München d. 24/8 70.
Mein lieber Bruder!
Gestern erhielt ich Deinen u. Fanny's lieben Brief, - den ich sogleich weiter an Tante nach [roman:] Rosenheim [/roman] schickte, mit der Weisung, sie dann [?] allzugleich [/?] Richard nach Durchlesen zu kommen zu laßen. - Da über alles [illegible], unsre tapferen deutschen die Franzosen derart angriffen, - daß dieselben keinen Fuß in unser Vaterland setzten, - da Sieg auf Sieg auf deutscher Seite ist, - u. die französische Armee der Art geschwächt ist, - daß jedenfalls auch die letzte Entscheidungs Schlacht vor [roman:] Paris [/roman] zu unsren Gunsten ausfallen muß, - so sind Gottlob Deine Besorgniße für uns lieber Heinrich, nur ferner unbegründet, u. wirst Du auch den Plan noch in diesem Jahre zu uns zu kommen wohl aufgeben; achte vor allem auf Deine Gesundheit, - erfreue Dich, - nun Du es mit Gemüthsruhe kannst des Landlebens, - u. spare alle Kräfte u. Mittel für einen langen Aufenthalt mit Deiner Familie bei uns im kommenden Jahre, - dieses Jahr wäre derselbe doch nur unvollkommen, - erstens ist die Jahreszeit eine schon vorgerückte, - Robert ist nicht hier, u. Richard könnte nicht von Frankenthal weg, da die Beamten während der Kriegsdauer nicht in Urlaub dürfen. - Daß Richard um eine Offiziersstelle nach= gesucht hat, habe ich Dir schon in meinem letzten Briefe vom 12ten Aug. geschrieben; er wurde jedoch abschläglich beschieden, da wir noch Überfluß an Offizieren haben; er will nun [illegible] einem Lebensmittel Transport suchen auf [illegible] [illegible (paper damaged)] da er [illegible (paper damaged)] das Vaterland thun will. -
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Ich lege Dir hier den ersten u. einzigen Brief Robert's bei, - der Dich, wenn auch sehr flüchtig gehalten doch recht interessiren wird; außer diesem erhielt ich nach Statt gehabten Schlachten, stets nur Correspondenzkarten, - die mich über meines [illegible] Ergehen beruhigten; die Truppen sind beständig auf dem Marsche u. das regnerische Wetter was wir seit 2 Wochen haben, erschwert natürlich die [illegible, 2 words] sehr. - Alle Nachrichten vom Krieg= schauplatze gelangen erst nach 6 - 7 Tagen zu uns, - es soll das preußisches System sein, - damit man erst die betreffende Marschroute erfährt, wenn sie bereits zurückgelegt ist. - Du kannst Dir aber denken, - in welche Aufregung uns die Ungewißheit über unsrer Lieben ergehen, - beständig versetzt. - Gott gebe, - daß wir auch weiter Glück haben. Alles ist erfüllt von Tapferkeit unsrer Truppen, - seit mehreren Tagen, - stehen hier auf dem Platze vor der Residenz, - 5 [illegible] Kanonen u. eine [roman:] Mittrailleuse [/roman], - Gefangene Franzosen wurden [roman:] en masse [/roman] hier durch nach Ingolstadt gebracht, leider sah ich aber bis jetzt noch keinen derselben. -
Hier, - nichts Neues, - Alles hat nur Sinn für den Krieg, u. seit die Truppen fort sind, ist die Stadt wie ausgestorben. - Tante, wird wohl noch bis Anfang [roman:] September [/roman] in [roman:] Rosenheim [/roman] bleiben. - Die guten Nachrichten von Euch erfreuen uns sehr, - küsse Fanny u. die Kinder von mir. - Ich fasse mich heute so kurz, - da ich Dich nicht länger auf Nachrichten warten lassen will, u. noch Robert schreiben muß, - dessen 40ter Geburts= tag heute ist. - Wo wird er wohl denselben zubringen? Ich fühle mich heute doppelt vereinsamt. -
Adieu mein lieber Bruder, vielen Dank für Deine Theilnahme, - und [illegible] von Deiner Emma.