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Henry to Bernard Rustemeyer, September 10, 1921

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Author

Henry

Recipient

Bernard Rustemeyer

Date

September 10, 1921

Origin

Duisburg, Rheinland

Destination

Osage County, Missouri

Description

Letter from Henry to Bernard Rustemeyer, September 10, 1921.

Type

letter

Language

German

Tags

1920-1929

Source

Rustemeyer Family Papers

Collection

Rustemeyer Papers

Repository

State Historical Society of Missouri

Citation

“Henry to Bernard Rustemeyer, September 10, 1921.” Rustemeyer Family Papers, State Historical Society of Missouri, accessed from German Heritage in Letters, March 12, 2026, https://germanletters.org/items/show/19

Original text

Duisburg Ruhrort, 10.9.21

Mein lieber Bernard!

Endlich wirst Du sicher ausrufen, wenn diese Zeilen in Deine Hände kommen. Deine beide Briefe habe ich erhalten. Ich hätte Deinen ersten Brief gerne gleich beantwortet, aber es war mir beim besten Willen nicht eher möglich. Im Juli hatte ich einen Kollegen mit zu vertreten, der in Urlaub war. Im August hatte ich neben meinem Bezirk die Lohnpfändungen bei den industriellen Werken in Hamborn. Ich hatte also in den beiden Monaten doppelt zu arbeiten. Aber diese Arbeit habe ich mit meiner Frau allein besorgt. Wir waren aber auch manchmal so alle, daß wir alles liegen und stehen lassen mußten und uns erst hinlegen mußten. Die beiden Mädchen sind in Stellung, damit sie etwas mit verdienen helfen. Die älteste ist beim Barmer-Bankverein in Dbg. und die zweite ist auf einem Schiffahrtsbüro. Am 1. April, wenn ich meine Schulden los bin, werde ich die zweite nach Hause nehmen. Meiner Frau wird es auf die Dauer auch zu viel. Sie besorgt zwischen 6 Personen den Haushalt allein einschl. Wäsche. Außerdem muß sie auch noch Bürochef spielen.

Nun, mein lieber Bernard, will ich Deine lieben Briefe beantworten. Mit großer Freude empfing ich das Bild von meinem lieben Bernard und seiner lieben Frau. Wenn Du mir auch nach 39 Jahren durch den Schnurrbart etwas aus den Augen gewachsen

warst, so erkannte ich aber meinen lieben Bernard bald wieder. Ich stellte das Bild vor mir auf den Schreibtisch. Ich mußte es aber dort wieder wegnehmen, weil ich mich fortgesetzt mit meinem alten Schulkameraden geistig beschäftigte und daher nicht arbeiten konnte. Ja, mein l. B., schön ist die Jugend bei frohen Zeiten, schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.

Aber auch eine Trauerbotschaft, hat Dein Brief bei uns hervorgerufen, indem wir vernahmen, daß die liebe, gute Maria nicht mehr zu den Lebenden zählt. Gerne und mit Freuden denke ich an die Zeit zurück, wo wir als kleine Pöste im Kleide der Unschuld vor Eurer Scheune umher tummelten und Haus- haltung spielten, wobei Maria die Mutter war. Auch ist Dir gewiß noch nicht vergessen, als sie uns später in Eurer Stube das Tanzen lernte. Wenn ich auch keinen Moment daran zweifle, daß sie gut aufgehoben ist, so habe ich sie wie auch Deine lieben Eltern in meine regelmäßigen Gebete für die Verstorbenen eingeschlossen. Wenn eine Mutter sieben Kindern das Leben geschenkt und erzogen hat, dann wird ihr meines Erachtens im ewigen Leben ein gutes Plätzchen beschieden sein. In dieser Auffassung bin ich um so mehr gestärkt, als ich aus Deinen lieben Zeilen vernommen habe, daß in der gesamten Familie Rustemeier noch der alte gute Geist herrscht und ihr das noch hoch und heilig ist, was sie in der Kirche, Schule und im Elternhause gelernt hat. Umsomehr nehmen wir aufrichtigen

Anteil an dem "[strikethrough:] Anteil [/strikethrough]" Leiden, welches Joseph seine liebe Frau betroffen hat. Dieses trifft noch umsomehr zu als mir Joseph "[strikethrough:] als [/strikethrough]" ein ein aufrichtiger, ruhiger und besonnener Charakter bekannt war. Er artete ganz auf seine Mutter, weshalb sich auch zwischen den Beiden ein recht inniges Verhältnis herausgebildet hatte. Ich sehe ihn noch, wie er als schmucker Kürassier und junger Vaterlandsver- teidiger am Sterbebette seiner Mutter kniete und den Verlust seiner lieben Mutter betrauerte. Die Mutter hatte sich große Sorge um Joseph gemacht, als er zu den Fahnen einberufen wurde. Der Kürassier gehörte ja gerade nicht zu den leichten Waffengattungen, zumal der unbeholfne Küraß noch in voller Blüte stand, später aber in die Rumpelkammer wanderte. Etwa 1890 wurde dann die gesamte Kavalerie mit Lanzen ausgerüstet, die bis dahin nur Ulanen hatten.

Ich zweifle nicht daran, daß Joseph als Senior der gesamten Familie Rustemeier in Zweifels- fragen ein guter Berater ist. Wir wünschen seiner lieben Frau gute Besserung.

Ich weiß noch, wie ich als Knirps vor Josef stand und seine schöne Uniform bewunderte. Er setzte mir auch seine Mütze auf und ließ mich in den Spiegel gucken.

Nun, mein lieber Bernard, ersehe ich aus Deinen lieben Zeilen, daß sich die ganze Fa-

milie Rustemeier große Sorgen wegen mei- ner wirtschaftlichen Verhältnisse macht, ja sie sich sogar in Unterstützungen erbötigt. Als ich diese Stelle Deines Briefes meiner Frau vorlas, konnten wir beide die Tränen nicht mehr verbergen. Dieses hochherzige Angebot, welches an Nächstenliebe auch nichts vermissen läßt, müßte ich eigentlich meinen Geschwistern mitteilen, aber ich will es mir versagen. Es schien zwar Ostern Franz und Anton anfangen zu dämmern, als sie sahen, in welchem Zustande ich mich befand. Anton sagte nämlich: "Kerl was bist Du alt und grau geworden." Sie wollten mich auch beide mit ins Haus nehmen und mich bewirten, was ich dankend ablehnte. Ja, lieber Bernard, es tut wehe, wenn man an dem Elternhause, in dem man unter Sorgen der Eltern zusammen groß gezogen worden ist, vorbeigehen muß. Unwillkürlich wurde das nachstehende Gedicht, ins- besondere als ich an Deiner Geburtsstätte vorüberzog, in mir wach gerufen:

"[insert:] In meine Heimat kam ich wieder, Es war die alte Heimat noch, Dieselbe Luft, dieselben Lieder, Und alles war ein anderes doch. Die Welle rauschte wie wie vor Zeiten, Am Waldweg sprang wie sonst das Reh, Von fern erklang ein Abendläuten, Die Berge glänzten aus dem See. Doch vor dem Haus, wo uns vor Jahren [/insert]"

"[insert:] Die Mutter stets umfing, dort sah Ich fremde Menschen, fremd Gebaren Wie weh, wie weh mir da geschah! Mir war, als rief es aus den Wogen: Flieh, flieh - und ohne Wiederkehr! Die Du geliebt, sind fortgezogen Und kehren nimmer, nimmermehr [/insert]"

Auch wurde mir der Moment ins Gedächtnis zurück- gerufen, wo wir uns vor 39 Jahren die Hand zum Abschied reichten. Mit blutendem Herzen verfolgten Euch meine Blicke, bis Ihr meinen Blicken entzogen waret. Wenn ich auch die "[strikethrough:] s [/strikethrough]" gesamte Familie Ruste- meier ungern scheiden sah, so hätte doch am liebsten meine Spielgenossen Maria und Bernard zurück- geholt.

"[insert:] Behüt Dich Gott, es wär so schön gewesen Behüt Dich Gott, es hat nicht sollen sein. [/insert]"

Lieber Bernard, wenn ich nun von Eueren hochherzigen Anerbieten Gebrauch machte, müßte ich mein Verhalten nicht blos als unbescheiden sondern gar als unverschämt bezeichnen. Ihr habt alle selbst Kinder, für die Ihr zu sorgen habt. Auch habe ich die schlimmste Zeit hinter mir. Die Kinder haben ja schon ein Paar Strümpfe bekommen. Auf den Unterbetten hatten wir Schonbe- züge, wovon meine Frau Hemden gemacht hat. Meine Schwester schickte noch alte Kleider von ihrem verstorbenen Mann und von ihrem gefallenen

Sohn. Es waren zwar nur Lumpen, aber meine Frau und meine älteste Tochter können gut schneidern und machen den Jungens noch Sachen davon. Ich habe augenblicklich meinen Ferienurlaub. In dieser Zeit wird das Schulzeug wieder in Stand gesetzt. Die alten Lumpen halten zwar nicht mehr besonders warm, aber wenn es mal arg kalt wird, ziehe ich 2 Hemden und 2 Unterhosen an. Es geht allmählich immer etwas besser, weshalb ich Euch bitte, Euch nicht allzugroße Sorgen um uns zu machen. Es wurde alles schon wieder etwas billiger, aber diese kollossale Trockenheit hat uns wieder um 1 Jahr zurückgesetzt. Die Preise gehen schon wieder rapiede in die Höhe. Hier am Rhein hat es seit Ostern fast gar nicht mehr geregnet und ist fast alles buchstäblich ver- trocknet. Mein Schwager Brüne in Körbecke schreibt mir, daß es dort nicht so schlimm sei. Er will mir 30 Ctr Kartoffeln vom Wäller besorgen. Unser Herr Gott wird schon helfen.

In Deinem ersten Briefe frägst Du an, ob Du meinen Brüdern mal schreiben solltest, wegen ihrem Verhalten. Ich stelle Dir dieses anheim. Ich bitte Dich aber, auf Einzelheiten nicht einzugehen. Denn wegen meiner Grundstücksankäufe kann ich sie nicht verantwortlich machen. Hier trifft das bekannte Sprichwort zu: "Was der Mensch sich einbrockt, muß er auch ausessen." Sie hätten ihre überflüssigen Lebensmittel aber in erster

Linie ihrem Bruder zukommen lassen müssen statt fremden Leuten. Ich wollte sie Ihnen doch bezahlen und zwar denselben Preis, den ihnen andere Leute dafür gaben. Ich konnte hier nicht fortkommen und holen mir was bei den Bauern. Ich hatte 4 Bezirke zu bearbeiten bei Marmelade und Steckrüben. Ja, l. B., ich war manchmal so alle im Bezirk, daß ich Schluß machten mußte und nicht mehr zur nächsten Elektrischen zu kommen wußte. Die Leute, die mich hier kannten, hatten mich schon aufgegeben. Und doch hat unser Herr Gott meine Bitte erhört. Ich habe ihn gebeten mich solange den Meinigen zu erhalten, bis ich meine Schulden bezahlt hätte, damit ihnen nicht zu guterletzt noch die Grundstücke versteigert würden und sie zum Schluß ganz nackend da stenden. Zum 1. April wird, wenn Gott will, mein Wunsch in Erfüllung gehen. Mein Schwager Brüne hat Franz mal ge- fragt, ob er nicht ein Pfd Butter für mich übrig hätte, was er verneint hatte. Seine älteste Tochter Klara, die bis Kriegsausbruch 1 1/2 Jahre bei uns war, schrieb bei Anfang des Krieges ob wir Butter und Eier haben wollten. Meine Frau hat ihr geschrieben sie möchte nur schicken. Es kam aber nichts, weil es Franz ihr verboten hatte. Lieber Bernard, bis Kriegsausbruch hatte ich jährlich ein Einkommen von ca. 12-13000 Mk. Ich habe mich in den guten Zeiten als gutmütiger Schafsdämel in meinem Glück mit meinen Angehörigen geteilt. In meiner Not hat sich

keiner um mich gekümmert. In dieser Zeit wurden mir die Worte aus einem diktierten Satze meines früheren Lehrers in Köln ins Ge- dächtnis zurückgerufen, die wie folgt lauten: "Als es mir gut ging auf Erden, wollten alle, alle meine Freunde werden. Als ich aber kam in Not, waren alle meine Freunde tot." Nun mein lieber Bernard, wir wollen die An- schauungen meiner Geschwister nicht nachahmen und nicht blos irrdische, sondern auch Schätze für die Ewigkeit sammeln, wofür gerade dem Ger. Vollz. wirklich Gelegenheit geboten wird. Wenn ich mein Brot an den Türen betteln müßte, würde ich an den Türen meiner "[strikethrough:] Sch [/strikethrough]" Geschwister vorbeigehen. Bei ihnen treffen die Worte der hochseligen Königin Luise zu:

"[insert:] "Wer nie sein Brot mit Tränen aß, In kummervollen Nächten, Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt Euch nicht, Ihr Himmlischen Mächte." [/insert]"

Anliegend überreiche ich Dir noch einige Andenken aus der Heimat. Den Tangelinner kennst Du gewiß auch noch wieder. Der Hochaltar, den Du ja schon bekommen hast, ist für Josef bestimmt. Anton und Ferdinand bekommen auch noch Andenken, sobald ich noch welche bekomme. Diese hat mir Brüne besorgt. Ferner überreiche ich Dir den Schleups Vetter im Bilde, worüber besonders Josef und Anton

Freude haben. Es ist zwar von dieser Sorte das letzte Bild, aber für die Familie Rustemeier habe ich es übrig. Das Bild haben wir 1893 in Köln-Ehrenfeld machen lassen, als mich mein Vater besuchte und ich gerade als junger Stift zum Feldwebel befördert war. Ich hatte noch kaum Haare unter der Nase. Was macht den eigentlich der Anton noch? Besitzt er noch immer den alten Humor? Was Anton nicht wußte, das wußte der Schleup. Es ist schade, daß Euer alter Vater nicht mehr lebt. Er würde sich sicher sichtlich freuen, wenn er seinen alten Freund Klogges im Bilde wiedersehe. Ich zweifle nicht daran, daß die Freude groß war, als sich die alten Freunde 1910 im ewigen Leben wiederfanden.

In Deinem Briefe schreibst Du, daß ich Dich vergessen hätte. Nein, l. B., das ist nicht der Fall meine kollossale Arbeit hat mich immer an dem Schreiben gehindert. Am 1. Oktober bekommt nun die Großstadt Hamborn selbst ein Amtsgericht, wodurch ich erheblich entlastet werde. Dann, l. B., wird sich für mich auch mal Zeit finden, meinem lieben Bernhard mal zu schreiben. Ich habe meiner lieben Frau immer von meinem lieben "Freund" Bernard bei jeder Gelegenheit er- zählt. Sie nimmt an unserer alten Freundschaft regen Anteil. Wenn sie auch die Mitglieder der Familie Rustemeier infolge ihres damaligen jugend- lichen Alters nicht so persönlich kennen gelernt hat, so hat sie doch noch den Abschied im Gedächtnis, als Maria weinend vom Kirchhof gekommen ist und von ihrer Mutter Abschied genommen hatte. Ferner

weis sie noch, als sie ihre Mutter an der Hand gehabt, als diese zu Dir gesagt hat: "Bernard warum macht ihr nun auch dieses?", als Du an Eurem Stall gestanden und geweint hast. Die letzten 3 Jahre meiner Militärdienst- zeit hatten wir uns einen Zivillehrer genommen, um uns für den Beamtenberuf besonders vorzubereiten. Dieser gab uns als Aufsatz das Gedicht "Die Bürgschaft" auf, welches wir in eine Erzählung umsetzen mußten. Bei dieser Gelegenheit dachte ich immer an meinen lieben Bernard. Das Gedicht lautet wie folgt:

"[insert:] Zu Dionys dem Tyrannen schlich, Damon den Dolch im Gewande; Ihn schlugen die Häscher in Bande. Was wolltest du mit dem Dolche sprich! Entgegnet ihm finster der Wüterich. "Die Stadt vom Tyrannen befreien!" "Das sollst Du am Kreuze bereuen." "Ich bin", spricht jener, "zu sterben bereit Aber bitte nicht um mein Leben; Doch willst du Gnade mir geben, Ich flehe dich um 3 Tage Zeit, Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit; Ich lasse den Freund dir als Bürgen, Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen." Da lächelt der König mit arger List Und spricht nach kurzem Bedenken: "Drei Tage will ich dir schenken, doch wisse, wenn sie verstrichen, die Frist, [/insert]"

Eh du zurück mir gegeben bist, So muß er statt deiner erblassen, Doch dir ist die Strafe erlassen," Und er kommt zum Freunde: "der König gebeut, Daß ich am Kreuz mit dem Leben Bezahle das frevelnde Streben, Doch will er mir gönnen 3 Tage Zeit, Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit; So bleib du dem König zum Pfande, Bis ich komm zu lösen die Bande." Und schweigend umarmt ihn der treue Freund Und liefert sich aus dem Tyrannen; Der andere ziehet von dannen. Und ehe das dritte Morgenrot scheint, Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint, Eilt heim mit sorgender Seele, Damit er die Frist nicht verfehle. Da gießt unendlicher Regen herab, Von den Bergen stürzen die Quellen, Und die Bäche, die Strome schwellen. Un er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab, Da reißet die Brücke der Strudel hinab, Und donnernd sprengen die Wogen Des Gewölbes krachenden Bogen. Und trostlos irrt er an Ufers Rand; Wie weit er auch spähet und blicket, Und die Stimme, die rufende schicket, Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,

Der ihn setze an das gewünschte Land, Kein Schiffer lenket die Fähre, Und der wilde Strom wird zum Meere. Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht, Die Hände zum Zeus erhoben: "O, hemme des Stromes Toben! Es eilen die Stunden, im Mittag steht Die Sonne, und wenn sie niedergeht, Und ich kann die Stadt nicht erreichen, So muß der Freund mir erbleichen." Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut, Und Welle auf Welle zerinnet. Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut Und teilt mit gewaltigen Armen Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen. Und gewinnt das Ufer und eilet fort Und danket dem rettenden Gotte; Da stürzet die raubende Rotte Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort, Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord Und hemmet des Wanderers Eile Mit drohend geschwungener Keule. "Was wollt ihr?" ruft er vor Schrecken bleich, "Ich habe nichts als mein Leben. Das muß ich dem König geben." Und entreißet die Keule dem nächsten gleich: "Um des Freundes willen erbarmet euch." Und drei mit gewaltigen Streichen

Erlegt er, die andern entweichen. Und die Sonne versendet glühenden Brand, Und vor unendlicher Mühe Ermattend, sinken die Kniee. "O hast du mich gnädig aus Räubershand, Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land, Und soll hier verschmachend verderben, Und der Freund mir, der liebende Sterben!" Und horch! Da sprudelt es silberhell, Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen, Und stille hält er, zu lauschen, Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell, Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell, Und freudig bückt er sich nieder Und erfrischet die brennenden Glieder. Und die Sonne blickt durch die Zweige Grün Und malt auf den glänzenden Matten Der Bäume gigantische Schatten. Und zwei Wanderer zieht er die Straß ziehn, Will eilenden Laufes vorüber fliehn, da hört er die Worte sie sagen: "Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen." Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß, Ihn jagen der Sorgen Qualen; Da schimmern in Abendrots Strahlen Von fern die Zinnen von Syrakus Und entgegen kommt ihm Philostratus, Des Hauses redlicher Hüter,

Der erkennt entsetzt den Gebieter: "Zurück! Du rettest den Freund nicht mehr, So rette das eigene Leben! Den Tod erleidet er eben. Von Stunde zu Stunde gewartet' er Mit hoffender Seele der Wiederkehr. Ihm konnte der mutigen Glauben Der Hohn des Tyrannen nicht rauben." "Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht Ein Retter willkommen erscheinen, So soll mich der Tod ihm vereinen. Des rühme der blutige Tyrann sich nicht, Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht, Er schlachte der Opfer zweie Und glaube an Liebe und Treue!" Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor Und sieht das Kreuz schon erhöhet, Das die Menge gaffend umstehet; An dem Seile schon zieht man den Freund empor, Da trennt er gewaltig den dichten Chor: Mich Henker!" ruft er, "erwürget! Da bin ich, für den er gebürget!" Und Erstaunen ergreift das Volk umher, In den Armen liegen sich beide "[strikethrough:] und [/strikethrough]" Und weinen vor Schmerzen und Freude. Da sieht man kein Auge tranenleer, Und zum Könige bringt man die Wundermär; Der fühlt ein menschliches Rühren,

Läßt schnell vor den Tron sie führen. Und blicket sie lange verwundert an; Darauf spricht er, "Es ist euch gelungen, Ihr habt das Herz mir bezwungen; Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn; So nehmet auch mich zum Genossen an! Es sei, gewährt mir die Bitte, In eurem Bunde der dritte."

Ja, mein l. B., die Treue, sie ist kein leeren Wahn. Auch ich stimme Deinen Ausführungen in Deinem Briefe bei. Welche Freude würde bei uns herrschen, wenn wir uns einmal wieder mündlich unterhalten könnten. Überlege doch mal, ob Du nicht Deine alte Heimat wieder aufsuchen möchtest. Ich brauche Dir erst wohl nicht ver- sichern, daß Dir meine Türen sämtlich offen stehen. Auch meine Frau und meine Kinder würden sich über Deinen Besuch freuen. Sollte es uns aber nicht vergönnt sein, lieber Junge, uns noch einmal im irrdischen Leben die Hand zu reichen, dann wird, wenn Gott will, die Freude bei einem Wiedersehen im ewigen Leben um so größer sein, wobei sich dann auch zweifellos bei uns die Stelle aus der "Bürgschaft" bewahrheiten wird:

"In den Armen liegen sich Beide, Und weinen vor Schmerzen und Freude."

Für die mir übersendeten Bilder, wie auch für das mir entgegen gebrachte Wohlwollen bitte ich Dich unsern Dank entgegennehmen zu wollen. Auch bitte ich Dich Deine liebe Frau, wie auch Deine lieben Brüder nebst Frauen in diesem Sinne zu bescheiden. Dein Sohn Anton ist ein kräftiger Kerl.

Nun mein lieber Benads empfange für heute für Dich und Deine ganze Familie die besten Grüße und Wünsche von Deinem alten treuen

Heinrich nebst Familie

L. B.! Sei so gut und schreibe nicht nach meinen Brüdern. Ich befürchte, daß es den Anschein hervorrufen könnte, daß man von ihnen etwas haben wollte.

D.O.


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