Callbach, den 30. Juli 1901.
Mein lieber Eugen!
Heute erst komme ich zur Beantwortung Deines lieben Briefes. Ich danke Dir für Deine herzlichen Glückwünsche, gebe der Himmel, daß Deine lieben Wünsche auch zur Wirklichkeit werden mögen. Ich stehe vor einem schwe= ren Schritt, der mich eine große Selbstüber= windung kostet und mir schon manche bange Stunde gebracht hat. Am 17. August will ich ein neues Eheband knüpfen. Wird mir der Himmel nach so vielem Herzeleid und bitterem Weh auch einmal wieder Sonnenschein spenden? Werde ich auch in Elise Heck einen vollen Ersatz für mein
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teueres Malchen finden? Das sind Fragen, die mich beständig beschäftigen und deren Beant= wortung ich der Zukunft überlassen muß. Soweit ich bis jetzt E. H. kennen gelernt habe, glaube ich, daß ich in meiner Wahl keinen Mißgriff gethan habe und daß Elise auch meinem Kinde die Mutter ganz ersetzt. Eugenchen ist ganz glücklich und freut sich auf die Zeit, wo bei uns wieder einmal geordnete Zustände eintreten. Für Eugen= chen ist es sehr nötig, daß auch mütterliche Zucht für ihn wieder eintritt, denn die jetzigen Verhältnisse wären, wenn sie länger andauern würden, für ihn von großem Nachteil. Sonst ist er recht brav und lernt fleißig, so daß ich mit seinen Fortschritten recht zufrieden bin. Jede freie Stunde widme ich ihm und
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so Gott will werde ich ihn ja zu etwas Tüchtigem heranbil= den können. Ich habe ihn tief in mein Herz geschlossen und daran kann niemand etwas lockern oder lösen. Ich bin und bleibe sein strenger, aber doch gerechter und liebevoller Vater, der es mit seinem Kinde gut und ehr= lich meint. Das darf Dir, mein lieber Eugen, vollauf genügen. Um seine Zukunft ist es mir nicht bange. Meine Person bürgt Dir dafür, daß Dein Neffe auch für die Zukunft versorgt ist.
Meine Hochzeit wird nur im engsten Fa= milienkreise gefeiert. So ist es mein Wunsch, und dieser wird auch respektiert. Die Trauung findet in Kaiserslautern statt. Wenn auch eine größere Hochzeit gemacht werden wür= de, so würde dabei doch Herzog u. Konsorten
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fehlen. Mit jener Brut habe ich schon seit Vaters Tod nichts mehr zu thun. Acht Tage nach dem Tod meines lieben Malchens hat jene Bande, Paulina eingeschlossen, einen Maskenball in Otterberg mitgemacht. Du kannst mithin unbesorgt sein; jene Gesellschaft ist bei mir schon längst beiseite gestellt. Seit Weihnach= ten war ich nicht mehr in Otterberg, nächsten Sonntag wollen Elise und ich dorten einen Besuch machen und Lenchen zur Hochzeit la= den. Ist Dir schon bekannt, daß Scheuermann Dammühle gestorben ist? Lenchen - Dammühle - hat das Geschäft übernommen und treibt es weiter. Mit sonstigen Neuigkeiten weiß ich Dir nicht zu dienen. Mit den herzl. Wünschen, daß es Dir recht wohl er= gehen möge, sendet die herzl. Grüße u. Küsse
Dein H. Haas