Schmittweiler, den 8. Dezember 1894
Lieber Eugen!
Am 3. D habe ich das Werk von Guttmann der Post übergeben und heute schicke ich Dir das Werk No. 12 Sieber Gesangskunst. Ich glaube, daß die 2 Anzeichen von Sieber ein und daselbe Werk ist. Es wird sich zeichen, wenn ich die andern Werke erhalte. Ich will sie Dir einzeln schicken, damit keins verloren geht. Von Christian Lackmann habe ich ein Brief und Drucksachen erhalten um beides Dir zu schicken, weil er keine Adresse hat. In dem Brief kannst Du ersehen warum er eigentlich geschrieben hat. Mir ist es nicht klar und kann nur vermuten, daß er vie= leicht sein Musiktalent zeichen will, oder Dichtkunst, oder Geschäftsaussichten, oder wie er von Otterberger Sänger beehrt wurde, trotz der Einsprache der Weiber. Er machte Besuch bei seiner Schwester Anna und Louise in Antwerpen und hatte sich vorgenommen nach London
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zu reisen (aber doch unterlassen) und hat Gedanken nach Amerika zu machen _ _ vielleicht will die Louise dahin machen _ _ was soll damit bezweckt werden? Urteile selbst hierüber __ obs blos einer Corespotenz gilt, oder anderm Zweck. Gib deine Adresse an niemand, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Die Drucksachen von Lackmann enthalten einen Marsch, Reise von Otterberg nach Münster i. E. (Elsaß) und drei Programme. Ich habe eine Lehrerzeitung beigelegt in der Du die Verhältnissen der Lehrer ersehen kannst. Statt Gehalterhöhung - eine sechsjährige Seminarzeit, wodurch viele sich einen andern Ernährzweig suchen. Da haben sich doch Deine Verhält= nissen, lieber Eugen, ganz anders gestal= tet und wenn Dir das Glück so günstig bleibt, wie weit kannst Du es da bringen.
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Wann die geeignete Zeit und Verhält= nisse es erlauben, werden wir die nötigen Schritte thun um die Zeugnisse zu verlangen.
Lieber Eugen! Mache noch einige Jahre so fort, um noch vieles zu lernen. Welche Erfahrungen hast Du in den zwei letzten Jahren gemacht und welche wirst Du in den kommenden machen? Deine Vorsätze im letzten Brief sind lobenswert und werden Dich sicher Deinem vorgesteckten Ziele entgegen bringen: „Sorglose Existenz.“ Mit innigem Dankgefühl habe ich ver= nommen: „Ich bleibe innerlich der alte natürliche Mensch. Kein Hochmut darf in mir aufkommen.“ Zu all Deinem Glück, das Du bisher gehabt hast, sage ich immer: „ Vorsicht_Vor= sicht bei allem. Glaube sicher, daß es auch Neider geben kann (wie hier), die Dir entgegen sein können, und da
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Deine Geschäfte gewöhnlich abends stattfinden, so gehe niemals allein, sondern unter sicherm Geleit_Freun= de wirst du hierzu schon finden. In den Großstädten hat man Ursache vorsichtig zu sein _ nicht alle Menschen sind was sie scheinen. Hast Du noch eini= ge Jahre so fortgemacht, so wird es Dir auch nicht schwer fallen über den wichtig= sten Schritt Deines Lebens zu entscheiden. Deine Existenz mit Einer zu theilen, oder noch eine bessere dadurch zu bekommen. In Otterberg konnte ich keine Erfahrung hierin machen: Die Überlegungen sind zu schwankend _ die Aussichten zu schlecht _ und da bleibt es beim alten. Um recht gesund zu bleiben, benütze ich seit Martini zwei paar Strümpfe u. befinde mich recht gut dabei. Wir sind alle recht gesund und froh ___ sei es auch __ dies wünscht von Herzen Malchen, Heinrich, Eugen u. Vater Klee
Lieber Eugen! Wir wünschen Dir und den lieben Verwandten frohe Feiertage, Gesundheit und Zufriedenheit. Die herz= innigsten Grüße von Heinrich, Eugen und deinen ewig treuen
Malchen