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München d. 12/8 70.
Mein lieber Bruder!
Als ich Dir zuletzt schrieb, - war ich noch [insertion:] in [/insertion] Wachenheim, - fing an mich dort recht behaglich zu fühlen, - u. wollte Monate in der schönen Pfalz verbringen. Grausam zerstörte der Himmel diese Pläne, wie ein Blitz aus heitrem Himmel, kam dieser unheilvolle Krieg.; ich saß gerade mit Louise am 17ten Juli beim Frühstück um 9 Uhr, - als mir der Bote ein Telegramm Robert's brachte, das schon tags vorher hier aufge=geben war, - worin ich unverzüglich hierher zurück berufen wurde, da die Mobilmachungsorder gekommen sei. Denke Dir meinen Schrecken, - zuerst wie gelähmt, - kam mir plötzlich der Gedanke, - daß wenn ich rasch packte ich noch desselben Abends nach München kommen könne, - da in ruhigen Zeiten dies nicht zu [illegible] ist. - In weitren 3/4 Stunden war gepackt, u. saß ich in der Eisenbahn - mit welchen Gefühlen, - immer von der Angst beseelt R. nicht mehr zu treffen, kannst Du denken. - Man rieth mir über Maxau u. Karlsruhe zu gehen, - auf der andern route gingen schon Truppenzüge, doch in Maxau, war auch die Rheinbrücke schon abgefahren, - man würde mit Kähnen übergesetzt, - überall kamen schon die Züge zu spät, - in Karlsruhe, Mühlacker, Stuttgart, - stundenlanger
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Aufenthalt, - so daß ich erst am 18ten morgens 9 Uhr hier ankam, - nach einer entsetzlichen Nachtfahrt, gottlob war Robert noch hier und blieb auch noch bis zum 29ten. - Er war die ganze Zeit General [roman:] Tann [/roman] zugetheilt u. sollte es auch im Kriege bleiben. Da kam am 27ten der Kronprinz v. Preußen, der Anführer der Süd - Armee hierher, - er wünschte noch einen bairischen Generalstabsoffizier in sein Hauptquartier - u. wurde Robert dazu ausersehen, er ist also während des ganzen Kriegs im Hauptquartiere des Kronprinzen, - hat eine sehr schöne, ehrenvolle Stellung, - äußerst interessante Persönlichkeiten umgeben ihn, - u. zu meiner Beruhigung, scheint er den feindlichen Kugeln nicht so sehr preisgegeben zu sein. -
Von hier ging Robert direkt nach [roman:] Speier[/roman], wo damals des Kronprinzen Hauptquartier war; ich erhielt zum 3ten [?] dhs [/?] ein paar Zeilen von dort, den Abend vor sie nach [roman:] Weißenburg [/roman] marschierten, - damals war Robert sehr wohl u. vergnügt, nun hörte ich nichts Weiteres bis heute Morgen, - wo ich zugleicher Zeit eine nach der Weißenburger [insertion:] am 4ten [/insertion] u. eine nach der [roman:] Wörther [/roman] Schlacht [insertion:] auf [/insertion] geschriebene Notiz erhielt, - wonach er bei beiden war, - aber gottlob unversehrt blieb, - ebenso sind auch seine Brüder bis jetzt verschont. - Nach vielen bange durchlebten Tagen athme ich nun wieder auf, - denn seit [roman:] Wörth [/roman] fiel ja nichts mehr von Bedeutung vor. -
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Das Glück der deutschen Waffen, - unsre bisher so glänzenden Siege erfüllen uns mit großer Freude u. Zuversicht daß auch das Ende des Krieges das wir natürlich sehr herbei=sehnen, - für uns nur ruhmvoll sein werde. - Noch giebt es Großes zu thun, - noch werden Ströme Blutes fließen, - doch die Deutschen halten so zusammen, der Enthusiasmus ist so gewaltig, - daß das übermüthige Franzosen Volk das schon jetzt so gedemüthigt ist, nicht mehr stolz sein Haupt erheben darf. -
Morgen geht von hier ein freiwilligen Corps von 200 Studenten nach Metz ab: dort erwartet man in diesen Tagen eine Entscheidungsschlacht, - Gott gebe, - daß die Unsren siegen, - u. unsre Lieben ungefährdet daraus hervor gehen. - Bis jetzt haben wir trotzdem schon viele Offiziere gefallen sind, noch keine nähren Bekannten zu beklagen, - doch das war nur ein Vorspiel, - vor dem Haupt - ackt bangt mir entsetzlich. -
Auch Richard hat sich um eine Offiziersstelle gemeldet, aber noch keine bestimmte Antwort erhalten können. - Ich bin natürlich jetzt sehr niedergedrückt u. das viele Allein=sein, - trägt auch nicht zur Erheiterung bei. Tante sitzt ruhig in Rosenheim, - wo sie noch bis Ende [?] dhs [/?] zu bleiben gedenkt, - sie hat mich eingeladen zu ihr hinaus zu kommen, - doch kann ich mich nicht entschließen von hier, der eigentlichen
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Quelle der Kriegsnachrichten fortzugehen, - auch war in der letzten Woche hier das Wetter so schlecht, - daß man recht gern in der Stadt verbleibe - Viele meiner Bekannten sind noch auf dem Lande, - u. verkehre ich seit unsre Armee fort ist, die so manchen, mich fleißig besuchenden Freund entführte, - fast nur mit Frida Heintz u. meiner Schwiegermutter. - Die arme alte Frau ist natürlich durch den Abschied von ihren 4 Söhnen sehr angegriffen; - Heinrich's Frau, hat 3 Tage ehe er ausmarschirte ein Mädchen zur Welt gebracht, u. ist natürlich durch körperliche u. seelische Erschütterungen sehr mitgenommen; Heinrich ist Adjudant des General Orff, - Commandanten der II. Inf. Brigade des I Armee Corps. - Emil, - führt seine Eskadron des 4ten Chevaulegers - Regt's in's Feld u. Oscar ist als Generalstabsoffizier bei dem II Armee Corps. - Nie noch, traf alles ein Krieg wohl so unvorbereitet wie dieser, - u. gewiß grade, weil er so ungerecht begonnen, - muß er für den, - der dieß Unheil hervorrief auch unheilvoll enden. - Der allgemeine Wunsch, aller Hoffnung ist, - daß [roman:] Napoleon [/roman] sich dieses Mal sein Grab selbst gegraben hat, - u. hoffen wir, daß mit seinem Sturze uns ein dauernder Friede erwachsen möge. - Ich sehe mich schon in Gedanken in [roman:] Paris [/roman], - ziehen wir als Sieger dort ein, - dann hält mich keine Macht der Erde ab, Robert dorthin nachzugehen, der lang gehegte Wunsch [roman:] Paris [/roman] zu sehen, würde dann auf die herrlichste
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unverhoffteste Weise in Erfüllung gehen. -
Von Erholung für meinen Körper ist natürlich unter diesen Verhältnißen keine Rede, - kommen wir doch Tag u. Nacht nicht aus der Unruhe heraus; ich hatte mich in der kurzen Zeit in [roman:] Wachenheim [/roman] recht gekräftigt, - aber nun ist Alles um so mehr dahin, - u. ich habe oft Mühe mich auf=recht zu erhalten, - so müde u. elend fühle ich mich, - nach diesem qualvoll heißen Sommer, - u. diesen verschiedenen Alterationen. -
Dein lieber Brief, - der so viel Theilnahme mir unverdings zeigte, - vom 17ten Juli, kam mir vor einigen Tagen zu, u. ging sogleich an Tante weiter. -
Gottlob bedarf ich [illegible] jetzt in keiner Weise Deiner Hülfe, u. da der Kriegsschauplatz wieder aller Erwarten, - ferne von der Pfalz, auf französischem Boden sich befindet, hoffe ich, soll auch Tante nicht in Geldverlegenheit kommen; ich meinestheils bitte Dich nur, - da jetzt alle Posten sehr unregelmäßig gehen, - mir den Betrag für die Wohnungsmiethe die [strikethrough:] 2 [/strikethrough] am 29ten September fällig wird, - mir bis gegen den 20ten [insertion:] Sept. [/insertion] schon zu schicken, - damit ich sicher bin, sie zu haben, - ich ängstige mich sonst immer furchtbar ab, - u. wüßte auch nicht, falls Dein Geld aus bliebe, ohne R. an [strikethrough:] [illegible] [/strikethrough] [insertion:] wen [/insertion] ich mich in dieser Verlegenheit wenden sollte, - denn Tante klagt immer
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über Geldmangel u. Richard hat durch die massen=hafte Einquartierung unter der die ganze Pfalz u. namentlich Frankenthal Wochenlang seufzte (R. hatte allein 16 Mann) auch keine überflüssigen Gelder. - So Gott will wird doch Robert nun noch in diesem Jahre Major, - es würde mich das um so mehr freuen, damit wir Deine brüderliche Großmuth nicht ferner so in Anspruch nehmen müßten. - Hoffentlich bekömmt Dir u. Deinen Lieben der Aufenthalt in den weißen Bergen recht gut, - sorge Dich nicht um mich lieber Bruder, wir sind hier gut aufgehoben, - fern vom Kriegsgetümmel, - u. hoffen zu Gott, daß großes Unheil unsren kleinen Familien=kreis verschonen möge. -
Wir werden uns natürlich sehr freuen im nächsten Früh=ahre Euch Alle hier zu sehen, - ich denke wir gehen dann zusammen wohin auf's Land, - was den Kindern jedenfalls zuträglicher ist als die Stadtluft, - u. die Hauptsache ist ja, daß wir beisammen sind; doch wer kann eigentlich nur an Pläne machen denken, - wie schon schmückte ich mir diesen Sommer auswärts aus, - und sitze ich hier einsam in dem heißen München, - das Herz voll Jammer, - u. wann wird das enden? Doch nun Adieu, - sonst überkommt mich wieder eine verzweifelte Stimmung. - Tausend Grüße Fanny, den Kindern u. Verwandten, - u. Dir lieber Bruder einen Kuß von Deiner Emma. -