Schmittweiler 2. Juli 1895
Lieber Eugen!
Deinen Brief vom 7. Juni haben wir erhalten und darin ersehen, daß Du rastlos fortarbeitest und zu Deinem Ausführungen einige Stücke von uns verlangst. Wir fühlen uns recht beehrt Dir hierdurch eine Gefälligkeit zu erzeugen. Heinrich hat sogleich an die Musikalienhandlung Glock in Bad Kreuznach geschrieben um d. Fest- ouverture mit Schlußchor von Karl Reineke op. 218 zu erhalten und hat noch verlangt, das groß= artige Orchesterstück Frühlingssymphonie des Stuttgarter Hofkapellmeisters a.d. J. J. [Johann Joseph] Albert (für 30 Mann oder wie es zu haben ist). Ferner hat er noch verlangt Varationen von Beriot op. 15. Nach Abwarten einer Woche machte Heinrich gestern per Rad nach Kreuznach [Bad Kreuznach] und als er hinkam, war der Pakt fortgeschickt - brachte ihn aber gestern Abend von der Post Callbach mit hierher u. wurde folglich geöffnet.
Von der Fest-ouverture werden noch 16 Stimmen (wahrscheinlich Erweiterung des Streichquinetts) [insertion:] unentgeldlich [/insertion] nachgeschickt, weil diese Stim= men noch müssen gedruckt werden. Die vor= handnen Stimmen, Partitur und 48 Gesang= stimmen sind im Pakt eingelegt. Timpani (Pauken) sind in A u. Estimmung [E-Stimmung]. Trompani (Posaunen) sind verschieden von einander. Die Frühlings-Sinfonie von Albert ist besetzt und hier beigelegt: 1. u. 2. Violin, Viola, Violon= cello, Baß, 2 Flöten, 2 Oboe, 2 Clarinetten, 4 Corno (Horn) in F, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Paucken in E, G' und Dstimmung [D-Stimmung]. Die Post befördert ins Ausland nur 250 Gramm (50 Gramm kosten 5 Pfennig) in Drucksachen und müßten 12 Päckchen gemacht werden u. da diese streng untersucht werden, hielten wir für gut ein Paket zu machen - damit nichts verloren geht. Den Kostenbetrag von Einund= vierzig Mark fünf und siebenzig Pfennige hat Heinrich an Herrn Glock bezahlt, laut beifolgender
Quittung, und ich habe Heinrich den Betrag aus= bezahlt aus Deiner Zinsenkasse - das Geld mögest Du dehalb nicht hierher schicken. So eben machten wir die Erfahrung, daß die preuß. [preußische] Post in Meisenheim Drucksachen bis zu zwei Kilo ins Ausland befördert, mit einer Einschreib= ung wie ein eingeschriebener Brief - beim Empfänger erst geöffnet wird u. das Porto dann geregelt u. wenn sich etwas Geschriebenes vor= findet der Absender in große Strafe verfällt. Heinrich nahm nun den ganzen Pakt mit sammt den Varationen und machte nach Meisenheim und lies von Herrn Buchbinder Maurer zwei vorschriftsmäßige Pakete machen (für 30 Pf.) und übergaben sie d. Post, ließen sie gegen Beschei= nigung einschreiben, wie eine eingeschriebener Brief u. zahlten 3 M. 75 Pf. Gebühr. Wir waren nun sehr froh Dir auf diese Art die Musik zu schicken u. wünschen Dir damit den besten Erfolg. Die Ouverture ist sehr schön u. leicht ausführbar, um aber die richtige Tonstärke
zu erlangen müssen die Streichstimmen viel= fach besetzt werden. Die Simphonie [Symphonie] ist bedeutend schwerer und eine Aufführung ein gewagtes Unternehmen. Die Varationen sind sehr schön und haben sie deshalb hier beigelegt-- sie finden großen Beifall, wenn der Pianist sich zu mäßigen weiß u. alle Ehre dem Violin= künstler zukommen läßt. Lieber Eugen! Es freut uns sehr, daß Du noch recht gesund bist; auch wir befinden uns recht wohl. Die Presse brachte die Nachricht, daß Frau Heus= ser an einem Schlaganfall getorben ist-- sie war im gleichen Alter unserer lieben Mutter. Sonst Neuigkeiten können wir heute keine berichten. Lieber Eugen! Sei recht herzlich von uns allen gegrüßt, so wie die lieben Verwandten Dein Dich liebender Vater Klee
Herzliche Grüße sendet Dir Dein Dich liebender Schwager Heinrich
Mein lieber Bruder Eugen! Mit Freuden erfüllen wir stets gern Deine Wünsche und zwar so rasch als es nur mög= lich ist. Heinrich weiß mit Geschick alles zu ordnen und wandte sich deshalb direkt an Glock in Kreuznach. Er spricht oft davon, daß er Dich besucht und ist dabei ganz strahlend vor Glück. Auch ich bin recht wacker und munter im häuslichen Walten. Eugen geht gern in die Schule und geht gut bei ihm. Großvater ist ganz wie ein Junger. Er wiegt 150 Pfd. [Pfund] jetzt. Gruß an Euch alle !!! Euer stets treues Malchen