2 Briefe erhalten
Callbach, den 29. Mai 1899.
Lieber Bruder Eugen!
Am 10. Mai war ich 35 Jahre alt, wozu mir Heinrich und Eugen gratulir=
ten mit einem großen Kranzkuchen. Ich fühle mich sehr gesund und kurrent. Wie ich
aus Deinem Briefe dieser Woche sah, geht es Dir gut und an Arbeit fehlt es Dir auch nicht.
In meinem neuen Heim Callbach gefällt es mir täglich besser. Großartig zuvor=
kommend sind die hießigen Bewohner gegen uns. Heinrich sieht es auch ein, daß
doch Callbach etwas anders ist, wie Schmittweiler. Er machte mit seinem Gesangver=
ein einen Ausflug über Einöllen nach Wolfstein mit der Bahn nach Meisenheim
wieder hierher. Großartig singen die Sänger; es sind nur einige (drei oder vier) verhei=
rateter dabei; alle andern sind ledich [sic]. Der Verein hat einen seidenen, gestickten Fahnen.
Nach Schmittweiler kam an junger Lehrer (erst seine Prüfung gemacht - ideal) von Becher=
bach. Dieser u. der hiesige Verweser sind sehr intime Freunde u. geht derselbe auch zu
dessen Eltern in Schmittweiler in die Kost - sowie er ihnen den Schulgarten über=
geben hat. Beide junge Herrn haben sich sehr abgeschlossen, so, daß sie für Gesellschafter
in den Wirtshäusern nicht zu haben sind. Doch gehen sie in die Natur u. treiben
auch etwas Musik. Ans Heirarten scheinen sie noch nicht zu denken, denn die sind zu
froh zusammen. Mit Heinrich sind sie auch recht froh. Der Gesangverein Becherbach brachte Herrn
Lamp in Schmittw. ein Ständchen gestern morgen in aller früh; wobei auch Herr Bürger=
meister von Becherbach war. Dann kam der verein mit Herrn Lamp (Gewesener Dirigent)
sowie einigen Schmittweilerer Bürgern hierher und sangen vor unserm Haus zwei
Mailieder. Nach dem Gesangvortrag erschien Heinrich am offenen Fenster und begrüßte
sie und dankte mit schönen Worten; daß der verein den Gesang in Becherbach pflegen soll
und das Samenkorn, das sein lieber Colege u. Freund in Becherbach gelegt hat, sich entfalten
solle, sowohl an der Jungend [sic] [insertion:] wie an [/insertion] dem Verein so änlich [sic] u. ladete die Herrn ein zu einem Glase
Bier. Bald hatte sich aber der Callbacher Gesangverein versammelt und zwei Lieder [insertion:] gesungen [/insertion]: in dem
einer kommt vor - was schöneres gibts ja nicht auf Gottes Welt als der Wald ja der Wald
Solo.) Da hatten alle etwas zu hören. Heinrich ist heute zum erstenmale in die Confrenz [sic] nach Alsenz.
Einen schönen Abschluß [entsand dad?] noch mit dem Kantor [Lautrecken?], daß die Leser ihre
Frauen u. Töchter einen Ausflug machten. Heinrich Eugen u. ich, wir mußten das Kreuz=
nacher Sängerfest fahren lassen und uns hier anschließen. Wir kamen bis nach Schloß
[?] eine prachtvolle Tour, teils per Bahn zu fahren teils kleinere Fußtouren.
Nachdem wir in einem Hotel gerastet hatten, begab ich mich an das Piano
sang zwei schöne Lieder und begleitete mich selbst u. trug ein Clavierstück vor.
Reicher Beifall wurde gezollt. Hierauf trat Frau Hauptlehrer Krämer ans Piano
u. sang ein Lied - nach kurzer Pause trat ich abermals vor und sang ein Lied
wozu ich mich begleitete. Frei unschenirt [sic] war ich und zu Lust so aufgelegt. Einmal,
muß man sich voll und ganz [?], so, daß auch das Licht einwenig ausstrahlt.
Nach meinem, sehr gut gelungenen Vortrag trat Herr Krämers Sohn ans Piano und
spielte einen Walzer, wozu ich gleich bereit war, meinen Mann zu engaschieren [sic]. -
So macht mans. - Freudig haben wir getanzt und an uns schloß sich die
ganze Gesellschaft an. Zwei Tänze wurden weiter noch getanzt, [?]
das alle Anwesenden Herrn u. Damen mitsingen konnten, so, daß die Freu=
de immer zunahm. Mein lieber Eugen! Kürzlich machte ich in Begleitung von
Frau Korfmann [Wasem?] u. Eugen und unserm Schalli so heißt unser lieber
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Hundel (ach ein liebes anhängiches Tier u. so wachsam.) einen Ausflug auf die Höhe
des Berges. [insertion:] Ansichtskarte [siehe?] [/insertion] Der Gang hinauf steigt allmählich. Oben ist es großartig, und be=
dauere ich sehr, nicht früher schon einmal da gewesen zu sein. Das Terra [sic] oben
ist sehr groß. Ein kleiner Weier sowie ein kleiner aber sehr schön geschaf=
fener Wald ist oben und Fluhren [sic] von Äckern mit schönen Früchten. Mann [sic]
sieht in die Stadt Meisenheim auf den Donnersberg und viele Orte. Ist man etwas
ermüdet vom Bergsteigen, so biedet [sic] der Wald mit seiner [?] Luft einen schönen Rast
Ja Callbach wird jetzt zum Bürgermeisteramt erhöt [sic]. Eugen ich bitte Dich aber,
nichts davon zu bemerken vorläufig. Denn ich will H. die Freude nicht rauben.
Mein Heinrich wird da jedenfalls Bürgermeisterei = schreiber was ihm 500 M. etwa
einbringt. In Rockenhausen wird schon das an dem neuen Staatsgebäute [sic] gearbei=
tet. Daß Heinrich ein sehr tüchtiger Lehrer ist, das wissen alle, aber daß er der Vermö=
genste ist von den Lehrern die sich gemeldet, gab den Ausschlag. [?]. we=
gen der Spar= und Darlehnskasse. L. E. diese Woche lag H. wieder zwei Tage im Bett
mit seinem [raulichen?] Magen. Die Winde gehen nicht, so wird der Magen und Leib
hoch angeschwollen; und muß sich dann übergeben, ach, wie oft. Dies bewirkt na=
türlich üble Laune und üble Laune ist wiederum nicht zuträglich für den Magen. Heinrich
ließ sich vor einem halben Jahr in die Lebensversicherung aufnehmen für 8000 M.
Als er diesen Winter so krank war, war dies sein Trost. Lieber Eugen! Es
kostete schon etwas Mühe - 2 Stunden untersuchte ihn der Arzt.
Hr wollte Aufnahme bis zum 80. Lebensjahr - es kam jedoch zurück wegen
Frühkorpulenz nur bis zu 60 Jahren hierauf machte der Agent einen Bericht
so wurden noch 5 Jahre zugegeben, aber weiter nichts. An Heinrichs Brust und
Magen untersuchte er lang - später mündlich. Er muß sehr viel Bewegung haben fleißig
spazieren gehen. Entschuldige ihn dafür, weil er Dir nicht so oft schreibt, seine Arbeit
nimmt ihn auch zu sehr in Anspruch. Entschuldige Alles; [?] em nicht alle An=
rede Deiner Briefe an ihn. Ich glaube einige Lieder für seinen Verein würde ihn sehr
freuen. Wie fleißig schreibt er Noten. Wie oft wünschte er sich den Großvater.
Gerade deßhalb, weil unser Haus ja Freundenleer war schaften [sic] wir uns Schalli
an. Eugen heißt ihn als mein lieber Bruder. Wenn H. zur Thür herein kommt so
springt Schalli an ihm in die Höhe. Beim spaziren gehen geht Schalli mit, so [insertion:] ist [/insertion] niemand
allein von uns, wenn wir einzeln gehen. Heinrich will Dich jedes Jahr besuchen u.
sagt dann immer nächstes Jahr. Er behauptet er ginge doch noch einmal zu
Dir. Ich sage dann: Eugen kann auch uns einmal besuchen. Dann macht Heinrich
sofort [?]: es kann auch jeder den halben Weg machen - wie jene
Frau die auf dem halben Weg ein Körbchen voll Eier wechwarf und dadurch viel früher
heimkam. Ach, nur haben wir schon Pläne gemacht. Eugen sagte dann wir beide kön=
ten zu Hause bleiben, er allein fahre zu seinem Onkel und wenn es ihm gefalle
dort, dann könnten wir kommen. Aber dort bleiben will er nicht sondern sei=
nen Onkel mitbringen. L. E. Eine Postkarte kam von Leipzig, daß die gewünschten
Sachen nicht aufzutreiben sind. Die Bücher sind nicht mehr zu haben. Nun haben wir
so lange [gepaßt?] nun schreiben sie uns ab. Heinrich hat die Karte in seinem Pult und
wird sie Dir schicken.
Meinen herzlichsten Dank für Deinen Brief. Denn wenn man in großer Sehnsucht 5 Monate wartet, da ist die Freude groß. Die Zeit vergeht Dir sehr schnell so rasch sind da ein paar Monate verflogen.
Herzlichste Küsse u Grüße von Deinem Dich liebenden Schwesterlein Malchen.
[?] gestorben ist. Heinrich [Wenz?] Apoteker [sic] Max Gruell Otterberg.
Besten Dank für die Bilder!
Bemerke nichts aus diesem Brief.