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München d. 8ten Mai 1871
Mein lieber Bruder!
Dein lieber Brief vom 15ten April erreichte mich vor 6 Tagen u. beeile ich mich denselben zu beantworten u. Dir als [roman:] pendant [/roman] zu Robert's Photographie die meinige zu zusende die zwar weniger gelungen ist, denn ich habe nun eben einmal diesen fatalen Mund der alle meine Bilder [?] verunschäut. [/?] -
Was Du von Robert's Fett - Zunahme sagst, kann man von mir nicht behaupten, - denn ich bin in den letzten Monaten noch dürrer geworden als ich im Winter war, - das beständige Kopfweh, u. Übeligkeiten bringen mich ganz herunter, - u. da die hier begonnene Stahlcur meinen Zustand nicht besserte besteht nun der Arzt darauf, daß ich eine ernste Cur gebrauche, u. werde ich zu diesem Zweck Anfang Juni nach [roman:] Marienbad [/roman] in [roman:] Böhmen [/roman] müssen, - [strikethrough:] wo ich [/strikethrough] wohin ich zur Reise dahin, als zum Aufenthalt dort, - eine sehr angenehme Gesellschaft in der Gräfin [roman:] Deym [/roman], Schwester des Dktr. [roman:] Walther [/roman] gefunden habe. - Ich gehe ungern in einen Bad - Gebrauch, - namentlich dahin wo es so schwer ist, - doch mein Arzt giebt nicht nach, - u fühle selbst
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zu sehr, daß es so nicht länger fortgehen kann. -
Wie lange ich dort bleibe, hängt von dem Erfolge der Cur, dem Ausspruchs des Bade - Arztes, - u. vor Allem den Geld=mitteln ab, - die bei uns bis jetzt noch nicht groß sind, da wir uns erst seit diesem Monate der Majors-Gage erfreuen, u. dazu gleich unsre Wohnungsmiethe erhöht wurde, - ein Unfug der hier nun allgemein um sich greift, u. von dem nur Tante verschont blieb. - Ich sehe mit Sehnsucht dem Jahre 72 entgegen wo wir die erhöhten preußischen Gebühren bekommen, - so daß man sich doch endlich dieser ewigen Geldsorgen etwas entschlagen kann. - Vier bis 5 Wochen werde ich wohl in [roman:] Marien Bad [/roman] bleiben müssen, - u. da meine Rückkehr hierher dann gerade in die heißeste Jahreszeit fällt soll ich dann noch auf 4 Wochen in eine gute reine Landluft, - u. hängt dieß aber ebenfalls davon ab, ob Geld vorhanden, u. ob ich Gesellschaft finde, denn der vielgeplagte Robert kann nicht auf einen Tag von hier fort. - Daß auch [?] lieber Heinrich fort u. fort [/?] ist uns ein rechter Jammer; es geht eben doch nichts über die Gesundheit das fühlt man erst wenn dieselbe uns mangelt. - Daß Eure Reise nach Europa aufgegeben oder aufgeschoben ist, - beklagen wir zwar sehr; finden es aber unter den
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gegebenen Verhältnißen, - da Fanny's Mutter wieder neuerdings solch beängstigenden Anfall hatte, - u. [roman:] Harold [/roman] doch noch zu klein ist, für eine große Reise, - nur sehr begreiflich. - Namentlich hier, wo das Clima in den letzten Monaten gerade zu gräßlich, - die Sterblichkeit sehr groß namentlich unter den Kindern, - u. Ihr würdet Euch ja ewig Vorwürfe machen, stöße einem der Kleinen etwas zu. -
Die Hoffnung Euch nicht für lange in Deutschland zu sehen bleibt uns, - sie tröstet für momentane Täuschung. - Wir haben ein unbeschreiblich garstiges Frühjahr vom 1ten April bis heute [underline:] keinen [/underline] warmen, sonnigen Tage - immer Regen u. so kalt, daß man geheizt haben muß; die Vegetation ist ganz zurück, - u. erst allmählig fängt der englische Garten zu grünen an. - mir ist das Wetter fast lieb, denn ich bin immer so müde, daß ich doch nicht spaziren gehen könnte. - Tante rüstet sich wieder zu ihrem alljährigen Rosenheimer Bad Gebrauch, wohin sie gegen Ende Mai übersiedeln wird, - für unbestimmte Zeit; sie ist gottlob recht wohlauf, geht spaziren in's Theater u. ich beneide sie oft um ihren heitren Sinn ihr reges Interesse. -
Auch die Xylander'schen sind wohlauf; in 8 Tagen wird die kleine Anna mit [roman:] Resi [/roman] [strikethrough:] u. [/strikethrough] dem Kleinsten Kinde u. der Magd in das bairische Gebirge gehen, u. so
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lange dort bleiben bis Heinrich zurückkehrt, wozu leider noch gar keine Aussichten sind. - Unsre Offiziere schreiben sehr gelangweilte u. heimathsehnsüchtige Briefe, es ist auch gar zu arg daß wegen dieser erbärmlichen Franzosen unsre tapfren Truppen so lange vom häuslichen Herde fern gehalten werden. - Graf [roman:] Tattenbach [/roman], dessen Frau seit Monaten sehr krank ist, bekommt die Erlaubniß auf 14 Tage hierher zu gehen; ich sprach ihn neulich; er sieht gut aus, sagt aber auch wie satt sie Alle den Aufenthalt in Frankreich haben, - wie müde sie dieses Hinwarten sind. -
[roman:] Oscar [/roman] wird nach seiner Rückkehr [strikethrough:] nach [/strikethrough] vorläufig nach [roman:] Augsburg [/roman] versetzt, da so lange die [roman:] Occupation [/roman] dauert ein Theil des Leib - Regiments hier nach [roman:] Augsburg [/roman] muß, auch manch guter Bekannte von uns kommt da von hier fort. - Neues, giebt es hier sonst nichts; die Familie Heintz ist wohlauf grüßt Euch bestens u. dankt für das ihr zugesandte Programm der New - Yorker Friedens - Feier, - Auch wir erhielten dasselbe, wie auch die deutsche Zeitung mit der Beschreibung der Festlichkeiten, das muß ja kolosal gewesen sein, - u. jedenfalls großartiger als jede Feier in Deutschland selbst.
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Der armen vielgeplagten [roman:] Maman Fanny [/roman], hat hoffentlich der Aufenthalt in New - York, das Ausruhen von den häuslichen Sorgen recht gut gethan, - u. sind die dicken Backen wieder gekehrt, - mager, kann ich mir die Kleine absolut nicht vorstellen. -
Noch ist nicht bestimmt wann Emil's Hochzeit Statt findet, - es scheint aber noch im Jahre 71. -
Frau von [roman:] Bauer [/roman] hatte das [roman:] Malheur [/roman] neulich im Zimmer hin zu fallen u. den Arm zu brechen; Frau [roman:] von Fleschurz [/roman] Wohnungsmiethe wurde derartig erhöht, daß sie nun eine andere sucht, daran ist hier nun großer Mangel, da die Bevölkerung hier sehr zunimmt namentlich Juden massenhaft hierher ziehen u. die höchsten Miethzinse zahlen. - Da wir nur um 25 fl gesteigert wurden u. ein Umzug das Doppelte kosten würde, bleiben wir wohnen, trotz der Höhe, - u. so sehr schwer mir bei meiner Müdigkeit das Treppensteigen fällt. -
Frau [roman:] von Trentini [/roman] hat seit 2 Monaten keine Nachrichten von ihrem amerikanischen Sohne u. weiß
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nicht ob sich derselbe nach [roman:] Boston [/roman] gewendet hat oder nicht; - ihr andrer verwundet u. gefangener Sohn ist wieder ganz wohlauf u. seit Wochen Batterie - kommandant des Forts [roman:] Charenton [/roman]. -
Auch [roman:] Oscar [/roman] mit seinem Regiment liegt bei [roman:] Charenton [/roman], Heinrich in [roman:] Nogent sur Marne [/roman], Emil in [roman:] Boissy St. Leger [/roman], u. Alle langweilen sich möglichst. -
Aus der Pfalz habe ich durch Louise Wolf Nachrichten; dieselbe klagt auch sehr über Kopfleiden u. wird mit ihrer Nichte im Juli auf einige Wochen nach [roman:] Leligsberg [/roman] in der Schweiz gehen. - Endlich sind die durch Sterbfälle erledigten Stellen des Appellgerichts Präsidenten u. Generalprokurators in Zweibrücken wieder besetzt; erstere durch Ministerialrath [roman:] Weihs [/roman] letztere durch Oberappellrath [roman:] [?] Löw [/?] [/roman], - statt dessen kam Herr Schmitt als Oberappellrath hierher. - Wenn doch Richard ein mal dieses Glück blühen wollte; er ist so schreibfaul, daß wir seit Wochen nichts von ihm hörten. - Doch nun lebt wohl, - die besten Grüße von Tante, [roman:] Robert [/roman] u. mir an Groß u. Klein; - Schon Dich recht lieber Bruder u. gieb uns bald wieder Nachricht. - Deine Emma.