Callbach, den 12. September 1899.
Mein lieber Bruder Eugen!
Deine beiden letzten Briefe haben wir erhalten u. uns des In= halts sehr gefreut. Möge Dich der Himmel beschützen, daß Du gesund bleibst - so wird sich alles andere finden. Ach, die Zeit vergeht so schnell, so schnell & bis 20. dieses Monats sind es schon 6 Jahr, daß Du in Amerika bist. Groß, werden Deine Erlebnisse u. Erfahrungen gewesen sein & immer noch sein; besonders wenn die Pflicht einen so an die Öffent= lichkeit stellt & man mit so vielen Leuten u. mancherlei Naturen Um= gang hat. Da sich Niemand selbst gemacht hat, ist es am besten Jeden zu nehmen wie er ist und sich fest merkt ehe man zur Hausthür hinaus geht: "Du darfst nicht [?]." Lieber Eugen! Wir sind eben alle gesund auch bei Heinrich geht es gut, so, daß ich Deinen Thee noch nicht in Verwendung nehmen mußte Ach! wenn es nur so bleibt. Eugen geht aber zu Herrn Pfarrer in die Lateinstunde wo er gute Fortschritte macht; er ist auch so recht munter. Er drang sehr, Dich einzuladen zur hiesigen Kirchweih am Sonntag vor acht Tagen also auf denselben Tag der Otterberger Erntekirchweih. Herr Pfarrer u. seine Frau holten uns ab und amüsirten wir uns recht gut ins Bernfurts. Da Frau Pfarrer auch Piano spielt, so kannst Du Dir leicht denken, daß wir uns zurecht finden & öfters gegenseitige Einladungen u. recht angenehme (nicht steife) Unter= haltung haben. Da sie sehr reich ist, so kannst Du Dir denken wie schön und nett alles ist bei den beiden jungen Leuten. So ist uns beiden Frauen nun Gelegenheit gegeben, noch manches voneinan= der zu lernen. Die Leute hier sind alle sehr ehrerbietig gegen uns; Du [insertion:] kannst [/insertion] Dir gar nicht denken, wie überglücklich ich mich fühle hier. - -
Heinrich tanzte an der Kirchweih einen Tanz mit mir u. einen mit Frau Pfarrer. Sie trug ein hochfeines weißes Kleid mit passendem Hut. Bei ihrem ersten Besuch trug sie ein hellgrünseiden Kleid. Sie besuchte das Institut in Frankental. Ihr Vater ist Ziegelei= fabrikant. Aber genauso einfach im Umgang wie wir. Ich könnte Dir noch sehr viel erfreuliches mitteilen von unserm
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Leben und Treiben. Ist eine Haushaltung auch noch so klein, So muß sie doch bestritten sein. Jeder Tag hat andere Pflichten ja man kann fast garnicht einmal 8 Tage zurückdenken, denn man hat mit dem Gegenwärtigen zu tun. Auch der Gar= ten bringt manches zu denken u. zu tun. Wir hatten einen sehr trockenen u. heißen Sommer u. mußte Heinrich fast seine halbe Ferie [sic] im Garten gießen u. s. w. auch ich u. Eugenchen griffen zu. Wir haben aber auch Sach im Garten eine Pracht. Alles haben wir in Fülle; so daß ich noch sehr viel verschenken kann verkaufen tun wir nicht. -
Heute wurde mir Gelegenheit zu fragen wie es mit dem Prozeß von Philipp Ch. steht & habe leider erfahren, daß er 2000 M. bezahlen mußte. 3000 M. wurden verlangt. Phl. sei so sehr zusammen, er hänge nur noch in den Kleidern. Er sei krank. Lieber Eugen warum sagt man uns nicht ein Wort? wo wir doch schon mehrmals zusammen waren. Wann Lenchens Hochzeit war, wußten wir nicht, jedoch von der Hochzeitsreise erhielten wir eine Ansichtskarte aus Frankental. Jedenfalls war die Hochzeit nicht groß. L. E. Ich bitte Dich nicht merken zu lassen von dem, was ich Dir hierüber schrieb, ja verbrenne diese Zeilen.
Heutzutage ist nichts wissen das beste. Am Sonntag war in Schmittweiler [Kerwa?] - ich war am ersten Tag dort Heinrich am zweiten. So war immer eins im Haus. Soweit man gibt - soweit kann man [mehrere?]. (Li. Eugen entschuldige meine Schrift.) Ach bleibe mir nur gesund, und [insertion:] seid [/insertion] recht vorsichtig im Umgang mit der Welt. Am 20. September sei recht wohlauf, denke auch an uns. Wie oft betrachten wir Dein geliebtes Bild Die edlen treuen Zügen noch einmal in Wirklichkeit zu treffen - mein heißester Wunsch. Heinrich besuchte heute seine Eltern in Einöllen. Anna hatte durch [Ärzliche?] Hilfe nun schon 2 tote Kinder bekommen. Auch hatte sie schon die [?]krankheit. Jetzt stet [sic] es wieder am Rand ins Wochenbett zu kommen.
[margin:] Lottchen Christian ist auch im Wochenbett gestorben. Herr Doktor Goldfuß ist an einem Herzschlag gestorben. [/margin]
[page 1, margin:] Christian Lackmann machte mit seinem [Zitterkluch?] einen Ausflug nach Otterberg & gab dort 2 Concerte unter Mitwirkung der Kaiserslauterer [Zitterklupper?] und einiger Otterberger Er schenkte uns schon vorher den reichhaltigen Programm! Jedoch - wir mochten nicht heim. [/page 1, margin]
[bottom of page 1, written upside down:] Heinrichs Onkel ist gestorben in Odenbach - wir sind in seinem Testa= ment, welches er wegen uns machte eingeführt als Miterbe. - So - das schadet ja nichts. Was heraus springt schreibe ich Dir. [/bottom of page 1, written upside down]