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Heinrich Altekoester to Bernard Rustemeyer, April 17, 1921

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Heinrich Altekoester to Bernard Rustemeyer, April 17, 1921, p. 1
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Heinrich Altekoester to Bernard Rustemeyer, April 17, 1921, p. 6
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Author

Heinrich Altekoester

Recipient

Bernard Rustemeyer

Date

April 17, 1921

Destination

Osage County, Missouri

Description

Letter from Heinrich Altekoester to Bernard Rustemeyer, April 17, 1921.

Type

letter

Language

German

Tags

1920-1929, transcription under review

Source

Rustemeyer Family Papers

Collection

Rustemeyer Papers

Repository

State Historical Society of Missouri

Citation

“Heinrich Altekoester to Bernard Rustemeyer, April 17, 1921.” Rustemeyer Family Papers, State Historical Society of Missouri, accessed from German Heritage in Letters, March 12, 2026, https://germanletters.org/items/show/18

Original text

Duisburg - Ruhrort, 17.4.21

Mein lieber Bernard!

Endlich, wirst Du sicher ausrufen, daß Du mal

wieder ein Lebenszeichen von mir bekommst.

Ja, lieber Bernard ich habe Dich nicht vergessen, sondern

stets an Dich gedacht und wollte auch immer schrei-

ben. Aber man hat mich bei Militär sowohl, als

auch als Beamter stets nach allen Regeln der

Kunst angespannt, sodaß ich als Gerichtsvollzieher

stets ein Pensum für 3 normale Arbeitskräfte

erledigt habe. Ostern war ich seit 8 Jahren mal

wieder in Körbecke. Bei dieser Gelegenheit

habe ich auch August Stockebrand begrüßt.

Er gab mir Deinen Brief von 1915 zum Lesen, in

dem ich las, daß Du Dich bei ihm nach meiner Adresse

erkündigtest. August erklärte mir, daß Du diese

Erkundigungen auch noch in Deinen späteren

Briefen fortgesetzt hättest. Da, lieber Bernard,

kam mir wieder zum Bewußtsein, daß die

Treue kein leerer Wahn ist. Obschon ich heute

den ganzen Sonntag mit meiner Frau im

Büro gearbeitet habe, drängt es mich, wenigstens

heute um 10 Uhr Abends den Brief für meinen

[page 2:]

alten treuen Kameraden Bernard zu beginnen,

den ich morgen früh vollenden werde. Deinen

letzten Brief habe ich unserem alten Lehrer bei der

Gelegenheit übergeben, als ich um die Hand seiner

Tochter bat. Daß ich der Schwiegersohn von unserem

alten Lehrer Knaden geworden bin, wird Dir ge-

wiß bekannt sein. Meine Frau kannst Du Dich

gewiß noch als die kleine Mia vorstellen. Sie

kam in die Schule, als wir aus derselben entlassen

wurden. Wir sind seit 1901 geheiratet. Wir haben

6 Kinder, wovon noch 4 leben, die Älteste Mia =

18 Jahre, die Zweite Thea 15 Jahre, der Dritte Paul

10 Jahre und der Vierte Hendrik 7 Jahre (sagt der Holländer)

Von 1900-1903 war ich Ger. Vollz. in Laasphe, Kreis

Wittgenstein. Von dort wurde ich für 7 Monate nach

Salzkotten versetzt, bis am 1.2.04 meine

Versetzung nach Ruhrort erfolgte. Hier fand ich

ein reiches Arbeitsfeld. Der Schwiegervater hat

die letzten 10 Jahre bei uns gewohnt, bis er am

31. August 1913 hier in Ruhrort bei uns starb

und in Körbecke beerdigt wurde. Es war ein

guter, ehrenhafter und zufriedener Charakter. Ich

habe es ihm an nichts fehlen lassen. Es war gut, daß

ihm die Schrecken des Krieges und die Hungersnot

[page 3:]

erspart blieben. Der Krieg hat mir Not und

Elend gebracht. Deutschland, das früher im Golde

schwamm, ist heute so arm wie der Jub. Ganz

Europa ist durch den Krieg verarmt. Ich habe schreck-

liche Zeiten mit durchgemacht. Durch die Blockade waren

wir von der ganzen Welt abgeschnitten. Die vorhandenen

Lebensmittel reichten kaum zur Hälfte eins. Der

Landbewohner hatte immer noch zu leben, während

aber die Großstädte und der Industriebezirk die ganze

Hungersnot allein tragen mußten. Ich sitze hier

nun mitten in dem Kohlenrevier. Von meinen

beiden Brüdern in Körbecke habe ich nicht das Geringste

bekommen. Sie haben mich als Bruder in meiner Not

nicht gekannt. Sie haben die Lebensmittel fremden

Leuten gegeben, statt ihrem Bruder, obschon ich Ihnen

gerne denselben Preis dafür gezahlt hätte. Ihr Verhalten

war aber dem Umstande zuzuschreiben, daß sie sich

genierten, mir die Wucherpreise abzufordern. Ferner

hatte der Humpes Onkel in Berlingsen meinem

Vater 25000 Mk vermacht, sodaß ein Jeder von uns

5000 Mk bekam. Die beiden Brüder in Körbecke waren

nun erbost darüber, daß sie das Geld nicht allein

bekamen und wir übrigen darauf verzichteten.

Anton machte sogar Anspruch auf das Ganze, obschon

[page 4:]

er den elterlichen Hof allein bekommen hat. Wir

bekamen 100 Mark. Daß ich nicht auf meinen Teil ver-

zichtete, deshalb habe ich keine Lebensmittel bekommen.

Wie ich höre, hat sich Anton sogar mit folgenden Worten

geäußert: "Es ist ganz gut, daß die Städter mal schmach-

ten müssen, daß ihnen mal die Hälse lang werden."

Ich denke mir, daß dieses lediglich mir gelten sollte.

Als ich jetzt in Körbecke war, wollte ich sie eigentlich

nicht begrüßen. Ich bin aber doch hingegangen. Sie

wollten auftischen, was ich dankend abgelehnt habe.

Anton hat heute 55 Morgen Land, 3 Pferde. Ich habe

mich während meiner dreitägigen Anwesenheit in

Körbecke bei meinem Schwager, dem Lehrer Brüne

aufgehalten. Dieser hat die jüngste Schwester von meiner

Frau und ist der Amtsnachfolger von meinem Schwieger-

vater. Ich habe in unserem Klassenzimmer geschlafen.

Die alte Schule ist nämlich ganz zur Wohnung eingerichtet.

In dem großen Schulgarten "[strikethrough:]" st "[/strikethrough]" zwischen Herbst und dem

Küster steht eine neue Schule. Es sind jetzt dort 2 Lehrer

und 2 Lehrerinnen tätig. Die Körbecker Bauern sind

alle schwer fett, körperlich wie auch finanziell. Mein Bruder

Franz der kleine Kerl wiegt mindestens 2 1/2 Ctr. Sein Nacken

ist dicker wie der Kopf. Armut git es in Körbicke

nicht mehr. Zunächst haben die Bauern schwer Geld für ihre

[page 5:]

Wiesen bekommen, als die Talsperre angelegt wurde und da kam der Krieg. In Körbecke herrscht einen Wohlstand, wovon Du Dir keinen Begriff machen kannst. Der Morgen Land kostet dort 10 000 Mk. Und sie geben auch 12 000, wenn sie nur etwas bekommen können. Die Bauern können ihr Geld nicht unterbringen. Von Wamel bis Günne ist jetzt ein großer See. Das schöne Tal ist verschwunden. Infolge dessen hat sich das Bild von Körbecke kollosal geän= dert. Die letzten Häuser in Körbecke sind Müllers Kasper und der Schuhmacher Briske. Die neue Mönen= straße geht jetzt unter Hafner und Wellers Hause her. Das Amt ist jetzt in der Vikarei. Die neue Post steht da wo früher Mückenhofs Haus stand in Sterns Garten. Auf dem Gensebruche, wo früher Schütten Haus stand, steht ein Polizeigebäude, in welchem der Polizei= diener Luther wohnt. Auch sind die Arrestzellen dort angebracht. Auch sonst hat sich vieles in Körbecke ge= ändert. Klüseners Georg, der Bunsen Anna zur Frau hatte, ist gestorben. Bunsen Josef hat Kramers Anna zur Frau. Auf dem alten Krankenhause wohnte der Anstreicher Becker, beide sind tot. Aseslers Anton (Löer) lebt noch. Olwes Adam ist tot, desgl. sein Bruder Anton. Der alte Fricke, sein Sohn Rudolf und sein Sohn Josef sind tot. Der Schornsteinfeger Herbst

[page 6:]

ist in der Irrenanstalt zu Masberg (Stadtberge)

gestorben. Der Küster heißt Neuhans, der Schwieger-

sohn von der Näherin [?] Wera [/?] Stephanblome. Franz Stocke-

brand soll bei seiner Tochter in Neheim wohnen.

Brassen Peter sein Haus ist abgebrochen. Dort hat sich der

Schäferhof, früher Schulte-Echkrop, ein neues drauf-

gesetzt. Schäferhofs sind beide tot. Brassen Peter wohnt

in Hamminers hause. Kneers Ferdinand hat sich

tot gesoffen. Er hatte Alwes Franziska zur Frau, die

Hebamme ist. Köllers Bernard ist tot, desgl. Paulen

Gänne. Tigges Albert, der eine Mühlenschulten Tochter

zur Frau hatte, ist gestorben. Der alte Tigges lebt noch.

Brunnen Clemens ist an Tyfus gestorben. Feldmanns

Heinrich hat damals Berta Stern geheiratet, nach dem sie

von der jüdischen zur kath. Religion übergetreten war.

In Körbecke sind alle Juden weg bis auf Meier

Meyerhoff der jetzt in Sterns Hause wohnt. Die

alte Speckenheuers Leute sind tot. Mens Haus hatten

damals Lips gekauft und abgebrochen. Lips Jakob

ist in der Möhne ertrunken. Die andern Lips

Kinder sind alle weggezogen. Unser Franz hat

damals mit Drees Klara geheiratet und Wiegelmanns

Haus gekauft. Klara ist tot. Meine Mutter und

meine Schwiegermutter starben 1898. Mein Vater 1905

Rumps Franz ist im Kriege gefallen. Rumps Anton

hat eine Balls Tochter geheiratet. Auf Kötters Hofe kam

damals der Bernard, der in Bilme war, er ist vor etwa 3 Jahren

gestorben. In "[?] Landgrenen [/?]" Hause wohnt jetzt der Theodor

Westermann. In euerem Hause wohnt ein Dregger

(Schnapps von Büeke) der Wiers Berta geheiratet. Er hatte

sie vorher angeraucht, sonst hätte er sie wohl nie bekommen.

Wiers Tine hat Drees Josef zur Frau. Wieers Lina

hat Nachrichters (Ebel) Wilhelm bekommen. Wilhelm

ist auch schon tot. Wieers Drüttchen soll bei ihrem

Bruder Hermann Haushälterin sein. Wieers Fer-

dinand sein Frau hat sich in der Talsperre ertrunken.

Stefanschäfers Hermann (Leifert) hat erst mit 50 Jahren

geheiratet. Seine Eltern sind tot. Der alte Sörres

(Spork) soll noch leben. In Körbecke haben sie auch wieder

neue Glocken bekommen. Die alten mußten damals

alle abgegeben werden für den Krieg. Die übrigen Ver-

hältnisse sind mir in Körbecke ganz entfremdet. Meine An-

wesenheit war auch zu kurz, daß ich mich mal wieder erkundgen

konnte. In Speils Wiese steht eine Molkerei. Das neue

Krankenhaus kennst Du gewiß noch. Dieses wurde ja

auf dem Jurk seinem Besitztum gebaut. Der Jurk

hat ja sein ganzes Besitztum dafür hergegeben,

worüber er später unzufrieden war. Er sagte näm-

lich später: "Wo die Gänse raten, die Soldaten braten

und wo die Pfaffen das Testament machen, die

ist es gut oder wird gut." Der Brisken Eberhard

ist schon ca. 25 Jahre tot. Er hatte "[strikethrough:] Schrie [/strikethrough]" Schreibers Maria

zur Frau. Der Nachbar Schmölschen ist auch schon tot.

Hierbei wirst Du Dich an eine alte Sache erinnern.

Wir waren mal als Jungens in der Juden-Sünagoge

gewesen, wo ich auf die Tafel geschrieben hatte: "Juden

heißen Schimmel." Nun hatten sich die Juden beim

Schwiegervater beschwert. Bei der Untersuchung hatte

mich der Schmölschen beim Schwiegervater angekläfft,

worüber Du sehr empört warest, als ich bestraft wurde.

Du nahmst an meinem Schicksal brüderlichen

Anteil mit Worten: "Wart nur, nachher bekommt

er seine Wichse." Nachher haben wir ihn auf unserer

Dele mit Schienenstöcken verprügelt. Ja, lieber

Bernard, das sind noch so alte Erinnerungen aus

unserer goldenen Jugendzeit, in der wir sorgen-

los unter dem Schutze unserer lieben Eltern heran-

wuchsen und wir uns Schulter an Schulter in Freud

und Leid brüderlich teilten. Gerne und mit Freuden

denke ich an diese schöne Zeit zurück. Es war ein

Zusammenleben zwischen unseren Familien, wie

es nicht besser zu denken war. Was machst Du noch?

Wie geht es Deinen Brüdern und Deiner lieben Schwester

Maria? Weist Du noch als man Maria und mich immer

utzen, wir beiden sollten in dem alten Klüseners

Hause die Schusterei betreiben. Die alte Kuhklappe sollte

das Schaufenster werden. Ja, lieber Bernard, ich

will Dir an dieser Stelle auch gar keinen Hehl daraus

machen, daß ich schon damals ein stiller Verehrer von

Maria war. Sie war ein ruhiger, verständiger

und umsichtiger Charakter, wofür schon der Umstand

spricht, daß sie in ihrem jugendlichen Alter dem ganzen

Haushalte vorstand. Leider war es mir durch obwalten

der Verhältnisse nicht vergönnt, mit ihr den Bund

des Lebens zu schließen bezhw. als die Meinige

heimzuführen. Übermittle ihr bitte meinen be-

sonderen Gruß. Hoffentlich geht es ihr gut. Mir

ging es bis zum Kriegsausbruch auch gut. Dann

fing für mich und meine Familie eine dornnenvolle

Zeit an. Wie Du weißt, bin ich in bescheidenen Verhält-

nissen groß gezogen. Auch hat es mir während meiner

12 jährigen Dienstzeit als Soldat an Strapazen und

Entbehrungen nicht gefehlt. Ich habe auch nie große An-

sprüche an das Leben gemacht, aber der Krieg war zu fürchter-

lich. Als wir blockiert wurden, setzte 1915 schon eine

Lebensmittelknappheit und infolge dessen eine kollosale

Teuerung ein, die sich immer mehr steigerte und

erst recht nach dem Kriege, wo man Erlösung erwartete.

Wir Beamten mußten uns mit unserem Friedens-

gehalt, das für den Frieden nicht mehr reichte, durchhungern.

Erst als der Krieg 2 1/2 Jahr im Gange war, fing man an,

uns ab und zu ein kleines Almosen zu geben.

Meine Nebeneinkünfte als Ger. Vollz. blieben fast vollständig

aus, weil gegen Kriegsteilnehmer nicht vollstreckt

werden durfte. Nun hat ich auch noch die Dummheit

begangen, daß ich mein Geld in Grundstücken an-

gelegt hatte und den Restkaufpreis noch von meinem

Gehalt verzinsen mußte. Am 1 Jenner 1917 gab ich

mein Gehalt für Zinsen hin, sodaß ich ohne einen Pfennig

Geld dastand und ich nicht einmal in der Lage war,

mir die bißchen Lebensmittel zu holen, die einem

von der Stadt verabfolgt wurden. Nun, lieber Bernard,

wie es einem als Vater zu Mute ist, wenn man seiner

Frau und seinen Kinderchen nicht einmal ein Stückchen

Brot mehr geben kann, kannst Du Dir wohl selbst

ausmalen. Ich bin in mein Kämmerlein gegangen

und habe mich recht satt geweint. Hierzu kam auch

noch, daß ich schon bei Kriegsausbruch infolge meiner

Überanstrengung vollständig nervös war. Als ich mich so

verlassen sah, war ich das Leben leid. Ich wäre lieber

heute wie morgen gestorben. Ich konnte mich nicht mehr

freuen und konnte auch nicht mehr lachen, obschon ich immer

ein lebensfroher und humoristischer Mensch war. Der Ge-

danke an ein Jenseits und meine Frau und meine

Kinder hat mich aufrecht erhalten, sonst wäre ich freiwillig

aus dem Leben geschieden. Ich habe immer wieder den

Kopf hoch genommen und mir gesagt: "Wer ausharrt

bis ans Ende, dem wird die Krone des ewigen Lebens

beschieden sein. Du darfst deine Frau und deine Kinder

nicht im Stich lassen." Der kleinste, der im August 14 geboren

ist, und recht viel Milch haben mußte, ist bei Marmelade

und Steckrüben groß geworden. Die Kinder, besonders

der kleinste hat mir arg leid getan. Aber unser Herrgott

segnet das Brot der Armen. Er hat mir meine ganze

Familie gesund gelassen, bis kürzlich meine Frau

ärztliche Hülfe wegen Unterernährung in Anspruch nehmen

mußte. Deshalb bin ich auch nach Körbecke gefahren

und habe mir für sie Eier und Butter geholt. An

unseren Photografien kannst Du sehen, wie es uns

gegangen hat, nachdem wir uns aber schon wieder

etwas erholt haben. Wir sind beide schneeweiß.

Meine Brüder haben mich in meiner Not nicht als ihren

Bruder nicht gekannt, obschon sie sehr wohl wußten,

saß hier im Kohlenrevier eine große Hungersnot herrschte

und mein Bruder Josef der von dem Kriege halb von Richardt

gelebt hat. Er wohnt Wanne als Lademeister und hat

eine Frau aus Müllingsen, sodaß es ihm sehr wohl

möglich war mir etwas Lebensmittel zu besorgen.

Hierzu war er rechtlich wie moralisch verpflichtet, weil

ich 3 Wochen für ihn geschustert habe und ihm 4 Paar Schuhe

gemacht habe. Somit war es seine Pflicht wenigstens

mal 3 Tage für mich zu opfern und mir etwas Lebens-

mittel zu besorgen. Er hat aber in Wanne mit den Le-

bensmittel einen schwungvollen Handel getrieben bzw.

damit gewuchert. Ja, ja, lieber Bernard, in Deutsch-

land ist alles Egoist geworden. Jeder huldigt dem be-

kannten Sprichwort: "Jeder für sich und Gott für uns

alle." Das frühere reiche deutsche Herz ist zu Stahl ge-

worden. Der deutsche Bauer hat in diesem Weltringen

den Judas gespielt. Er geht über Leichen. Wenn

ich früher bei der Truppe einen braven unverdorbenen

Bauernjungen hatte, der hatte allen anderen gegenüber

fünfe voraus, obschon ich mich als Mutter der Kompagnie

fühlte und es alle meine Kinder waren. Heute ist

mir der deutsche Bauer der unsympatischte Mensch, den es

nur gibt. Es ist hier an der anderen Rheinseite, wo noch

Landwirtschaft ist, vorgekommen, daß ein Bauer sich von

einer Bergmannsfrau 30 M für den Ctr Kartoffeln zahlen

ließ, wo der Höchstpreis 6 Mk pro Ctr betrug. Nun, lieber

Bernard, habe ich den Faden verloren und muß ich auf

die Stelle meiner größten Not wieder zurückkommen.

Ich habe mir dann wieder ein Herz gefaßt und mir von

meinem Freunde in Hamborn 100 Mk geliehen und

sodann meine Lebensversicherung der Gesellschaft zurück-

verkauft, wobei ich allerdings die Hälfte verloren habe.

Nun, ich war aber mal über den ersten Berg mal wieder

rüber. Später wurden die jüngeren Kollegen wieder ein-

gezogen , wodurch es wieder mehr Arbeit gab. Auch

bekamen wir Beamten allmählich kleine Zuschüsse, sodaß

wir wenigstens vor dem Hungertode bewahrt blieben.

Es haben viele Leute, besonders die Jugend durch Unter-

ernährung infolge des Krieges unter die Erde gemußt.

Amerika hat sich in anerkennenswerter Weise in-

folge der Quäkerspeisung für unsere Jugend ver-

dient gemacht. Meine beiden Knirpse haben auch

schon daran teilgenommen.

"[insertion cutout newspaper:] " Amerikanische Lebensmittelpakete. Das städt. Wohlfahrtsamt macht nochmals darauf aufmerk- sam, daß durch Vermittlung der "American Re- lief Administration Warenhauses" in Hamburg Le- bensmittel aus Amerika bezogen werden können. Zu diesem Zwecke müssen Verwandte oder Be- kannte in Amerika bei einer beliebigen Bank eine Lebensmittelanweisung lösen und an den Empfän- ger nach Deutschland schicken. Auf Grund dieser Anweisung liefert dann das Lebensmittellager in Hamburg die entsprechenden Lebensmittel. Die Lieferung erfolgt in Einheitspaketen zu 10 und 50 Dollars. Alles nähere, insbesondere auch über den Inhalt der Pakete, ist aus den gedruckten An- weisungen ersichtlich, die im städtischen Wohlfahrts- amt, Verwaltungsgebäude 3, Zimmer 27, kostenlos abgegeben werden. "[/insertion cutout newspaper] "

Meine Frau drängt seit Weihnachten, daß ich Dir mal schreiben

möchte wegen dem Inhalt aus vorstehendem

Zeitungsabschnitt, aber wegen meiner vielen

Arbeit kam ich nicht dazu. Wenn es Dir keine

Umstände und Kosten macht, dann sei bitte so

gut und schick mir eine solche Anweisung zu.

Falls du Auslagen hast, so gib sie mir auf, dann

erstatte ich Dir dieselben. Ich kenne den Inhalt dieser

Pakete nicht, aber zweifellos wird dasselbe Sachen zu

ermäßigten Preisen enthalten. Hier herrscht eine

fürchterliche Teuerung. Nachstehend lasse ich Dir einzelne

Anhaltspunkte zugehen:

1 Ei, bisher 2,20 Mk, jetzt 1,60 M. 1 Pfund Speck 25 Mk,

1 Pfund Butter 40 Mk, 1 Ltr Milch 3,00 Mk, 1 Büchse Milch 9,40

Mk, 1 Pfund Zucker 8 Mk, 1 Pfund amerikanisches Weizenmehl 4,75 M

1 Pf Rindfleisch 15 M, 1 Pf Mettwurst 24 Mk, 1 Ltr Rüböl 14 M

1 Pf Schweinefleisch 20 M., 1 Ctr Kartoffeln 60 Mk, 1 Pf Kaffee

20 Mk, 1 Paar wollne Damenstrümpfe 50-60 Mk, 1 Anzug

1500-2000 Mk

Mein Schwager in Gevelsberg hat schon wegen der

Zeitungsnotiz nach Deiner Adresse gefragt. Ich habe ihm

Deine Adr von früher gegeben. Du bist anscheinend ver-

zogen. Diesen Schwager (Josef) wirst Du wohl nicht

mehr kennen. Meine Schwiegereltern hatten folgende

Kinder: 1 Franz, Lehrer in Warstein, 2 Mia, meine

Frau, 3. Josef, Bäcker in Gevelsberg i/W., Wittenerstr.,

4. Elisabeth, Frau vom Lehrer Brüne in Körbecke, Amts-

nachfolger vom Schwiegervater.


Lieber Bernard, da höre ich von meiner Frau, daß eine

Schwester von meinem Schwiegervater in Deiner

Gegend wohnen und dort eine Mühle haben soll.

Schreib mir bitte mal hierüber. Wenn sie noch lebt,

so bestell ihr unsere besten Grüße und zeig ihr ihren

Bruder auf dem Bilde mal. Das Bild selbst habe

ich Dir zum Andenken beigefügt. Die Leute sollen

Greitens heißen.


Meiner Schwester Theresia ihr Mann ist im vorigen

Jahr gestorben. Ihr einziger Sohn ist auf dem Felde

der Ehre gefallen. Ihre beiden Töchter sind verheiratet.

Wenn sie auch keine Nahrungssorgen während des

Krieges hatte, so hat sie doch die Härten des Krieges

schmerzlich empfinden müssen, indem ihr der einzige

Junge geraubt und ihre ganze Existenz vernichtet

wurde. Sie hat die Bäckerei verpachtet und wohnt

jetzt bei ihrem Schwiegersohn, dem Lehrer R. Weidener

in Altstätten bei Cöln.


Wie Du gelesen hast, haben wir jetzt auch in Ruhrort

die Besatzung bekommen. Das Herz tut einem

doch weh im Leibe, wenn man so machtlos zusehen

wo Wilhelm immer noch Unterhandlungen pflog,

uns den Frieden zu erhalten. Meines Erachtens

hat Wilhelm zu lange gewartet, wodurch es dem

Russen ermöglicht wurde, uns halb Ostpreussen in

Brand zu stecken. Hindenburg hat ihm später

den Lohn dafür gezahlt, indem er dem Russen

die Narew.-Armee in den Masurischen-

Seen in Ostpreussen "[underlined:] versöipet [/underlined]" hat. Die Sache

ist vorbei. Der Krieg hat nur Not und Elend

für ganz Europa gebracht. Ich darf an die Zeit nicht

mehr zurückdenken. Wenn ich mit meiner Fami-

lie auch heute noch kein Fleisch, keine Milch, keine

Butter u. keine Eier kenne, so bin ich aber gern zufrieden. Erstens

hat das Morden mal aufgehört. Zweitens habe

ich Kartoffeln im Keller und Fett im Essen.

Es fehlt ja noch an manches. Meine Kinder hätten

z. B. schon bei Kriegsausbruch Strümpfe haben

müssen, aber sie haben bis heute noch keine bekommen.

Meine Frau bettelt manchmal um das Allernötigste,

wie Strümpfe, Hemden u.s.w. Ich mußte es ablehnen

und ihr anheimstellen, immer wieder Lappen darauf

zu setzen, an denen es auch fehlt. Es tut mir selbst

wehe, l. B., wenn ich das Elend sehe, aber ich muß

erst meine Hypothekenschulden weg haben. Ich

werde jeden Tag älter. Und wenn ich von den Meinigen

eines guten Tages Abschied nehmen müßte in dem

Bewußtsein, daß ihnen schließlich noch die Grundstücke

(8 Morgen) noch versteigert würden, für die ich mich 15 Jahre geplagt

und gehungert habe, das wäre mir zu schrecklich. Wenn

mich der liebe Gott gesund läßt, dann werde ich dieses

Ziel nach etwa einem Jahr erreicht haben, sodaß ich

dann mein Gehalt wieder für meine Familie

verwenden und wieder ruhig schlafen kann.

Dann, l. B., wird auch für mich mal wieder die

Sonne scheinen, sodaß dann meine Nerven mal wieder

etwas zur Ruhe kommen. Lieber Bernhard, sei aber

so gut und berichte über mein Schicksal nichts nach

Körbecke. Ich habe nämlich die Überzeugung, daß

diese Nachricht in gewissen Kreisen nur Freude auslösen

würde. Wie ich bereits hervorhob, kennt das deutsche

Herz kein Mitleid mehr. Hier trifft der Umstand

zu, den der Papst schon bei Anfang des Krieges prove-

zeihte: "Durch den Krieg wird die ganze Menschheit verroht."


Zum Schlusse, lieber Bernhard, erlaube ich mir, Dir

einige kleine Andenken an die Heimat, wo

einstens unsere Wiege stand, beizufügen. Wenn

Du irgend welche Wünsche hast, so laß sie mir

bitte wissen. Dein Wunsch ist für mich ein Befehl. Während

meiner zwölfjährigen Militärdienst habe ich manchen treuen

Kameraden gehabt, aber nie einen solchen wie meinen

treuen Freund. Bernard, der in brüderlicher Treue

seine eigenen Interessen, den Meinigen

unterordnete. Deshalb wurde ich, dachdem ich Deiner

lieben Zeilen bei August gelesen hatte, von

einem Heimweh und einer Sehnsucht befallen, daß

ich nunmehr alles liegen und stehen ließ, um mal

wieder ein Lebenszeichen von meinem treuen Ber-

nard zu erhalten. Wohltuhend und beruhigend

wirkten meine Zeilen schon, als ich mich bei dieser

Niederschrift mit Dir, l. B., geistig unterhalten

konnte, wenn auch an manchen Stellen Tränen

dabei hervortraten.

Nun, lieber Bernard, will ich meine Zeilen "[strikethrough] sc [/strikethrough]" für heute

schließen. Wenn auch meine Weisheit gerade noch nicht

zur Neige geht, aber der Dienst der ruft. Laß mir

bitte recht bald ein Lebenszeichen von "[strikethrough] z [/strikethrough]" Dir zukommen

und zwar mit einem ausführlichen Bericht, wie

es Deinen lieben Brüdern, Deiner lieben Schwester

Marie und besonders wie es Dir, mein Lieber Bernhard,

mit den Deinigen geht. Übermittle bitte allerseits

unsere besten und aufrichtigsten Grüße und Wünsche,

aber besondere Grüße und Wünsche nimm aber Du ent-

gegen von Deinem aufrichtigen und treuen Schulka-

meraden

Heinrich Alteköster,

Gerichtsvollzieher in Duisburg-Ruhrort,

Elisenstr. 21.,

Deutschland.


Heinrich Alteköster

Gerichtsvollzieher in Duisburg

Ruhrort Elisenstr 21

Germany


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