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München d. 12/2. 71.
Lieber Heinrich!
Ich denke Du hast die, bei dieser Kälte wohl doppelt unangenehme Seereise nun glücklich hinter Dir, - und ruhst Dich von den Plagen der letzten Wochen nun gemächlich in den Armen der Gattin, - umgeben von Deinen Kindern aus; Ich hoffe mein letzter Brief traf Dich noch in [roman:] Hamburg [/roman] an, - ich gab ihn wenigstens noch einen Tag früher auf, - als an dem mir von Dir festgesetzten Termin. - Inzwischen hat Dir Tante geschrieben, - und das Wesentliche aus unsrem Leben mitgetheilt, so wie auch daß R. bereits am 24ten Januar wieder in seine schöne, interessante Stellung nach [roman:] Versailles [/roman] zurück gekehrt war. - Seitdem nun hat, wie Du gewiß auch hocherfreut gelesen haben wirst [roman:] Paris [/roman] capitulirt, - u. die Hoffnung daß dem 3 wöchentlichen Waffenstillstande ein dauernder Friede folgen werde, - gewinnt immer festere Basis. - Robert ist sehr wohlauf sein letzter Brief ist vom 6ten [?] dhs [/?]; er war sehr beschäftigt, - besuchte täglich ein oder das andere [insertion:] der [/insertion], - und von Deutschen besetzten Forts, -
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u. hegt er auch die bestimmte Überzeugung, daß der Friede binnen kurzer Zeit erfolgen werde, - u. glaubt daß sich die Hauptquartiere im Laufe des März auflösen u. er schon endlich heimkehren kann. - Doch ich denke, er wird Dir das bald selbst sagen, - ich habe ihm Deine Adresse geschickt u. hat er mir versichert, daß er Dir im Laufe des [roman:] Februar [/roman] ausführlich schreiben werde. -
Daß wir, hier, neu aufleben seitdem Aussichten auf die Rückkehr unsrer Armee, kannst Du Dir denken, - u. ich kann derselben um so freudiger entgegen sehen, - da die vielfachen militairischen Änderungen [insertion:] die bevorstehen [/insertion], - uns, wenigstens stabil hier laßen, denn seit 2 Tagen ist Robert zum Referenten im Kriegs - Ministerium ernannt, - eine schöne einflußreiche Stellung, - die allerdings sehr viel Fleiß u. Arbeitskraft erheischt, - aber im Übrigen nichts zu wünschen übrig läßt, - u. den Hr. Gemahl im Gefolge des Minister 's im Laufe der Zeit wohl öfter nach [roman:] Berlin [/roman] führen wird. - Was die Familie anbetrifft, - so ist vor Allem Tante ganz wohlauf, - geht nur wenig aus ihrem kleinen Daheim, da die gar nicht nachlaßen wollende Kälte sie zurück schreckt doch besucht sie allwöchentlich ein oder die andre Kafee=
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gesellschaft, - u. tröstet sich allmählig über [roman:] Pollchen's [/roman] Verlust, dessen Schlaganfall ihn wohl vor längren Leiden die bei seinem schon etwas vorgerückten Alter doch allmählig gekommen wären, bewahrt hat, - allerdings ist es aber nun noch stiller bei ihr geworden. -
[roman:] Heinrich Xylander [/roman], ist gestern wieder zur Armee abgereist, trotzdem seine Hand noch geschwollen war; er fürchtet aber sonst um den, - doch wahrscheinlichen Einzug der Deutschen in [roman:] Paris [/roman] zu kommen, - u. so ließ er sich denn nicht mehr zurückhalten. - Die kleine [roman:] Resi [/roman] ist gar nett, - ein geschicktes aufgewecktes Kind, - u. soll denk' ich eine Spielgefährtin Deiner Helene geben; daran wird es überhaupt im Sommer nicht fehlen, da ja Oscar hierher versetzt werde, - u. [strikethrough:] G [/strikethrough] [roman:] Auguste [/roman] mit ihren 4 Trabanten, - im Laufe des April hierher übersiedeln wird. - Ich denke, wenn sich auch die Rückkehr der Armee hinauszieht, länger als Mai werden sie nicht ausbleiben, u. wirst Du dann alle Brüder [roman:] Xylander [/roman] hier vereinigt finden. - Von der Familie Heintz soll ich Dir viel Schönes sagen, ebenso von [roman:] Bauer, Ardlböss [/roman], der inzwischen recht leidend war, - u. [roman:] Cara Schulze [/roman] die auf 3 Wochen von [roman:] Frankfurt [/roman] hierher zum Besuche gekommen ist, - u. sich recht ärgerte daß Du mehrere Tage in [roman:] Frankfurt [/roman] warst ohne sie aufzu=
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suchen, - sie scheinen ein zwar zurückgezogenes aber sehr angenehmes Leben dort zu führen. -
[roman:] Marie Hanauer [/roman], - hat nun endlich zu Tante u. mir den Weg gefunden, - doch traf sie mich nicht zu Hause. - Die letzten 14 Tage, hatten mir wieder viel Zahnweh gebracht, u. da ich einsah daß es nur Ruhe giebt wenn der Störenfried entfernt wird, - so entschloß ich mich endlich zu der gefürchteten Operation u. zwar [underline:] ohne [/underline] Chloroform, - u. ging die Sache sehr rasch u. gut von Statten, - u. fühle ich mich nun frei von Schmerzen wie neugeboren. -
[roman:] Hauptmann Helvig [/roman] Von dem Du oft reden hörtest da er so krank war, - ist nun seit 14 Tagen hier, - leidet zwar noch an den Folgen des Gelenk Rheumatismus, kann aber wenigstens ausfahren, u. Besuche bei sich sehen; u. da er bis zum 11 Dez. alle Schlachten mitgemacht hat, - konnte er mir viel u. Interessantes erzählen, - u. habe ich nun eine ganz andre, richtigere Anschauung der Dinge bekommen. - Mein Freund [roman:] Trentini [/roman] von dem Du auch viel sprechen hörtest, - war bis jetzt Kriegsgefangener in [roman:] Orleans [/roman] aber Dank dem Waffenstillstand, wird er nun ausgelöst u. kehrt zum I Corps vor [roman:] Paris [/roman] zurück, - man hatte ihn inzwischen [insertion:] hier [/insertion] zum Bräutigam einer Französin gestempelt, - was er aber in seinem letzten Brief nach Hause, als vollkommen
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unwahr widerlegt, er habe nie vergeßen, daß er in Feindes= land u. Deutscher Soldat sei, - u. der Krieg habe ihm wieder recht gezeigt wie gut es sei wenn der Soldat ledigen Standes. - Ich weiß nicht ob Du Dich erinnerst, daß ich Dir hier gesagt daß einer seiner Brüder [roman:] Emil v. Trentini [/roman] sein Glück in [roman:] Amerika [/roman] [strikethrough:] als [/strikethrough] sucht; derselbe hatte sich nach [roman:] New - York [/roman] gewandt aber dort nicht reussirt, und schrieb er seiner Familie er sei auf gut Glück nach [roman:] Boston [/roman], - da man ihm gerathen dort sich eine Beschäftigung zu suchen; er ist sehr braver Eltern Kind, sein Vater war Major, - u. soll er selbst ein netter, talentvoller Mensch ein; seine alte Mutter die schon viel Kummer um ihn gehabt, - u. von mir gehört hatte, daß Du in [roman:] B. [/roman] lebst, - bat mich um Deine Adresse, - die ich [strikethrough:] der [/strikethrough] ihr natürlich nicht versagen konnte; im Falle und der junge Mann Dich aufsucht, u. Du willst u. kannst etwas für ihn thun, wäre ich Dir sehr dankbar, - es genügt ja oft eine Empfehlung, - um das Glück eines Menschen zu begründen, u. Du weißt ja wohl aus Erfahrung wie hart es ist mit wenig Mittel u. Bekannt= schaften in Amerika weiter zu kommen - u. Du würdest Dir durch Deine Güte den Dank einer ganzen in letzter Zeit vielfach heimgesuchten Familie ärndten. -
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Von Richard hören wir selten, - seine Aussichten nach Straßburg zu kommen gewinnen an Festigkeit, - Doch wird Dir dahin keine Ernennung erst nach dem Friedensschluße erfolgen. - Aus der Pfalz hören wir so recht gar nichts; ich werde dieser Tage nach [roman:] Wachenheim [/roman] schreiben. -
Wir hoffen sehr bald von Dir zu hören, daß Du glücklich im Kreise Deiner Lieben ankamst, - u. daß Deine Gesundheit unter der Seereise nicht zu sehr litt, - was sagt Fanny zu dem schwarzseiden Kleid? [roman:] Helène [/roman] zu der Riesenpuppe? u. vor Allem wie geht es Fanny? Hat das Wiedersehen sie entschädigt für die ausgestandenen Leiden?
Unsre Gedanken fliegen natürlich viel zu Euch über's Meer, - u. wir können nur bedauern, daß Du die vom 2ten [dhs?] hier stattgehabten wirklich brillanten Festlichkeiten zur Feier der Capitulation nicht mit angesehen hast, - die Beleuchtung war wirklich brillant, u. Du hättest doch einmal einen bischen großartigren Begriff von [roman:] München [/roman] bekommen; ich sah mir dieselbe zu [strikethrough:] Waggen [/strikethrough] Wagen mit Tante an, - denn die Straßen waren ob der Menschenmassen ungangbar. - Doch nun Adieu für heute Ihr lieben Geschwister, - laßt bald von Euch hören, - das nächste Mal wird Tante schreiben. -
Auch an [roman:] Mr. Frank [/roman] alles Schöne; Dir u den Nichten u. Neffen, - herzlichen Gruß von Eurer Emma. -