Schmittweiler 31. Aug. 1895
Lieber Eugen!
Meine Gedanken sind stets bei Dir, aber heute fühle ich mich besonders veranlaßt Deiner zu gedenken u. Dir brieflich dies mitzuteilen. Heute sind es zwei Jahre, daß Du Abschied von mir genommen hast, um Dein Glück in der weiten Welt zu suchen, das Du hier nicht zu finden glaubtest. Überle= gend u. entschlossen hattest Du den gefährlichen u. gewag= ten Schritt unternommen u. mit männlichem Mute ausgeführt. Ich konnte Deinem Unternehmen nicht entgegen sein, weil Du ja zu jeder Zeit wieder kom= men kannst u. weil ich einsah, daß Du für die Hei= mat nicht erzogen warst, um Dein Leben in niederer Stellung hinzubringen u. Kraft u. Gesundheit darin abzunützen, sondern für ein Land in dem Du Dich frei bewegen u. Deine Kenntnissen besser verwerten kannst. Dieses Land hast Du gefunden nach all dem, was ich von den Vereinigten Staaten u. Deinen Verhältnissen weiß. Heute gesteh ich Dir offen meinen
Schmerz, den ich empfunden hatte, als Du mir Dein Vorhaben mitgeteilt hattest - es war das Schmerz= lichste für mich in meinem ganzen Leben, aber Dein Wohl u. Dein zu hoffendes Glück machten mich stark Dir freundlich u. liebevoll meine Einwilligung zu geben u. machten mich stark die Trennung stand= haft zu ertragen. Wie mir es war, als Du mir an der Mühle die Hand zum Abschied gereicht hattest - will ich heute nicht mitteilen - es war mir innerlich ganz anders, als ich Dir zeigte, aber Dein entschlossener Mut gab mir die Gewißheit und Beruhigung, daß Dich Dein Vorhaben zum gehofften Ziele führen wird - daß Deine Energie für die weite Welt taugt. Das schönste u. beste Land der Er= de hast Du gefunden - ein Land, daß reich an allen Erzeugnissen ist u. durch sich selbst bestehen kann, durch seine Seemacht geschützt u. durch seine Staats= verfassung der innere Frieden gesichert ist. Von liebevollen Freunden bist Du umgeben, die Dich beehren u. sich in Deiner Nähe ganz wohl fühlen.
Es findet sich Niemand vor, der neidig oder rach= süchtig ist, wenn er sich zurückgesetzt fühlt, sondern trachtet darnach Dir ähnlich zu werden. Alles dies ist bei uns anders. Unser Land liefert nicht den erforderlichen Bedarf u. obgleich aufs Ausland an= gewiesen, verlangen doch die Großgrundbesitzer hohe Zölle - nur Industrie u. Handel oder Aus= wanderung kann vor gänzlichem Ruin retten; unsere Militärmacht ist stark genug um den Frieden zu erhalten, aber unter welchen Opfern, Steuerlast u. Gesetzen! Die Parole heißt: Be= fehlen u. gehorchen, wodurch Unzufriedenheit u. Parteihaß entsteht. Ich hätte Dir schon längst die Reichstagsverhandlungen geschickt, um Dir Einsicht davon zu geben, aber ich hielt es für besser von Politik u. Kultussachen ganz abzustehn, denn die= se zwei Thema werden noch manche Disharmonie hervorbringen u. da mögest Du lieber die schöne u. lehrreiche Gesang= u. Musikwerke studieren u. den besten Gebrauch davon machen.
Lieber Eugen! Wichtiger als der 31.Aug. ist der 20. Sep. an dem Du zwei Jahre in Deiner neuen Heimat bist. Wie glücklich magst Du Dich gefühlt haben, als Du das Land gesehen hast, nachdem Dein Herz sich gesehnt hat - als Du die lieben Verwandten angetroffen hattest - als Du den Preis in New-York er= rungen hattest, als, um Dich zu beehren, Dein 25. Geburtstag so glänzend von Deinen Vereinen gefeiert wurde, und wie glücklich wirst Du Dich fühlen in solchen hoffnungsvollen Aussichten, um das zu erlangen wonach jeder trachtet, nämlich: sorgenlose Existenz. Wenn Du gesund bleibst, wird Dir diese nicht fehlen - Du wirst Alles herr= lich ausführen. Alle weitere Ermahnungen meinerseits sind nun überflüssig, aber die bisheri= gen erkenne als ein Segen von mir, die Dir noch mangmal dienlich u. nützlich sein können. Ich hätte Dich schon längst besucht, aber in Deinen Unter= nehmungen wollte ich Dich in keiner Weise stören -
erlauben es aber die Verhältnisse, so besuche ich u. Heinrich Dich an dem Sängerfeste 1897 um alles Großartige mit anzusehen. Nach all meinen Erfahrungen habe ich die Über= zeugung, daß es Dir gut geht, daß Du Dich glück= lich fühlst u. dies genügt. Vergleiche ich meine Verhältnisse dagegen u. streiche den Unter= schied zwischen einem Örtchen u. einer Großstadt, so kann ich auch dasselbe von mir sagen. Zufrieden kann man überall sein, wenn man gesund ist u. eine annehmbare Einnahme hat. Mit all dem bin ich versehen, denn Einfachheit war eine meiner Grundsetze [Grundsätze] u. dies kommt mir jetzt zu gut. Kann ich auch jetzt nicht bei Dir sein, so denke ich wie so viele, die Kinder im Ausland haben. Lieber Eugen! Welche Erfahrungen hast Du bis jetzt gemacht u. welche wirst Du noch in 2 x 25 Jahren machen - Welche Freuden u. Leiden wirst Du noch haben? Du wirst noch viel erfahren, was Dich befremden wird.
Denke an die Grundsätze, die ich oft mit Dir in vertrauten Stunden besprochen habe, um jedem Ungemach Trotz zu bieten, so wirst Du Alles leicht durchmachen; es mag kommen wie es will. Es sagte Jemand zu mir: " Sie haben gar kein Gefühl, wenn sie sich über Beleidig= ungen nicht ärgern - man darf nicht alles Un= recht so von Jedem annehmen, ich würde - da fiel ich ihm ins Wort u. sagte: "nicht war draufschlagen oder vor Gericht herumfahren - ich kann mich so gut darüber hinaussetzen, als sich sich ärgern u. wer mich beleidigt, beleidigt auch andere u. muß alsdann vor die Sühne oder vor Gericht erscheinen, um sich strafen zu lassen, wie sie unlängst erfahren haben. Niemand kann mich ärgern, wenn ich mich nicht selbst ärgere u. um mit Jedem auszukommen muß man ihn nehmen wie er ist u. nicht wie er sein soll - nur das Schlimmste ist dabei: zu wissen wie er ist." Er konnte mir nur entgegnen: das könnte ich nicht u. ich sagte ihm hierauf:
" Im Schlaf ist dieses gar kein Gefühl auch nicht zu erlangen". Lieber Eugen! Nach allen Nachrichten, die ich von Dir habe fühle ich mich ganz beruhigt u. bin stolz darauf, daß Du Alles so herrlich ausgeführt hast u. daß Du bei Allen, die Dich kennen, in so großer Achtung stehst. Wenn ich Dein Bild ansehe u. Deine Briefe lese, fühle ich mich ganz in Deiner Nähe u. bin alsdann ganz zufrieden. Wenn ich zuweilen Deine phylosophische u. pädagogische Wer= ke lese, bedaure ich, daß sie so wenig bekannt sind - sie erinnern mich an so manche angenehme Unterhaltungen, die wir miteinander hatten u. daß Du durch sie Deine Bildung erhalten hast, die Du nun mit Deiner Kunst in den Kreisen, in denen Du verkehrst, so gut verwerten kannst. Die angenehmsten Stunden kannst Du Dir in Deinen musikalischen Unterhaltungen ma= chen und dabei denken: Ach wie ist das Leben schön.--- Man muß es nur verstehn.---
Ja das Leben ist schön, wenn man sichs schön macht - es ist aber auch ein Jammerthal, wenn man sich mit Kummer plagt. Mein Wahlspruch war stets bei aller Einfachheit: froh zu leben. Lieber Eugen! Seitdem Du fort bist, ist die Zeit gut vorüber gegangen u. wenn es so fort geht, können wir zufrieden sein. Es kom= men aber für Dich außer Deinen Verhältnissen noch verhängnisvolle Jahre, die Deine ganze Zukunft be= stimmen. Du bist zu Allem gut vorbereitet, aber wie Du nun Deine Kenntnissen u. Erfahrungen ver= wertest, das ist die wichtige Frage. Es kommen jetzt die Jahre in denen Du überlegen wirst, ob Du Dir ein eheliches Glück, mit allen verhäng= nisvollen Ereignissen, gründen willst - oder nicht. Dieses nun ist das Wichtigste von Allem, was Dir noch bevor steht und von Deinem Willen abhängt. Schiller sagt: Prüfe sich wer sich auf ewig bündet, Ob sich das Herz zum Herzen findet.--