Duisburg - Ruhrort, 17.4.21
Mein lieber Bernard!
Endlich, wirst Du sicher ausrufen, daß Du mal
wieder ein Lebenszeichen von mir bekommst.
Ja, lieber Bernard ich habe Dich nicht vergessen, sondern
stets an Dich gedacht und wollte auch immer schrei-
ben. Aber man hat mich bei Militär sowohl, als
auch als Beamter stets nach allen Regeln der
Kunst angespannt, sodaß ich als Gerichtsvollzieher
stets ein Pensum für 3 normale Arbeitskräfte
erledigt habe. Ostern war ich seit 8 Jahren mal
wieder in Körbecke. Bei dieser Gelegenheit
habe ich auch August Stockebrand begrüßt.
Er gab mir Deinen Brief von 1915 zum Lesen, in
dem ich las, daß Du Dich bei ihm nach meiner Adresse
erkündigtest. August erklärte mir, daß Du diese
Erkundigungen auch noch in Deinen späteren
Briefen fortgesetzt hättest. Da, lieber Bernard,
kam mir wieder zum Bewußtsein, daß die
Treue kein leerer Wahn ist. Obschon ich heute
den ganzen Sonntag mit meiner Frau im
Büro gearbeitet habe, drängt es mich, wenigstens
heute um 10 Uhr Abends den Brief für meinen
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alten treuen Kameraden Bernard zu beginnen,
den ich morgen früh vollenden werde. Deinen
letzten Brief habe ich unserem alten Lehrer bei der
Gelegenheit übergeben, als ich um die Hand seiner
Tochter bat. Daß ich der Schwiegersohn von unserem
alten Lehrer Knaden geworden bin, wird Dir ge-
wiß bekannt sein. Meine Frau kannst Du Dich
gewiß noch als die kleine Mia vorstellen. Sie
kam in die Schule, als wir aus derselben entlassen
wurden. Wir sind seit 1901 geheiratet. Wir haben
6 Kinder, wovon noch 4 leben, die Älteste Mia =
18 Jahre, die Zweite Thea 15 Jahre, der Dritte Paul
10 Jahre und der Vierte Hendrik 7 Jahre (sagt der Holländer)
Von 1900-1903 war ich Ger. Vollz. in Laasphe, Kreis
Wittgenstein. Von dort wurde ich für 7 Monate nach
Salzkotten versetzt, bis am 1.2.04 meine
Versetzung nach Ruhrort erfolgte. Hier fand ich
ein reiches Arbeitsfeld. Der Schwiegervater hat
die letzten 10 Jahre bei uns gewohnt, bis er am
31. August 1913 hier in Ruhrort bei uns starb
und in Körbecke beerdigt wurde. Es war ein
guter, ehrenhafter und zufriedener Charakter. Ich
habe es ihm an nichts fehlen lassen. Es war gut, daß
ihm die Schrecken des Krieges und die Hungersnot
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erspart blieben. Der Krieg hat mir Not und
Elend gebracht. Deutschland, das früher im Golde
schwamm, ist heute so arm wie der Jub. Ganz
Europa ist durch den Krieg verarmt. Ich habe schreck-
liche Zeiten mit durchgemacht. Durch die Blockade waren
wir von der ganzen Welt abgeschnitten. Die vorhandenen
Lebensmittel reichten kaum zur Hälfte eins. Der
Landbewohner hatte immer noch zu leben, während
aber die Großstädte und der Industriebezirk die ganze
Hungersnot allein tragen mußten. Ich sitze hier
nun mitten in dem Kohlenrevier. Von meinen
beiden Brüdern in Körbecke habe ich nicht das Geringste
bekommen. Sie haben mich als Bruder in meiner Not
nicht gekannt. Sie haben die Lebensmittel fremden
Leuten gegeben, statt ihrem Bruder, obschon ich Ihnen
gerne denselben Preis dafür gezahlt hätte. Ihr Verhalten
war aber dem Umstande zuzuschreiben, daß sie sich
genierten, mir die Wucherpreise abzufordern. Ferner
hatte der Humpes Onkel in Berlingsen meinem
Vater 25000 Mk vermacht, sodaß ein Jeder von uns
5000 Mk bekam. Die beiden Brüder in Körbecke waren
nun erbost darüber, daß sie das Geld nicht allein
bekamen und wir übrigen darauf verzichteten.
Anton machte sogar Anspruch auf das Ganze, obschon
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er den elterlichen Hof allein bekommen hat. Wir
bekamen 100 Mark. Daß ich nicht auf meinen Teil ver-
zichtete, deshalb habe ich keine Lebensmittel bekommen.
Wie ich höre, hat sich Anton sogar mit folgenden Worten
geäußert: "Es ist ganz gut, daß die Städter mal schmach-
ten müssen, daß ihnen mal die Hälse lang werden."
Ich denke mir, daß dieses lediglich mir gelten sollte.
Als ich jetzt in Körbecke war, wollte ich sie eigentlich
nicht begrüßen. Ich bin aber doch hingegangen. Sie
wollten auftischen, was ich dankend abgelehnt habe.
Anton hat heute 55 Morgen Land, 3 Pferde. Ich habe
mich während meiner dreitägigen Anwesenheit in
Körbecke bei meinem Schwager, dem Lehrer Brüne
aufgehalten. Dieser hat die jüngste Schwester von meiner
Frau und ist der Amtsnachfolger von meinem Schwieger-
vater. Ich habe in unserem Klassenzimmer geschlafen.
Die alte Schule ist nämlich ganz zur Wohnung eingerichtet.
In dem großen Schulgarten "[strikethrough:]" st "[/strikethrough]" zwischen Herbst und dem
Küster steht eine neue Schule. Es sind jetzt dort 2 Lehrer
und 2 Lehrerinnen tätig. Die Körbecker Bauern sind
alle schwer fett, körperlich wie auch finanziell. Mein Bruder
Franz der kleine Kerl wiegt mindestens 2 1/2 Ctr. Sein Nacken
ist dicker wie der Kopf. Armut git es in Körbicke
nicht mehr. Zunächst haben die Bauern schwer Geld für ihre
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Wiesen bekommen, als die Talsperre angelegt wurde und da kam der Krieg. In Körbecke herrscht einen Wohlstand, wovon Du Dir keinen Begriff machen kannst. Der Morgen Land kostet dort 10 000 Mk. Und sie geben auch 12 000, wenn sie nur etwas bekommen können. Die Bauern können ihr Geld nicht unterbringen. Von Wamel bis Günne ist jetzt ein großer See. Das schöne Tal ist verschwunden. Infolge dessen hat sich das Bild von Körbecke kollosal geän= dert. Die letzten Häuser in Körbecke sind Müllers Kasper und der Schuhmacher Briske. Die neue Mönen= straße geht jetzt unter Hafner und Wellers Hause her. Das Amt ist jetzt in der Vikarei. Die neue Post steht da wo früher Mückenhofs Haus stand in Sterns Garten. Auf dem Gensebruche, wo früher Schütten Haus stand, steht ein Polizeigebäude, in welchem der Polizei= diener Luther wohnt. Auch sind die Arrestzellen dort angebracht. Auch sonst hat sich vieles in Körbecke ge= ändert. Klüseners Georg, der Bunsen Anna zur Frau hatte, ist gestorben. Bunsen Josef hat Kramers Anna zur Frau. Auf dem alten Krankenhause wohnte der Anstreicher Becker, beide sind tot. Aseslers Anton (Löer) lebt noch. Olwes Adam ist tot, desgl. sein Bruder Anton. Der alte Fricke, sein Sohn Rudolf und sein Sohn Josef sind tot. Der Schornsteinfeger Herbst
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ist in der Irrenanstalt zu Masberg (Stadtberge)
gestorben. Der Küster heißt Neuhans, der Schwieger-
sohn von der Näherin [?] Wera [/?] Stephanblome. Franz Stocke-
brand soll bei seiner Tochter in Neheim wohnen.
Brassen Peter sein Haus ist abgebrochen. Dort hat sich der
Schäferhof, früher Schulte-Echkrop, ein neues drauf-
gesetzt. Schäferhofs sind beide tot. Brassen Peter wohnt
in Hamminers hause. Kneers Ferdinand hat sich
tot gesoffen. Er hatte Alwes Franziska zur Frau, die
Hebamme ist. Köllers Bernard ist tot, desgl. Paulen
Gänne. Tigges Albert, der eine Mühlenschulten Tochter
zur Frau hatte, ist gestorben. Der alte Tigges lebt noch.
Brunnen Clemens ist an Tyfus gestorben. Feldmanns
Heinrich hat damals Berta Stern geheiratet, nach dem sie
von der jüdischen zur kath. Religion übergetreten war.
In Körbecke sind alle Juden weg bis auf Meier
Meyerhoff der jetzt in Sterns Hause wohnt. Die
alte Speckenheuers Leute sind tot. Mens Haus hatten
damals Lips gekauft und abgebrochen. Lips Jakob
ist in der Möhne ertrunken. Die andern Lips
Kinder sind alle weggezogen. Unser Franz hat
damals mit Drees Klara geheiratet und Wiegelmanns
Haus gekauft. Klara ist tot. Meine Mutter und
meine Schwiegermutter starben 1898. Mein Vater 1905
Rumps Franz ist im Kriege gefallen. Rumps Anton
hat eine Balls Tochter geheiratet. Auf Kötters Hofe kam
damals der Bernard, der in Bilme war, er ist vor etwa 3 Jahren
gestorben. In "[?] Landgrenen [/?]" Hause wohnt jetzt der Theodor
Westermann. In euerem Hause wohnt ein Dregger
(Schnapps von Büeke) der Wiers Berta geheiratet. Er hatte
sie vorher angeraucht, sonst hätte er sie wohl nie bekommen.
Wiers Tine hat Drees Josef zur Frau. Wieers Lina
hat Nachrichters (Ebel) Wilhelm bekommen. Wilhelm
ist auch schon tot. Wieers Drüttchen soll bei ihrem
Bruder Hermann Haushälterin sein. Wieers Fer-
dinand sein Frau hat sich in der Talsperre ertrunken.
Stefanschäfers Hermann (Leifert) hat erst mit 50 Jahren
geheiratet. Seine Eltern sind tot. Der alte Sörres
(Spork) soll noch leben. In Körbecke haben sie auch wieder
neue Glocken bekommen. Die alten mußten damals
alle abgegeben werden für den Krieg. Die übrigen Ver-
hältnisse sind mir in Körbecke ganz entfremdet. Meine An-
wesenheit war auch zu kurz, daß ich mich mal wieder erkundgen
konnte. In Speils Wiese steht eine Molkerei. Das neue
Krankenhaus kennst Du gewiß noch. Dieses wurde ja
auf dem Jurk seinem Besitztum gebaut. Der Jurk
hat ja sein ganzes Besitztum dafür hergegeben,
worüber er später unzufrieden war. Er sagte näm-
lich später: "Wo die Gänse raten, die Soldaten braten
und wo die Pfaffen das Testament machen, die
ist es gut oder wird gut." Der Brisken Eberhard
ist schon ca. 25 Jahre tot. Er hatte "[strikethrough:] Schrie [/strikethrough]" Schreibers Maria
zur Frau. Der Nachbar Schmölschen ist auch schon tot.
Hierbei wirst Du Dich an eine alte Sache erinnern.
Wir waren mal als Jungens in der Juden-Sünagoge
gewesen, wo ich auf die Tafel geschrieben hatte: "Juden
heißen Schimmel." Nun hatten sich die Juden beim
Schwiegervater beschwert. Bei der Untersuchung hatte
mich der Schmölschen beim Schwiegervater angekläfft,
worüber Du sehr empört warest, als ich bestraft wurde.
Du nahmst an meinem Schicksal brüderlichen
Anteil mit Worten: "Wart nur, nachher bekommt
er seine Wichse." Nachher haben wir ihn auf unserer
Dele mit Schienenstöcken verprügelt. Ja, lieber
Bernard, das sind noch so alte Erinnerungen aus
unserer goldenen Jugendzeit, in der wir sorgen-
los unter dem Schutze unserer lieben Eltern heran-
wuchsen und wir uns Schulter an Schulter in Freud
und Leid brüderlich teilten. Gerne und mit Freuden
denke ich an diese schöne Zeit zurück. Es war ein
Zusammenleben zwischen unseren Familien, wie
es nicht besser zu denken war. Was machst Du noch?
Wie geht es Deinen Brüdern und Deiner lieben Schwester
Maria? Weist Du noch als man Maria und mich immer
utzen, wir beiden sollten in dem alten Klüseners
Hause die Schusterei betreiben. Die alte Kuhklappe sollte
das Schaufenster werden. Ja, lieber Bernard, ich
will Dir an dieser Stelle auch gar keinen Hehl daraus
machen, daß ich schon damals ein stiller Verehrer von
Maria war. Sie war ein ruhiger, verständiger
und umsichtiger Charakter, wofür schon der Umstand
spricht, daß sie in ihrem jugendlichen Alter dem ganzen
Haushalte vorstand. Leider war es mir durch obwalten
der Verhältnisse nicht vergönnt, mit ihr den Bund
des Lebens zu schließen bezhw. als die Meinige
heimzuführen. Übermittle ihr bitte meinen be-
sonderen Gruß. Hoffentlich geht es ihr gut. Mir
ging es bis zum Kriegsausbruch auch gut. Dann
fing für mich und meine Familie eine dornnenvolle
Zeit an. Wie Du weißt, bin ich in bescheidenen Verhält-
nissen groß gezogen. Auch hat es mir während meiner
12 jährigen Dienstzeit als Soldat an Strapazen und
Entbehrungen nicht gefehlt. Ich habe auch nie große An-
sprüche an das Leben gemacht, aber der Krieg war zu fürchter-
lich. Als wir blockiert wurden, setzte 1915 schon eine
Lebensmittelknappheit und infolge dessen eine kollosale
Teuerung ein, die sich immer mehr steigerte und
erst recht nach dem Kriege, wo man Erlösung erwartete.
Wir Beamten mußten uns mit unserem Friedens-
gehalt, das für den Frieden nicht mehr reichte, durchhungern.
Erst als der Krieg 2 1/2 Jahr im Gange war, fing man an,
uns ab und zu ein kleines Almosen zu geben.
Meine Nebeneinkünfte als Ger. Vollz. blieben fast vollständig
aus, weil gegen Kriegsteilnehmer nicht vollstreckt
werden durfte. Nun hat ich auch noch die Dummheit
begangen, daß ich mein Geld in Grundstücken an-
gelegt hatte und den Restkaufpreis noch von meinem
Gehalt verzinsen mußte. Am 1 Jenner 1917 gab ich
mein Gehalt für Zinsen hin, sodaß ich ohne einen Pfennig
Geld dastand und ich nicht einmal in der Lage war,
mir die bißchen Lebensmittel zu holen, die einem
von der Stadt verabfolgt wurden. Nun, lieber Bernard,
wie es einem als Vater zu Mute ist, wenn man seiner
Frau und seinen Kinderchen nicht einmal ein Stückchen
Brot mehr geben kann, kannst Du Dir wohl selbst
ausmalen. Ich bin in mein Kämmerlein gegangen
und habe mich recht satt geweint. Hierzu kam auch
noch, daß ich schon bei Kriegsausbruch infolge meiner
Überanstrengung vollständig nervös war. Als ich mich so
verlassen sah, war ich das Leben leid. Ich wäre lieber
heute wie morgen gestorben. Ich konnte mich nicht mehr
freuen und konnte auch nicht mehr lachen, obschon ich immer
ein lebensfroher und humoristischer Mensch war. Der Ge-
danke an ein Jenseits und meine Frau und meine
Kinder hat mich aufrecht erhalten, sonst wäre ich freiwillig
aus dem Leben geschieden. Ich habe immer wieder den
Kopf hoch genommen und mir gesagt: "Wer ausharrt
bis ans Ende, dem wird die Krone des ewigen Lebens
beschieden sein. Du darfst deine Frau und deine Kinder
nicht im Stich lassen." Der kleinste, der im August 14 geboren
ist, und recht viel Milch haben mußte, ist bei Marmelade
und Steckrüben groß geworden. Die Kinder, besonders
der kleinste hat mir arg leid getan. Aber unser Herrgott
segnet das Brot der Armen. Er hat mir meine ganze
Familie gesund gelassen, bis kürzlich meine Frau
ärztliche Hülfe wegen Unterernährung in Anspruch nehmen
mußte. Deshalb bin ich auch nach Körbecke gefahren
und habe mir für sie Eier und Butter geholt. An
unseren Photografien kannst Du sehen, wie es uns
gegangen hat, nachdem wir uns aber schon wieder
etwas erholt haben. Wir sind beide schneeweiß.
Meine Brüder haben mich in meiner Not nicht als ihren
Bruder nicht gekannt, obschon sie sehr wohl wußten,
saß hier im Kohlenrevier eine große Hungersnot herrschte
und mein Bruder Josef der von dem Kriege halb von Richardt
gelebt hat. Er wohnt Wanne als Lademeister und hat
eine Frau aus Müllingsen, sodaß es ihm sehr wohl
möglich war mir etwas Lebensmittel zu besorgen.
Hierzu war er rechtlich wie moralisch verpflichtet, weil
ich 3 Wochen für ihn geschustert habe und ihm 4 Paar Schuhe
gemacht habe. Somit war es seine Pflicht wenigstens
mal 3 Tage für mich zu opfern und mir etwas Lebens-
mittel zu besorgen. Er hat aber in Wanne mit den Le-
bensmittel einen schwungvollen Handel getrieben bzw.
damit gewuchert. Ja, ja, lieber Bernard, in Deutsch-
land ist alles Egoist geworden. Jeder huldigt dem be-
kannten Sprichwort: "Jeder für sich und Gott für uns
alle." Das frühere reiche deutsche Herz ist zu Stahl ge-
worden. Der deutsche Bauer hat in diesem Weltringen
den Judas gespielt. Er geht über Leichen. Wenn
ich früher bei der Truppe einen braven unverdorbenen
Bauernjungen hatte, der hatte allen anderen gegenüber
fünfe voraus, obschon ich mich als Mutter der Kompagnie
fühlte und es alle meine Kinder waren. Heute ist
mir der deutsche Bauer der unsympatischte Mensch, den es
nur gibt. Es ist hier an der anderen Rheinseite, wo noch
Landwirtschaft ist, vorgekommen, daß ein Bauer sich von
einer Bergmannsfrau 30 M für den Ctr Kartoffeln zahlen
ließ, wo der Höchstpreis 6 Mk pro Ctr betrug. Nun, lieber
Bernard, habe ich den Faden verloren und muß ich auf
die Stelle meiner größten Not wieder zurückkommen.
Ich habe mir dann wieder ein Herz gefaßt und mir von
meinem Freunde in Hamborn 100 Mk geliehen und
sodann meine Lebensversicherung der Gesellschaft zurück-
verkauft, wobei ich allerdings die Hälfte verloren habe.
Nun, ich war aber mal über den ersten Berg mal wieder
rüber. Später wurden die jüngeren Kollegen wieder ein-
gezogen , wodurch es wieder mehr Arbeit gab. Auch
bekamen wir Beamten allmählich kleine Zuschüsse, sodaß
wir wenigstens vor dem Hungertode bewahrt blieben.
Es haben viele Leute, besonders die Jugend durch Unter-
ernährung infolge des Krieges unter die Erde gemußt.
Amerika hat sich in anerkennenswerter Weise in-
folge der Quäkerspeisung für unsere Jugend ver-
dient gemacht. Meine beiden Knirpse haben auch
schon daran teilgenommen.
"[insertion cutout newspaper:] " Amerikanische Lebensmittelpakete. Das städt. Wohlfahrtsamt macht nochmals darauf aufmerk- sam, daß durch Vermittlung der "American Re- lief Administration Warenhauses" in Hamburg Le- bensmittel aus Amerika bezogen werden können. Zu diesem Zwecke müssen Verwandte oder Be- kannte in Amerika bei einer beliebigen Bank eine Lebensmittelanweisung lösen und an den Empfän- ger nach Deutschland schicken. Auf Grund dieser Anweisung liefert dann das Lebensmittellager in Hamburg die entsprechenden Lebensmittel. Die Lieferung erfolgt in Einheitspaketen zu 10 und 50 Dollars. Alles nähere, insbesondere auch über den Inhalt der Pakete, ist aus den gedruckten An- weisungen ersichtlich, die im städtischen Wohlfahrts- amt, Verwaltungsgebäude 3, Zimmer 27, kostenlos abgegeben werden. "[/insertion cutout newspaper] "
Meine Frau drängt seit Weihnachten, daß ich Dir mal schreiben
möchte wegen dem Inhalt aus vorstehendem
Zeitungsabschnitt, aber wegen meiner vielen
Arbeit kam ich nicht dazu. Wenn es Dir keine
Umstände und Kosten macht, dann sei bitte so
gut und schick mir eine solche Anweisung zu.
Falls du Auslagen hast, so gib sie mir auf, dann
erstatte ich Dir dieselben. Ich kenne den Inhalt dieser
Pakete nicht, aber zweifellos wird dasselbe Sachen zu
ermäßigten Preisen enthalten. Hier herrscht eine
fürchterliche Teuerung. Nachstehend lasse ich Dir einzelne
Anhaltspunkte zugehen:
1 Ei, bisher 2,20 Mk, jetzt 1,60 M. 1 Pfund Speck 25 Mk,
1 Pfund Butter 40 Mk, 1 Ltr Milch 3,00 Mk, 1 Büchse Milch 9,40
Mk, 1 Pfund Zucker 8 Mk, 1 Pfund amerikanisches Weizenmehl 4,75 M
1 Pf Rindfleisch 15 M, 1 Pf Mettwurst 24 Mk, 1 Ltr Rüböl 14 M
1 Pf Schweinefleisch 20 M., 1 Ctr Kartoffeln 60 Mk, 1 Pf Kaffee
20 Mk, 1 Paar wollne Damenstrümpfe 50-60 Mk, 1 Anzug
1500-2000 Mk
Mein Schwager in Gevelsberg hat schon wegen der
Zeitungsnotiz nach Deiner Adresse gefragt. Ich habe ihm
Deine Adr von früher gegeben. Du bist anscheinend ver-
zogen. Diesen Schwager (Josef) wirst Du wohl nicht
mehr kennen. Meine Schwiegereltern hatten folgende
Kinder: 1 Franz, Lehrer in Warstein, 2 Mia, meine
Frau, 3. Josef, Bäcker in Gevelsberg i/W., Wittenerstr.,
4. Elisabeth, Frau vom Lehrer Brüne in Körbecke, Amts-
nachfolger vom Schwiegervater.
Lieber Bernard, da höre ich von meiner Frau, daß eine
Schwester von meinem Schwiegervater in Deiner
Gegend wohnen und dort eine Mühle haben soll.
Schreib mir bitte mal hierüber. Wenn sie noch lebt,
so bestell ihr unsere besten Grüße und zeig ihr ihren
Bruder auf dem Bilde mal. Das Bild selbst habe
ich Dir zum Andenken beigefügt. Die Leute sollen
Greitens heißen.
Meiner Schwester Theresia ihr Mann ist im vorigen
Jahr gestorben. Ihr einziger Sohn ist auf dem Felde
der Ehre gefallen. Ihre beiden Töchter sind verheiratet.
Wenn sie auch keine Nahrungssorgen während des
Krieges hatte, so hat sie doch die Härten des Krieges
schmerzlich empfinden müssen, indem ihr der einzige
Junge geraubt und ihre ganze Existenz vernichtet
wurde. Sie hat die Bäckerei verpachtet und wohnt
jetzt bei ihrem Schwiegersohn, dem Lehrer R. Weidener
in Altstätten bei Cöln.
Wie Du gelesen hast, haben wir jetzt auch in Ruhrort
die Besatzung bekommen. Das Herz tut einem
doch weh im Leibe, wenn man so machtlos zusehen
wo Wilhelm immer noch Unterhandlungen pflog,
uns den Frieden zu erhalten. Meines Erachtens
hat Wilhelm zu lange gewartet, wodurch es dem
Russen ermöglicht wurde, uns halb Ostpreussen in
Brand zu stecken. Hindenburg hat ihm später
den Lohn dafür gezahlt, indem er dem Russen
die Narew.-Armee in den Masurischen-
Seen in Ostpreussen "[underlined:] versöipet [/underlined]" hat. Die Sache
ist vorbei. Der Krieg hat nur Not und Elend
für ganz Europa gebracht. Ich darf an die Zeit nicht
mehr zurückdenken. Wenn ich mit meiner Fami-
lie auch heute noch kein Fleisch, keine Milch, keine
Butter u. keine Eier kenne, so bin ich aber gern zufrieden. Erstens
hat das Morden mal aufgehört. Zweitens habe
ich Kartoffeln im Keller und Fett im Essen.
Es fehlt ja noch an manches. Meine Kinder hätten
z. B. schon bei Kriegsausbruch Strümpfe haben
müssen, aber sie haben bis heute noch keine bekommen.
Meine Frau bettelt manchmal um das Allernötigste,
wie Strümpfe, Hemden u.s.w. Ich mußte es ablehnen
und ihr anheimstellen, immer wieder Lappen darauf
zu setzen, an denen es auch fehlt. Es tut mir selbst
wehe, l. B., wenn ich das Elend sehe, aber ich muß
erst meine Hypothekenschulden weg haben. Ich
werde jeden Tag älter. Und wenn ich von den Meinigen
eines guten Tages Abschied nehmen müßte in dem
Bewußtsein, daß ihnen schließlich noch die Grundstücke
(8 Morgen) noch versteigert würden, für die ich mich 15 Jahre geplagt
und gehungert habe, das wäre mir zu schrecklich. Wenn
mich der liebe Gott gesund läßt, dann werde ich dieses
Ziel nach etwa einem Jahr erreicht haben, sodaß ich
dann mein Gehalt wieder für meine Familie
verwenden und wieder ruhig schlafen kann.
Dann, l. B., wird auch für mich mal wieder die
Sonne scheinen, sodaß dann meine Nerven mal wieder
etwas zur Ruhe kommen. Lieber Bernhard, sei aber
so gut und berichte über mein Schicksal nichts nach
Körbecke. Ich habe nämlich die Überzeugung, daß
diese Nachricht in gewissen Kreisen nur Freude auslösen
würde. Wie ich bereits hervorhob, kennt das deutsche
Herz kein Mitleid mehr. Hier trifft der Umstand
zu, den der Papst schon bei Anfang des Krieges prove-
zeihte: "Durch den Krieg wird die ganze Menschheit verroht."
Zum Schlusse, lieber Bernhard, erlaube ich mir, Dir
einige kleine Andenken an die Heimat, wo
einstens unsere Wiege stand, beizufügen. Wenn
Du irgend welche Wünsche hast, so laß sie mir
bitte wissen. Dein Wunsch ist für mich ein Befehl. Während
meiner zwölfjährigen Militärdienst habe ich manchen treuen
Kameraden gehabt, aber nie einen solchen wie meinen
treuen Freund. Bernard, der in brüderlicher Treue
seine eigenen Interessen, den Meinigen
unterordnete. Deshalb wurde ich, dachdem ich Deiner
lieben Zeilen bei August gelesen hatte, von
einem Heimweh und einer Sehnsucht befallen, daß
ich nunmehr alles liegen und stehen ließ, um mal
wieder ein Lebenszeichen von meinem treuen Ber-
nard zu erhalten. Wohltuhend und beruhigend
wirkten meine Zeilen schon, als ich mich bei dieser
Niederschrift mit Dir, l. B., geistig unterhalten
konnte, wenn auch an manchen Stellen Tränen
dabei hervortraten.
Nun, lieber Bernard, will ich meine Zeilen "[strikethrough] sc [/strikethrough]" für heute
schließen. Wenn auch meine Weisheit gerade noch nicht
zur Neige geht, aber der Dienst der ruft. Laß mir
bitte recht bald ein Lebenszeichen von "[strikethrough] z [/strikethrough]" Dir zukommen
und zwar mit einem ausführlichen Bericht, wie
es Deinen lieben Brüdern, Deiner lieben Schwester
Marie und besonders wie es Dir, mein Lieber Bernhard,
mit den Deinigen geht. Übermittle bitte allerseits
unsere besten und aufrichtigsten Grüße und Wünsche,
aber besondere Grüße und Wünsche nimm aber Du ent-
gegen von Deinem aufrichtigen und treuen Schulka-
meraden
Heinrich Alteköster,
Gerichtsvollzieher in Duisburg-Ruhrort,
Elisenstr. 21.,
Deutschland.
Heinrich Alteköster
Gerichtsvollzieher in Duisburg
Ruhrort Elisenstr 21
Germany