[roman:] Brooklyn, N. Y. [/roman] Jan. 25. 1859
Meine liebste Mutter!
Eure sehr willkommenen Briefe kamen alle vor einigen Tagen u. haben uns große Freude ge= macht. Heute habe ich sie an Bayard geschickt, damit er auch von Euch hört. Ich habe die besten Nachrichten von ihm. Er schreibt mir heute erst, daß er überall den nämlichen Success hat, sich ganz wohl u. nicht halb so ermüdet wie vor einem Mo= nat fühlt u. nichts von seiner Breite verliert. Von Lilian habe ich an Ida viel geschrieben u. so wieder= hole ich es nicht in diesem Briefe. Die Schuld aber, liebe Mutter, daß sie des Nachts [?] ernährt [/?] wurde lag weniger an uns als an der Reise. Wie oftmals habe ich darüber gejammert, daß wir sie während derselben [?] ernähren [/?] mussten. Sie wird übrigens [?] jetzt= tiger [/?] u. es sind schon viele Wochen verstrichen, seit= dem sie zuletzt des Nachts herumgetragen wurde. Seit einigen Tagen schläft sie auch des Morgens etwas länger oder spielt wenigstens ruhig in ihrem Bettchen, weil ich sie eines Morgens darin ausschreien ließ u. nicht nahm, wie sie gewöhnt war. Sie gewinnt aller Herzen, durch ihre Liebens= würdigkeit, ihr liebes, sonniges Lächeln u. ihre Lebendigkeit. Sie hat eine ungewöhnliche Stärke in den Muskeln u. ist ein sehr gesundes Kind. Ich kann Gott nicht genug für dieses Glück danken. Sie bekommt jetzt [?] mitunter [/?] Bouillon zu Mittag u. anstatt des Griesmehls [roman:] Oatmeal [/roman], etwas was wie Roggenmehl aussieht u. sie weit mehr zu befriedigen scheint. Meine Milch nimmt aller= dings immer mehr ab, ich will aber doch nicht ab= stillen. - Dein Zahnweh, liebe Mutter, ist recht böse, Nichts greift die Nerven so an wie dieses Übel. Brauchst Du nichts dagegen? Du solltest es doch ja nicht so gehen lassen. Thue es uns zu liebe u. brauche einmal et= was durchdringendes, u. backe vor allen Dingen Deine Kuchen u. nimm ein Mädchen die das Kochen allein besorgen kann. Ich sehe jetzt daß zwischen der Führung einer kleinen u. der Führung einer großen Wirth= schaft kein so bedeutender Unterschied ist; denn diesel= ben Dinge sind in der einen wie in der andern zu thun, nur daß der Maaßstab in der letzteren ein größerer ist. Deshalb musst Du Dich nicht wundern wenn Du jetzt ebenso wenig wie früher zu etwas kommst, son= dern solltest vielmehr suchen es Dir jetzt, wo Du älter bist u. die meisten Deiner Kinder versorgt hast, etwas leichter zu machen u. Dir mehr Hülfe zu verschaffen
[page 2 (sheet 2, left-hand side):]
Du würdest dadurch uns allen eine große Beruhi=
gung verschaffen u. bald finden daß Deine
Kräfte sich erholten u. wiederkehrten. Ich weiß
es, liebe Mutter, daß es recht hart ist die meisten
von uns in so weiter Ferne zu haben - u. ich
selbst fühle es viel härter als ich früher dachte -
aber das Leben ist einmal unvollkommen u.
wir müssen das beste daraus machen was wir
können. Wenn die fernen Lieben uns glücklich
sind u. gesund, so müssen wir die Trennung,
die Gott verhängt hat, geduldig u. ergeben hin nehmen.
Ich bin ein großes Theil mehr um Dich besorgt, weil
ich weiß daß Deine Gesundheit schwach ist u. Du Dich
nicht gehörig schonst, als Du um mich zu sein
brauchst. Dabei fällt mir auch ein, daß ich in
den letzten Tagen sehr durch die kriegerischen
Nachrichten aus Europa beunruhigt ward.
Schreibe mir in Deinem nächsten Briefe etwas
darüber, was man hofft u. was man fürchtet
- ich bete so lange in der Stille: Gott behüte das
deutsche Vaterland vor einem Kriege! - Wie
geht es mit des guten Vater's Augen? Du schriebst
uns nichts wieder davon u. so nehme ich an u.
hoffe von ganzem Herzen daß es so ist, daß sie
besser sind. Ist der abscheuliche Encke noch [?] nicht [/?]
worden, wie er verdient? [roman:] Dr. Gould's [/roman]
Affaire, ist, wie ich neulich zufällig in einer Zei=
tung sah, soweit beendigt, daß er mit Gewalt [strikethrough:] un [/strikethrough]
gezwungen worden ist das [roman:] Dudley Observatory [/roman]
in [roman:] Albany [/roman] zu verlassen. Onkel [roman:] W. [?] Bram [/?] [/roman] sage
daß [roman:] Theodor Parker [/roman] in [roman:] Boston [/roman] genöthigt ist seiner
Gesundheit wegen in in ein südlicheres Klima zu
gehen. Die Ärzte meinen er habe Auszehrung.
Es ist auch die Rede davon daß er nach Europa
geht, vielleicht nach Italien. Seine Parthei
ist sehr betrübt darüber. Neulich Sonntag war ich
in einer der hiesigen Kirchen, in einer kleinen
Kapelle (klein nämlich in Verhältniss zu den
andern Kirchen) in welcher [roman:] Longfellow [/roman], der Bruder
des Dichters Gottesdienst hielt. Er ist ein [roman:] Unitarian [/roman]
u. ein sehr freisinniger Mann. Die Kirche
war sehr comfortable eingerichtet, mit gepol=
sterten Sitzen u. Fußbänken, hatte keinen Altar,
sondern eine einfache Rednerbühne mit einer
Bibel darauf. Wir hörten herrliche Orgelmusik
u. Gesang dabei; Orgel u. Sänger waren unsichtbar.
[page 3 (sheet 2, right-hand side):]
Der ganze Gottesdienst war sehr einfach u. die Pre=
digt ziemlich lang, aber vortrefflich, u. sehr interessant
für mich, da sie mir neue Einsichten in den
National Charakter der Amerikaner eröffnete.
Am Ende der Predigt war ich etwas erstaunt
zu hören daß der Gemeinde "Vorlesungen von
Gedichten" angezeigt wurden, die ein [roman:] Mr. N. N. [/roman]
den folgenden Abend in der Kapelle halten
würde, ebenso wie eine Aufforderung den
folgenden Mitwoch Abend sich zu einer geselligen
Vereinigung bei [roman:] Mrs. No [/roman] u. so. ... Straße No. ...
einzufinden zum Zwecke [strikethrough:] sich [/strikethrough] [insertion:] untereinander [/insertion] mehr bekannt
zu werden. Die Kirchen werden alle hier von
Gesellschaften gebaut, die sich um einen gewissen
Prediger einer gewissen Sekte bilden u.
um "religiös" hier zu sein muss man
sich in eine dieser Gesellschaften aufnehmen
lassen u. jeden Sonntag in der Kirche erscheinen.
Ich ziehe vor "irreligiös" zu sein u. abwechselnd
bald den einen, bald den andern der Prediger
zu hören, die mir gefallen. Es giebt verschie=
dene Prediger, verschiedener Sekten hier, die
große Redner sind u. viel Gutes sagen.
Das herrliche, milde Wetter welches wir haben
(Die große Kälte hielt nur wenige Tage an) kommt
unserm Hausbau sehr zu statten. [roman:] John [/roman] ist noch
immer in [roman:] Kenett (Hazeldell) [/roman] u. wird wahrschein=
lich den ganzen Winter über dort zu thun finden.
Die Bäume für das Holzwerk sind zum Theil schon
länger gefällt u. zum Theil letzten Herbst gefällt
[strikethrough:] worden [/strikethrough], auf die Schneidemühle geschickt u. zum
Trocknen hingelegt worden. Ich freue mich sehr
darauf nächstes Frühjahr wieder auf das Land zu
gehen u. das Haus allmählig entstehen zu sehen.
Ich weiß nicht ob ich Dir schrieb, daß wir den 1. Mai nach
[roman:] New York [/roman] selbst übersiedeln werden. Bayard gedenkt
dort ein Haus für mehrere Jahre zu miethen. [roman:] Stoddards [/roman]
werden dann den obern Theil, wir den untern u.
bessern Theil nehmen u. auf diese Weise steht das
Haus, in dem wir doch immer einen Theil unserer
Sachen lassen müssen, im Sommer nicht allein u.
ist zu unserm Empfang bereit, wenn wir unsern
Winteraufenthalt in der Stadt nehmen.
Danke Tante Auguste herzlich in meinem Namen für ihren lieben Brief. Ich werde ihn
[page 4:]
nächstens beantworten. Über Emma's Brief habe ich mich sehr gefreut, sie schreibt so mun= ter u. vergnügt: ich sehe daraus daß sie sich gesund u. glücklich fühlt. Die bei folgenden Briefe sei so gut u. besorge an die betreffenden. Die paar Zeilen an [roman:] M. Arzberger [/roman] sei so gut in ein freies Couvert einzuschließen u. zu zu machen. Ich schrieb Dir wohl schon in meinem letzten Brief daß ich im Begriff wäre ein schwarzes Mädchen zu miethen. Der Zufall ist mir günstig gewesen. Sie ist ein unerfahrenes Mädchen u. versteht vom Kochen sehr wenig, ist aber reinlich, ordentlich, fleißig, sehr gut u. bescheiden, u. wie ich glaube ganz ehrlich u. warheitsliebend. Was mir aber ganz besonders lieb ist, ist daß sie eine große Zuneigung für Kinder hat u. sie zu behandeln weiß. Lili fürchtet sich gar nicht vor ihr, sondern ist im Gegentheil sehr über sie amüsirt. Ich werde mich diesen Winter über mit [roman:] Sarah [/roman] (das ist ihr Name) behelfen u. vielleicht dann eine Wärterin für Lilian aus ihr machen. Ihre wirklich von Herzen kommende Freundlichkeit u. ihre Zufriedenheit mit ihrer Stelle thut mir wahrhaft wohl nach der höchst unangenehmen Zeit die ich mit Lisbeth hatte. Lisbeth muss entweder den Kopf in der letzten Zeit verloren haben, oder schon mit dem Vor= satze von Gotha weggegangen sein, eine freie Überfahrt sich zu verschaffen u. dann ihr eignes Heil zu versuchen. Sie hat sich auf eine abscheuliche Weise betragen u. hat die letzten 3 Tage in denen ich absichtlich nicht in die Küche ging, weil ich nichts mehr mit ihr zu thun haben wollte, dazu benutzt die Küche u. alles Kochgeschirr im mög= lichsten Schmutze zurück zu lassen. Ich bin froh, daß ich sie los bin! - sage dem lieben Vater tausend herzliche Grüße von mir, Grüße auch August Hensel u. Buflebs, Brams u. wen Du sonst triffst. - Ich schreibe den ganzen Nachmittag bei offenem Fenster. Lili ist mit Groß= mutter [roman:] Taylor [/roman] u. Tante Emma ausgegangen. An August's Geburtstag haben wir ein Glas ame= rikanischen Wein auf seine Gesundheit geleert u. an Ida's Geburtstag werden wir eins für sie leeren. Gott erhalte Dich uns gesund, liebste Mutter
[page 4, right margin:]
[roman:] Emma Braisted [/roman] wird nächste Woche schreiben.
[/page 4, right margin]
[page 4, left margin:]
Es gedenkt Deiner u. Eurer Aller fortwährend in Liebe Deine Marie.
[/page 4, left margin]