels die Bleichsucht, - vollständiger Blutmangel; ich müsse entschieden diesen Sommer in ein Stahlbad, - u. wo möglich in eine sehr hohe Luft, - wie [roman:] St. Moritz [/roman] im [roman:] Engadin [/roman], oder dgl. Daß ich etwas für meinen Körper thun muß fühle ich selbst, - aber ob unsre Verhältniße mir eine solche Ausgabe gestatten ist kaum glaublich, - da die Majors - Equipirung u. Uniformirung, - die bis jetzt noch von der Hauptmann - Gage gezahlt werden muß, - da erst am 20ten April die erste Majors Gage fällig wird, - alle Ersparniße vom Feldzuge u. darüber verschlungen hat. - [roman:] Nous verrons! [/roman] vorläufig ist's noch lange bis man in Bäder geht, - u. vielleicht nützt mir eine Stahlwassercur die ich im April hier trinken soll, - Warum wir Geschwister Beide, - dieses leidige Kopfweh haben müssen! ich hatte es in der letzten Zeit fast Tag für Tag, - u. gar nichts lindert es, - man könnte wahrhaftig lebens - müde werden. -
Tante war seither immer sehr wohl, besucht Kafeegesellschaften, u. geht oft 2 Mal des Tages spaziren; aus Furcht vor den Blattern die hier etwas epidemisch auftraten, hat sie sich impfen laßen, u. nun einen etwas geschwollenen Arm, so daß sie nun einige Tage zu Hause blieb; morgen geht sie aber wieder aus. -
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Sie hat den Tod Polchen's der ganz plötzlich in Folge eines Schlagflußes eintrat noch immer nicht verschmerzt, - ist aber sonst sehr heiter u. lebenslustig, - ich war heute bei ihr, u. soll Euch Alle bestens von ihr grüßen. - Ihren Brief vom 1ten [?] dhs [/?] habt Ihr wohl erhalten! Daß mein Hamburger Brief verloren ging beklage ich nur insofern als Du eine Täuschung erlittest, u. ich bestrebt war Deine Wünsche zu erfüllen, - besonders Interessantes enthielt er nicht. -
Richard's Ernennung nach [roman:] Frankreich [/roman:] ist noch nicht erfolgt, - u. er in stündlicher Erwartung verhalten. -
Dein Freund [roman:] Ferdinand Petri [/roman] der bei [roman:] Belfort [/roman] in letzter Zeit mit bombardirte
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hat zur Belohnung das eiserne Kreuz erhalten, - Hptm. [roman:] Ardlböss [/roman] geht es eben wieder sehr, sehr schlecht, - Schwägerin [roman:] Anna [/roman] nebst Kinder ist wohlauf, u. geht häufig mit der kleinen [roman:] Resi [/roman] spaziren. - Heinrich dessen Arm geheilt ist, - trat heute mit seiner Brigade den Rückmarsch in die Heimath an. - Daß [roman:] Robert [/roman] um den Einzug in [roman:] Paris [/roman] kam, beklage ich nun weniger, da letztrer eigentlich [insertion:] für die Deutschen [/insertion] die [roman:] partie honteuse [/roman] des ganzen Feldzuges war, u. hier allgemeines Mißfallen erregte. - Doch nun Adieu; grüße mir Alle recht herzlich, - hoffentlich trifft die ganze Familie dieser Brief im besten Wohlsein, das wünscht von Herzen Deine Emma. -
Natürlich auch [roman:] Mr. Frank [/roman] alles Schöne! Letzter noch keine bestimmten Heiraths - pläne?
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Hast Du nichts von dem Hr. v. [roman:] Trentini [/roman] von dem ich Dir neulich schrieb gehört u. gesehen?
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