[roman:] Brooklyn, März [/roman] 10. 1859
Meine liebste Mutter!
Es ist so lange her daß ich Dir nicht schrieb u. ich kann mir vorstellen wie Du bereits unruhig u. besorgt wirst, daß so lange kein Brief von mir gekommen ist. Die Ursache war eines Theils eine leichte Erkältung, andern Theils der Umstand daß meine Zeit sehr in Anspruch genom=men ist. Ich habe schlimme Zeiten durchgemacht, habe ein Mädchen nach dem andern gehabt u. zeit=weise gar keines. Das letzte Mädchen wollte nicht bleiben weil sie Kohlen u. Wasser in's zweite Stockwerk zu tragen hatte; eine andere die auf dem Wege zu mir war wurde von Lisbeth's Freundinnen, im Neben=hause aufgefangen u. von ihr so gegen mich eingenommen, daß sie sogleich umdrehte u. sich nie wieder blicken ließ. Wenn ich indessen höre was eine jede Hausfrau in Bezug auf Dienstleute hier durchzu=machen hat, so darf ich noch nicht einmal klagen. Jetzt habe ich endlich ein Mädchen, die auf's beste empfohlen ist, gut kochen kann, behaglich ist u. den Willen zeigt Alles nach meinem Sinne zu thun. Ferner habe ich ein Kindermädchen engagirt, die nächste Woche ihren Dienst bei mir antritt. Sie ist jünger als ich gewünscht hatte, doch hat sie von der Dame bei der sie 3 Jahre war, ein so gutes Lob, daß ich meinte ich dürfe diese Gelegenheit, ein gutes Mädchen für Lili zu bekommen, mir nicht entgehen lassen. Ich war sehr erstaunt, daß Du meintest Lisbeth habe viel bei mir zu thun gehabt. Denke doch daß sie nichts als die kleine Küche zu scheuern hatte u. kein kein anderes Zimmer als mein Schlafzimmer zu besorgen hatte. Die Treppen haben Teppiche, die Plätze zwischen den Treppen Wachstuch; Decken u. Abdecken des Tisches besorgte E. B. In Bezug
[page 1, left margin:] Die Reseda ist von einem Stock der in unserem Zimmer blüht [/page 1, left margin]
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auf die Wäsche muss ich Dir eine längere Ausein=andersetzung machen. Es ist die allgemeine Sitte hier in jeder Familie jede 8 Tage zu waschen u. das Amt der Köchin, auch der bestens ist es die Wäsche (Bügeln mit eingeschlossen) allein u. ohne Hülfe zu besorgen. Ich konn=te davon keine Ausnahme machen, weil es keine Waschküche, folglich auch keinen Waschkessel u. andere Annehmlichkeiten giebt. Die Wäsche wird in einem langen zinner=nen Gefäß gekocht was gerade auf den Kochherd passt u. nicht größer ist, als eben für die Wäsche, die in einer Woche ge=braucht wird, nöthig ist. Um Lisbeth die Mühe zu ersparen das Wasser zur Wäsche hinauf zu tragen, hatte [roman:] Mrs. St. [/roman] ihr erlaubt in ihrer Küche zu waschen, wo das Wasser ihr in das Kübel lief. Eine Waschfrau zu halten ist ein großer Luxus; eine solche Frau bekommt so viel wie einen Thaler täglich. Nun muss ich aber noch nachträglich bemerken daß das Waschen hier mit Hülfe von einer Maschiene in unvergleichlich kürzerer Zeit gethan werden kann als bei uns zuhause. Ich habe mich mehr als einmal überzeugt, daß ein Mädchen von 9 Uhr Morgens an bis 4 Uhr Nachmittags bequem alle unsere Wäsche kann gewaschen u. gestärkt u. aufgehängt haben. Ein jedes Mädchen hier hat ihre Wäsche den einen Tag ge=waschen u. den zweiten gebügelt. Und nun denke, daß ich, was hier beinahe Nie=mand thut, alle Bettwäsche, Tischwäsche, meine Hemden u. Hosen u. Bayard's Hemden außer dem Hause habe waschen lassen u. daß E. B. die feinen Sachen u. Lili's Jacken, Mützen u. Geiferlätzchen wusch u. bei dem Bügeln das Beste that.
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Ich bin aber doch froh, daß Du Lisbeth's Bruder meinen Brief geschickt hast. Ich fühlte als ob ich eine Art von Verantwortlichkeit für das Mädchen hätte, weil ich sie mit mir in ein fremdes Land gebracht u. würde sie auch den letzten Abend noch behalten haben, wenn sie mir nur durch ein einziges Wort, ein einziges Zeichen gezeigt habe, daß es ihr leid thue sich so betragen zu haben. Ferner wollte ich daß Ihr Bruder genau den Sachverlauf kenne, damit weil ich nicht wissen konnte was L. ihm schreiben würde. Sie hat mich auf so unverschämte Weise belogen daß ich Alles von ihr erwarten kann.
Sage der Tante Bufleb daß sie sich, weil sie L. vorgeschlagen hat, durchaus keine beunruhi=gende Gedanken machen muss. Hätte sie im Voraus wissen können wie L. sich zeigen würde, so würde sie sie natürlich nicht [insertion:] vorgeschlagen [/insertion] haben. Ich trage dann ebenso voll die Schuld, weil ich sie gleich, ohne sie zu ken=nen engagirte.
Doch nun genug von dieser unangenehmen Affaire.
Eure Briefe überraschten mich höchst angenehm letzte Woche. Wie froh war ich zu hören daß Du, liebe Mutter wieder bessere Tage durch das neue Mädchen hattest. Möchte es nur so bleiben u. möchte sie recht schnell das Kochen lernen. Da Du ihr einmal lehren mußt, lehre ihr nur auch das Kuchenbacken, jede brauche diese Kunst - damit Du Dich in diesem Departement mit weiter nichts als mit dem Essen des Kuchens abzugeben hast. Ich bin überzeugt das [sic] wür=de Dir viel zuträglicher sein als das Backen. Wie sehnlichst werden meine Gedanken an Deinem Geburtstage bei Dir weilen. Ob Du wohl Lili's Bild richtig erhältst?
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Ich möchte so gern des lieben Vater's Vor=lesung haben. Kann sie Ida nicht für mich abschreiben u. sie mir, nach u. nach, in jedem Briefe einen dünnen Bogen, schi=cken? Sind [roman:] Dr. Schwarz [/roman] seine Pre=digten schon im Druck erschienen? Ich wünsche sehr ein Exemplar davon zu haben u. möchte Du sprächest mit [roman:] Thienemann [/roman] darüber ob ich nicht durch Buchhändlergelegenheit ein solches bekommen könnte.
Wie steht es mit dem Kriege? Ich fühle mich sehr beunruhigt darüber. Schreibe mir von politischen Nachrichten Alles was Du weißt. Ich erfahre da=von hier so gut wie nichts.
den 11. Es war gestern Abend zu spät meinen Brief zu schließen u. der heutige Tag verging un=ter vielerlei Beschäftigungen. Ich habe [?] eine [/?] u. habe Einkäufe gemacht u. [roman:] Emma Taylor [/roman], die Morgen fortgeht geholfen ihre Sachen zusammenzupacken - u. jetzt scheint es als ob Lili mir nicht erlauben wollte zu schreiben. Sie sitzt in ihrem Stühlchen eingesperrt u. macht: patsche, patsche Kuchen, indem sie ihre Händchen zusammen klappt u. schrecklich lamentirt, daß ich sie nehmen soll. - Ich musste sie nehmen, Tante [roman:] Emma [/roman] ist aber gekommen mich von ihr zu befreien. Lili gedeiht herrlich, wächst an Körper u. Geist, wird wild u. aus=gelassen u. fängt an Spaß aller Art zu machen. Doch um der Wahrheit gemäss zu reden muss ich ein Klagelied über ihr gar zu großes Wachsein anstim=men u. erzählen wie sie weder am Tage zum Schlafen zu bringen ist, noch des Nachts ordentlich schlafen will.
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Ich habe keine Nacht ungestörte Ruhe u. mitunter sogar harte Kämpfe mit ihr zu bestehen. Sie kommt jede Nacht zwei Mal um zu trinken u. lässt sich das nicht nehmen u. ist, sie mag des Abends früh oder spät zu Bette gehen, um 5 Uhr Mor=gens wach u. munter. Ihr unruhiger Schlaf des Nachts hat wahrscheinlich viel mit ihren Zähnen zu thun u. kommt von Überreitzung der Nerven her. Sie erinnert mich oft an Ida, als diese klein war, indem sie des Nachts mit offenen Augen u. doch wie in einem Traum ganz außer sich scheint u. sich wild umsieht, als ob sie sich fürchte. Zu andern Zeiten aber scheint sie auch eigensinnig u. würde gut still sein, wenn ich nur aufstehen u. sie auf meinen Arm nehmen wollte. Doch das thue ich nicht mehr u. deswegen habe ich die Kämpfe zu bestehen. Zu andern Zeiten kommen auch wieder Nächte wo sie gut ist u. nach dem sie getrunken in ihrem Bettchen, ohne gewiegt zu werden, einschläft. Ich stille sie nur noch des Nachts u. meine Milch reicht nur eben dazu aus. Am Tage bekommt sie Gerstensuppe, Morgens u. Nachmittags u. Abends u. Kornsuppe des Mittags, u. dann u. wann auch wohl Hafer=oder Rindfleischbouillon mit etwas Gerstenmehl darin. Dieses Futter schlägt tüchtig bei ihr an, sie hat Trutscheldicke Beine u. Arme u. weiß vor lauter Lebenslust nicht was sie anfangen soll. Im Bade u. beim Anziehen ist sie so wild daß zwei Personen vollauf mit ihr zu thun haben. Neulich, um sie an die Luft zu bringen fuhr ich mit ihr ein Stück in der Pferdebahn. Der Wagen war gedrängt voll u. wir saßen tüchtig eingepresst. Da dreht sie sich zu dem Herrn mir zur Linken um u. fährt ihm
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in den Bart u. als ich sie nun nach der andern Seite drehe, greift sie einer alten, schmutzigen Frau in ihren Handkorb u. als ich auch das nicht erlauben wollte fing sie an auf meinem Arme in die Höhe zu schnellen ohne Aufhören. Ihre Lebendigkeit amüsir=te alle Damen im Wagen. Seit 8 Tagen habe ich ihr kurze Kleider angezogen, damit sie anfangen kann zu rutschen. Sie versteht es aber noch nicht ordentlich. Aber patsche, patsche Kuchen macht sie mit ihren kleinen Händchen u. benutzt das Kunststück als eine Art von Bestechung wenn sie genommen sein will. Könnte ich sie Euch nur einmal zeigen. Auch mir thut das Herz weh, daß Ihr sie nicht sehen könnt. - Ich schickte Bayard Deinen Brief worin Du uns von der Frau [roman:] Wagner [/roman] schreibst. Er antwortete mir darauf, daß die Erfahrung mit Lisbeth uns zwar gegen eine neue Importation von Dienstleuten warnen sollte, daß er aber sehr bereit=willig wäre das Überfahrtsgeld für eine Kinderwärterin zu zahlen, wenn sie wenn sie eine wirklich zuverlässige Frau wäre u. wenigstens so lange bei uns bleiben wolle bis wir wieder nach Europa kommen. Da mir nun eine Kinder=frau wie die [roman:] Wagner [/roman] von unsäglichem Nutzen sein würde, so möchte ich wohl daß Du sie einmal fragtest ob sie sich dazu entschließen könnte nach Amerika zu kommen, unter der Verbindlichkeit so lange zu bleiben bis wir unsern nächsten Besuch in Gotha machen, das heißt 2 - 3 Jahre. Ich bin nicht in so großer Eile, da ich vor der Hand ein Mädchen gefunden habe, die mir sehr empfohlen, doch freilich ganz uner=fahren ist u. sie wird für's erste genü=gen u. selbst wenn sie viel Wachsam=
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keit von meiner Seite bedarf, kann ich mich für diesen Sommer, wo ich an meiner Schwiegermutter Hülfe habe, mit ihr behelfen. Ich habe Zeit Deine Antwort abzuwarten u. mich dann, wenn die Frau keinen abschlägigen Bescheid giebt, zu entschließen. Ich würde ihr monatlich 8, oder auch wohl 10 Dollar Lohn geben - das sind über 10 rt, oder über 13 rt. Du brauchst ihr vor=läufig nur von 10 rt monatlich zu sagen.
Du schreibst mir daß [roman:] Emma's [/roman] Mädchen einen bösen Fuss habe u. [roman:] Wagner [/roman] auch eine Wunde am Fuße. Wie haben sie das denn bekommen? Ich hoffe an [roman:] Emma [/roman] nächstens zu schreiben, so=bald ich etwas mehr Zeit habe. Dann werde ich auch meine Briefschulden an Ida u. Lulu Hess abtragen. In Bezug auf Bayard's Geburts=tag vergaß ich Dir eine Erläuterung zu geben. Bayard hatte nehmlich? seinen Plan für die Vor=lesungen im November gemacht u. dabei durchaus nicht an seinen Geburtstag gedacht. Als er es gegen mich erwähnte daß er den 10. Jan. nach dem Westen abreise, erinnerte ich ihn erst daran u. dann war es zu spät um noch eine Änderung zu machen. Um nun aber doch den 11. Jan. miteinander zu verleben hatten Bayard vorgeschlagen daß war Alle ihn begleiten u. erst den 12. zurückkehren sollten. Alles war dazu vorbereitet, da machte uns die plötzlich eintretende Kälte einen Strich durch die Rechnung. Ich ließ Lili nun zu Hause u. begleitete Bayard nur eine kurze Strecke.
[roman:] Lizzi Stoddard [/roman] trägt mir auf Dir "her love" (ihre Liebe) zu senden. Wir leben in schön=ster Harmonie zusammen u. helfen uns ge=genseitig in allen Nöthen aus. Sie u. ihr Mann sind originelle Menschen aber höchst liebens=würdig u. gut. Sie ist klein u. zart, u. nicht schön, aber sehr lebhaft u. witzig u. sehr gerade aus in ihr allem was sie sagt. Er ist auch klein
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u. mager mit schwarz gelocktem Haar u. Bart, von interessantem Äußern u. mit etwas sehr freundlichem, ja sogar zartem in seiner Stimme u. seinen Worten. Beiden, ausge=stattet mit Geist u. Genie, fehlt weiter nichts als Geld. Sie sind leider arm für diese Stadt, u. müssen äußerst ökonomisch leben um mit dem was sie haben auszu=kommen. [roman:] Stoddard [/roman] hat ein kleines Amt beim Zoll u. schreibt für Magazine. Seine Gedichte, die sehr schön sind, bringen ihm nicht viel ein. [roman:] Lizzi [/roman] schreibt Gedichte u. Geschichten für Maga=zine u. Briefe für eine Zeitung in Californien. Die letzteren bringen ihr das meiste ein. Sie ist diesen Winter über ziemlich schlecht bei Kräften. Sie erwartet Ende Mai ein zweites Wochenbett.
Tante Auguste hat Dir wohl von [roman:] Emma Braistedt [/roman] gesagt. Sie erwartet ihre Nieder=kunft im Juni. Sie ist vorigen Monat mit [roman:] John [/roman] nach [roman:] Kenett [/roman] zurückgekehrt u. ich habe vorgeschlagen daß sie dort bleibt, da sie sich doch schonen muss u. mir deswegen nicht von großer Hülfe sein kann. Sie ist sehr gut von Herzen u. hat den allerbesten Willen sich nützlich zu machen, aber leider ist es ihr nicht gegeben das zu sein, was sie sein sollte. Sie ist selbst hülfloser u. beschränkter als ich je dachte. Es fehlt ihr gänzlich an Urtheil u. an Sinn für Ordnung u. Regelmäßig=keit. Ein gewöhnliches Mädchen kann mehr in der Wirthschaft leisten u. weiß mehr als sie u. es ist deshalb außer aller Frage, daß sie keine Haushälterin für mich sein kann. Ich habe sie genug geprüft um ganz entschieden darin zu sein. Bayard hat es auch eingesehen u. schon Vorkehrungen getroffen daß [roman:] John [/roman] u. [roman:] Emma [/roman] einen klei=nen Haushalt für sich selbst haben werden. Wie sie mit dem kleinen zu erwarten=den Wesen zurecht kommen soll weiß ich wirklich nicht, denn wie in meinem Leben