Otterberg den 20ten Dez 1899
Mein lieber Eugen!
Deinen lieben Brief vom 29 Nov. sowie Deinen lieben Beileidsbrief vom 27 dieses habe ich erhalten, und danke Dir herzlich dafür. Ja mein lieber Eugen es ist Thatsache! - - Mein liebes gutes Kind, mein armes theures herziges Kind, es mußte sterben! - - O ich meine dieses Grausame nicht nieder= schreiben zu können, das Herz blutet mir, und ich vermeine zu sterben ob der Grausamkeit des Todes. Ach was nützen aber alle meine Thränen, mein Herzeleid und Händeringen, er ist fort, für ewig fort. - - -
Mein armer Philipp sah schon einige
Zeit se sehr leidend aus, doch auf alle
Fragen gab er nur die Antwort es fehle
ihm nichts. er habe nur Rheumathis. und
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da könne kein Arzt helfen. Dr. Emerich habe selbst, und könne sich nicht helfen. (Daß Dr Goldfuß an einem Schlaganfall in Abwesenheit seiner Frau gestorben ist hast Du wohl schon gehört) Auf mein Drängen also gab Philipp endlich nach, & so ließ ich Dr Emmrich am 30ten Oktob rufen und derselbe constatierte sofort Rippenfell= und Lungenentzündung, und kam täg= lich dreimal. In den ersten Tagen war mein armes Kind noch recht munter, Du weißt wie lustig ich sein kann, und so versuchte ich auch im Krankenzimmer immer den Humor wach zu erhalten, denn das hilft oft bei Kranken mehr als Arznei. Er ging auf alle Scherze freundlich ein, und machte selbst Witze, denn er war wie ich eine glückliche frohe Natur, so daß ich oft, wenn der Arzt sagte er ist schwer krank es nicht glauben mochte, natürlich aber alle Anordnungen pünktlich befolgte. Aber ach nur zu bald sah ich ein daß der Arzt recht hatte, denn am vierten Tage lag er
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[written in pencil:] [Aug. 20. 1899] [/written in pencil]
Und so mußte mein armes Kind mit dem treuen goldnen Gemüthe zum Opfer fallen. O mein armes, armes Kind, so sprach ich wohl tausendmal des Tages, und meine Augen sind von Thränen getrübt, daß ich fast nicht mehr sehe. Ach wie eine Mutter ihr Kind liebt, kann auch nur eine Mutter ermessen, Du weißt es, wie auch Deine treue liebe Mutter Dich geliebt! Ach aber, vor die Zeit der Gesundheit setzen die Götter das Maß. O und wie ist es so wahr wie Rosegger schreibt: Unser Herz ist eine Harfe, eine Harfe mit zwei Saiten, an der einen jauchzt die Freude, und der Schmerz weint in der zweiten. Und des Schicksals Finger spielen kundig drauf die ewigen Klänge, heute frohe Hochzeitslieder, morgen dumpfe Grabgesänge. Mit welchen Gefühlen wir das schöne Weihnachts= fest, das Fest der Liebe wie es heißt heran nahen sehen, kannst Du Dir denken. Wie viel Wonne, wie viel Glückseligkeit schließt das Wort Weihnachen bei glücklichen Menschen ein. Aber auch wieviel Schmerz und bittere Thränen bei Unglücklichen! - - - -
[margin:] Bitte schreibe mir doch bald wieder, auf daß ich mich nicht ganz verlassen fühle [/margin]
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Zürne mir nicht, daß ich in solch ego= istiger Weise [insertion:] Dir [/insertion] nur unsern Schmerz vor= klage, ich nehme nicht destoweniger Antheil an Deinem großen Schmerz & Sorgen um Malchen. Auf die Depesche von meines Kindes Tod, schrieb mir Heinrich sein Bedauern, daß er zur Be= erdigung nicht erscheinen könne, da sein liebes Weib sehr krank sei. Seitdem stehen wir in regem Briefwechsel. - Du kannst Dir denken wie dieser neue Schmerz mich aufregte, meine liebe einzige Cusine welche [insertion:] ich [/insertion] habe schwer krank. Ich schrieb sofort an Heinrich, er möge ja Nichts un= versucht lassen um unser liebes Malchen zu retten, er solle die geschicktesten Ärzte von Kreuznach (denn dort sind ja schon Autoritäten) zu Rathe ziehen.
Auch daß ich ja gerne einmal zu Ihnen käme um Malchen zu besuchen und zu helfen was ich könne, doch Heinrich bat mich, vorerst von einem Besuche abzustehen da er fürchte, die Aufregung durch mein
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Kommen, könne Malchen schaden. Ich gab dann im nächsten Briefe wieder verschiedene Rathschläge, & Mathildchen machte eine feine Torte, und sandte sie gestern ab, welche ihr gewiß, mit Wein genossen gut schmeckt. Auch soll sie in dieser kleinen Aufmerksamkeit unsere treue Liebe und Anhänglichkeit sehen. Ach wenn ich an die glücklichen Stunden welche wir am 18ten Juni bei Ihnen verlebt denke, und jetzt!?
O was ist l aus unsern beiden glück=
lichen Familien geworden in dieser kurzen Spanne Zeit?
Wie ist die Stätte so öde und leer, & wo nur Frohsinn und Humor geherr= scht, ist jetzt tiefe ernste Trauer eingezogen. - - -
O wie still ist es geworden um mich, denke Dir nur, ich habe ja nur noch Mathildchen um mich, in deren Lebens= frühling dieser vernichtende Reif gefallen ist, o wie beklage ich
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dieses arme liebe Kind, mit
blassen vergrämten Gesichtchen,
denn sie ängstigt sich noch so sehr
um mich, ebenso still geht Lenchen
einher, und macht mir Ihre ihr Ge=
sundheitszustand ernstlich Sorgen.
Die einzige Befriedigung habe ich, daß
sie sich glücklich fühlt.
Wie oft warf ich mir schon die Frage auf, warum wird mir alles genommen, und andern die so herzlos handelten geschieht nichts. Sie am Neuthor haben drei Söhne, nicht einer brauchte Soldat zu sein, mein Einziger mußte fort! - Und jetzt wurde er mir auch noch ganz entrissen. Er der Arme - - mit seinem fühlenden weichen Herzen.
O, denkst Du noch an den glücklich verlebten Tag vor sieben Jahren wie Euer Weihnachtsbäumchen im Zimmer stand & Dein liebes Mütterchen noch lebte & Du & Dein lieber seliger Vater so schön spielten Mein Mütterchen, Anna Heck u Ina Bauer dabei waren. XX
Nun lebe wohl, mein lieber, lieber Eugen, der liebe Gott sei bei uns Leb nochmals wohl & sei gegrüßt & geküßt von Deiner treuen Cusine Lenchen Cherdron
[margin:] XX Es war der letzte Tag im Jahre 1892 [/margin]
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schon im Dellirium, infolge des ein= getretenen Fiebers, wir legten Tag und Nacht Eisbeutel auf, doch konnten wir des Fiebers nicht Herr werden. Wir ließen noch Dr Jakob von Kaiserslautern der sehr berühmt ist kommen, doch der sagte dasselbe was schon Dr Emmerich sagte, doch sie wollten Ihr Möglichstes thun um den armen Kranken zu retten. Besonders stark war sein armes Gehirn gemartert, denn immer sprach er nur von der Dreherei. Wir haben nämlich durch den neuen Fabrikbesitzer große Unannehmlich= keiten im Geschäft, derselbe hat uns für etliche Tausend Mark Bestellung gemacht, und da wir von vielen Seiten gewarnt wurden, der Mann bezahle nicht, & habe wie viele Prozesse anhängig, verlangte mein Mann eine Ab= schlagzalung oder auch Wechsel, aber er gab keines von beidem und fing an die Waare zu tadeln welche er vorher gelobt, macht auf jede mögliche Art Chicanen, & ließ es zum Prozeß kommen, der wer weiß bis wann ausgeht. Dieses der erste Prozeß
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welchen wir in den dreißig Jahren unserer Ehe haben. Dieses & was der arme gequälte Philipp, Anfang dieses Jahres bei dem Lumpen= pack vom Lauerhof erlebt, hatten wohl sein ganzes Nervensystem gestört, zumal er vor zwei Jahren sehr Herzleidend war, & einige Wochen ein Bad besuchen mußte, sich aber damals wieder gut erholte. Du hast mir aus der Seele gesprochen als Du sagtest ich hätte ihn nach Amerika schicken sollen. Ja Du hattest recht, ich hatte ihm auch den Vorschlag gemacht. Doch er sagte er habe nicht nöthig wegen dieser Dione fort zu gehen, da ja so viele heimge= gangen seien zu ihr, und sie es nur auf Be= zahlung abgesehen hätten. Hätte er meinem Rathe gefolgt, würde er wohl heute noch leben Denn darin hast Du wieder recht, wenn Du sagst, die kleinlichen Verhältnisse hätten nicht für ihn getaucht, Denn wie mancher regsame Geist wird auf Lebenszeit flügel= lahm, weil er zu lange in der Jugend das Joch trägt, welches pedantische Weisheit nach dem Nackenmaß der Dummen anfertigen ließen.
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[margin:] Herzlichste Grüße von meinem Mann sowie von meinen beiden Töchtern & Fritz - Lenchens Manne. [/margin]