Otterberg den 6-ten Juli 1901
Lieber Cousen [sic] Eugen!
Heute am Geburtstage meines lieben unver= geßlichen Philipps, eilen meine Gedanken zu Dir mit der Frage, nach Deinem Wohlergehen? Hoffentlich bist Du noch gesund und munter wie vor Jahresfrist, als Dein lieber Brief Deinen großen Erfolg bei dem 50jahr Jubiläum des Sängerbundes meldete. O, wie mich diese Nachricht freute, und stolz auf Dich machte, und wie oft meine Gedanken täglich, stündlich möchte ich sagen bei Dir weilen, um Zwiesprache mit Dir zu halten, um an Deinem Wohl und Weh theilnehmen zu können.
Ich glaube Dein Beruf nimmt Dein ganzes Denken und Fühlen gefangen, ist dem nicht so? Denn sonst müßte schon längst eine Verlobungs= anzeige da sein, oder willst Du Dein ganzes Ich, mit dem liebesbedürftigen Herzen, nur
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der Kunst widmen?
Farbenprächtig von Abwechslung und neuen Ein= drücken kannst Du Dein Leben in der neuen Welt verbringen, dagegen können wir nur das alltägliche geisttötende Einerlei genießen, und noch dankbar sein, wenn nicht noch besondere Unglücksfälle uns zustoßen.
Ich weiß nicht lieber Cousen [sic], ob das Dir anbei ge= sandte Bild Freude macht, wir wollen es alle hoffen, ist es doch mit so viel Liebe verfertigt worden, und soll es Dir die glücklichen Tage Deiner Kindheit wach rufen, und vor die Seele zaubern. Fritz, Lenchens Mann, hat die Photographie ge= macht, und mein Mathildchen die Stickerei, & wir würden uns alle glücklich schätzen, wenn wir Dir damit eine wirkliche Freude bereitet haben.
Lenchen hat seit 23 Dez. v. Jahres ein allerliebstes kleines Mädchen, (Mathildchen) wir nennen es nur unser Goldens, Süßens. Bei seiner Ankunft könnte ich mich nicht freuen, nur reichlich flossen meine Thränen, ich dachte welchem Schmerz, und wie viel Entsagungen
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und Enttäuschungen, wird diese zarte Blüthe entgegen reisen, denn meine Gedanken schweiften zurück zu meinem ersten Kinde und Liebling, und welch stolze Pläne und Hoffnungen ich auf ihn setzte, und nun ist alles Staub, - und Asche! - Wie viele Hoffnungen muß man doch zu Grabe tragen. Lenchen war die ersten Tage recht wohl, doch wurde sie wie der Arzt sagte, durch die Unvorsichtigkeit der Amme schwer krank, und war das Schlimmste zu be= fürchten, so daß wir am Sylvesterabend, weinend das Bett umstanden. Tausend Dank, daß dieser Kelch an uns vorüberging, wir haben ja so noch so schwer an dem uns so jäh betroffenen Verluste zu tragen, und verwinden läßt sich der Schmerz nie. Ach es ist ja alles so anders gekommen als wir es uns gedacht, ist doch jetzt alles so öde und leer! - Ach und so traurig! - - -
Lieber Eugen, Lenchen war eben da und sagte daß (Closett Polizeidiener) bei ihnen war und gesagt habe, Dein Militärurlaub sei abgelaufen, und Du möchtest um neuen Urlaub nachsuchen. (muß das sein?)
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Neues kann ich Dir wenig berichten, Du scheinst Dich auch wenig zu interessieren, da Du keine diesbezügliche Frage in Deinem letzten Briefe stelltest. Geistlich= keit & Lehrerschaft ist noch beim Alten. Lehrer Endres & [insertion:] Lehrer [/insertion] Gral, nebst Pfarrer Holländer kommen schon Jahr lang nicht vom Gericht. (saubere Geschichten das) Letztrer ist nach Roßbach b. Landau auf s. Wunsch versetzt worden.
Der hiesige Liederkranz hat sich in Idar den I Preis errungen, ebenso voriges Jahr in Mannheim. Daß meine Lieben v. Blechhammer nach der Kaisermühle verzogen sind wirst Du wohl schon wissen, ebenso v. d. Verlobung v. Heinrich & Eliese. O, mögen sie recht, recht glücklich werden, & Eliese dem armen verwaisten Eugenchen eine liebevolle Mutter werden! Wie sich doch alles im Leben gestaltet, ach, - - so ganz anders, als wir es uns alle gedacht!
Tausend herzliche Grüße v. Fritz & Lenchen, Mann & Mathildchen Doch die allerherzlichsten sendet Dir Deine treue Cousene [sic] Lenchen Cherdron
[margin:] Kennst Du auf dem Bilde meine beiden Mädchen noch? Hoffentlich erfüllst Du mir auch meinen Wunsch, und sendest uns Deine Bilder, aber bitte nicht so lange warten, daß ich es noch erlebe! [/margin]
[page 2, margin:] Vor etwa 3 Wochen hat sich Jakob [Trupp?] Wirth (v. Unterthor)
verheirathet mit einer Frl. Müller aus Kaiserslautern. Schwester v. [?] Frau
[?]macher Graf. Das Frl. war hier Kindergärtnerin [/page 2, margin]
[page 1, margin:] Mit gleicher Post ging ein Paquetchen an Dich ab & möchte Dich bitten bei Empfang gleich zu schreiben, andernfalls wir [insertion:] a. d. Post [/insertion] reklamieren [/page 1, margin]
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[written in pencil: ] [July 6, 1901] [/written in pencil]
Wenn einmal die Nerven brechen, wie sehr bricht dann auch die Kraft des Charakters. Sei Kummer oder Krankheit der Grund, Der Schlag welcher eine einzige Fiber verstümmelt, richtet eine seltsame Zerstörung in der Seele an. Wir sind die Sklaven unsrer Muskeln u vom Triebwerk des launenhaften Blutes abhängige Puppen; und die herrliche Seele, mit all ihren Fähigkeiten, ihren prächtigen Attributen, u ihren hochklingenden Ansprüchen ist, so lange sie irdisch, nur das Spielwerk dieses eitlen Gesellen, des Körpers; vom Traum an mit dem sie eine Stunde tändelt, bis zum Wahnsinn, der sie schüttelt, daß sie Tollheit [?], daß sie lachend mit ihren eignen Trümmern spielt u von Blindheit umnachtet ins Grab taumelt.