Otterberg den 26ten Dezember 1894
Mein lieber Eugen!
Bitte zürne mir nicht, daß ich Deinen lieben,
so sehnlichst erwarteten Brief, so lange un=
beantwortet ließ, nun endlich am heiligen
Weihnachtsfeste komme ich dazu:
Wie sehr ich, wir alle, uns über Deine
Triumphe die Du durch Deine Kunst in
Deiner neuen Heimath gefeiert, freuten,
kannst Du, da Du ja weißt, wie lieb
und theuer Du uns warst, begreifen,
selbst mein Mann weinte, als er Deinen Brief
las, und Deine so schönen, wohlgelungenen Bilder
betrachtete. Frau Sewald, welche leb=
haften Antheil an Dir nimmt, brachte mir ameri=
kanische Zeitungen, aus welchen ich schon, bevor
ich Deinen Brief erhielt, alles erfreuliche las.
Fortsetzung 1.=ten Januar 1895
Ich wurde an Weihnachten bei den
[page 2] war als Geschäftsführer, Du wirst
Dich wohl noch an ihn erinnern, er heißt Gimpel.
Georg Lackmann (Baß), hat sic auch verlobt
mit einem vermögenden Mädchen aus
Wolfstein. Werde ich von Dir auch
bald etwas ähnliches hören? _ _ _
Deine Schwester habe ich schon seitdem
Dein l. Vater von hier wegzog, nicht mehr
gesehen, Dein lieber Schwager war letzten Herbst
auf ein kurzes Stündchen bei uns, von da
fuhr er nach dem Blechhammer & dann zu Anna
Er ist ein lieber guter Mann, und habe ich
alle Achtung vor ihm, denn er ist ein
ehrenwerther Charakter, und Malchen fühlt sich
gewiß sehr glücklich im Besitze eines so lieben
Mannes. Was manche Menschen so schmerzlich
vermissen fällt oft anderen doppelt zu.
Nun lebe wohl, Du lieber, guter
unvergeßlicher Freund, & dank Dir
für alle schönen Stunden die Du uns bereitet.
Sei tausendmal gegrüßt
von Deiner treuen Cousine
Lenchen Cherdron
Denkst du noch an den schönen Spaziergang nach Mehlbach
einen Tag nach dem Frühlingsfeste, und an den Heimweg, als wir uns zur kurzen Rast
an einem schönen Plätzchen niederließen -
O denke oft wie auch ich daran)
Herzliche Grüße sendet Dir mein
lieber Mann, sowie meine lieben
Kinder und l. Großmutter
[page 3]
lieber daß ich, statt fremden Menschen Deinen Wald habe, o glaube mir, die Stätte erscheint mir heilig und geweiht, weil Du Guter sie betreten, und meine ich dort im Waldesrauschen Deine Nähe zu fühlen, und Deine Grüße zu vernehmen!
Neues kann ich dir mittheilen: Daß Deine Nichte, (mit der wir in keinerlei Verbindung mehr stehen) und Dein saubrer Freund, eine Tochter bekommen haben. Kennst Du auf dem Bilde unser kleines Mathildchen als Confirmandin ? Sie ist seit Ostern sehr gewachsen, und beinahe so groß wie Lenchen.
Bitte lass mich nicht entgelten, weil ich so lange auf Antwort Deines lieben Briefes warten ließ, & schreibe uns bald wie es Dir jetzt geht, ob Du Dich noch bei Mina heimisch fühlst & ob Du zufrieden und glücklich bist, und auch manchmal unsrer gedenkst. Soeben hörte ich, daß Dein alter Nachbar Karl Thienes sich mit einem Mädchen aus Ramstein verlobte. (Der alte Knabe.) Heute ging die Krone um 8,000 Mark an einen andern Besitzer über, an den Bäcker welcher lange Jahre bei Frau Demetz
[page 4] wenigen Zeilen so oft gestört, daß ich erste
heute wieder, ans Weiterschreiben komme.
Vor allem die herzlichsten Grüße von meiner lieben
Schwester, und deren drei Töchter; Ännchen kam
am Sonntage zu Besuch. Lenchen, Eliese & ihre
Mutter am Sylvester=Abend pr Wagen, gerade
als die Glocken zum letztenmale im Jahre zur
Kirche riefen, wir wohnten dann auch gemeinsam
dem Gottesdienste bei.
Wir blieben gemüthlich bis 1 Uhr, bei Math=
ildchens und Lenchens Zitherspiel, Punschtrinken,
und dem Erinnern an Euch alle ihr Lieben in
der Ferne, beisammen, dann fuhr leider
mein lieber Besuch, da häusliche Pflichten riefen,
zurück. Ännchen fuhr heute zurück nach Saarbrücken
zu seinem lieben Jean, beide sind noch so glücklich
wie in den Flitterwochen. Dachtest auch Du gestern
an, vor zwei Jahren zurück, als wir bei Dir und Deinen
lieben Angehörigen waren, und so genußreiche
Stunden verlebten? Du frugst ob Großmutter
deren erklärter Liebling Du bist, schon wieder
viele Decken gestrickt habe? Leider ist sie schon
über ein Jahr krank, so daß sie fast immer
[page 5] Das Bett hüten muß. Sie war im Sommer
einige Wochen auf dem Blechhammer, doch statt daß
Sie, wie der Arzt glaubte sich dort erhole, bekam
sie noch Rippenfällenendzündung und ist seitdem
so schwach, daß sie wenig außer Bett ist, und wen
weiß wie lange dieses noch dauert. Am meisten hat
mein armes Lenchen darunter zu leiden, weil dieses
alles dort besorgt, & Großmutter, Lenchen am liebsten
um sich hat, und fürchte ich oft sehr um Lenchens Gesundheit,
denn das arme Kind sieht so schmal und leidend
aus, daß mir oft bange ist. Ännchen meint, ich
solle Lenchen bis Feb einige Wochen zu ihm
nach Saarbrücken schicken, aufdaß es sich dort
erholen könne, Mathildchen und unsere Magd
können dann so lange bei Großmutter ab und zu
gehen. Philipp ist seit Ende Sept. vom
Militär zurück, er brauchte dieses Jahr kein
Manöver mitzumachen, weil er 1/4 Jahr auf
dem öden Lechfelde einer Lehrabtheilung, zu=
getheilt war, er kam gottlob gesund und munter
zurück, bleibt bis zum 1ten April hier, dann
kommt er nach Mainz als Magazinir in
ein großes Geschäft. Ich und meine drei lieben
[page 6] Kinder, (Vater legt sich als früher), sitzen die
meisten Abende bis 11-12 Uhr beisammen um zu
plaudern, wie oft gedenken wir dabei Deiner, es ver=
geht fast keine Stunde des Tages in der ich nicht Dein gedenke,
dabei ist mir immer als seiest Du um mich, und wissest
alles, was ich denke und fühle, gehe ich zu Bett, dann
denke ich mir Dich in einem großen erleuchteten Saale, und
ein großes glänzendes Publikum um Dich versammelt.
Am 6ten Dez. wohnte ich mit Herrn Hopp, (bei dessen lieben
Kleinen ich 14 Tage früher Pathe war) einen Liederabend des
Musik=Vereins bei, woselbst der berühmte Kammer=
sänger Herr Dr. Raoul Walter (Tenor) aus
München sang. Derselbe wurde bei jedemmaligen
Auftreten mit stürmischen Beifall empfangen,
und entlassen. Eben so dachte ich mir Dich, als
gefeierter Liebling. Du frugst was es Altes hier
gebe, ich kann Dir wenig berichten, da ich fast wie ein
Eremit lebe, und die wenigen Musestunden die
mir vergönnt sind, fülle ich mit lesen oder kleinen
Spaziergängen aus. Daß mir Dein lieber Vater Euren
Wald am Holler verkauft hat, wirst Du wissen, und sollen
Dich die einliegende Erika, die ich kürzlich dort für Dich
Du Lieber brach, grüßen! Ist es Dir nicht