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Eickel, den 23. Sept. 1920
Lieber Freund!
In den letzten Tagen fand ich deinen Brief vom 17. Febr. 1900 zwischen meinen Briefschaften mit sehr großer [Freude?] vor. Es ist mir der sehnlichste Wunsch gekommen Dir und Deiner lieben Familie mal wieder etwas von Deutschland zu berichten. Zunächst willst Du jedenfalls etwas von Deiner Nachbarfamilie Altenköster, die die Familie Rustemeier so betrauert und nach denselben so sehr gejammert hat [insertion:] lesen [/insertion]. Mein verstorbener Vater hat so oft gesagt, die Familie Rustemeier fehlt uns noch täglich. Einen solchen Nachbarn bekommen wir nie mehr mit dem wir so friedlich und vertraulich zusammen gewohnt haben. Mein Vater ruht seit dem 8. Jan. 1905. Er hatte Jahre vordem [?] mal einen Schlaganfall bekommen. Sein Tod kam über Nacht unerwartet. Man hat denselben des Morgens tot in seinem Bett vorgefunden. Seine letzten Jahre waren für ihn sehr hinfällig und bedurfte zum An und Ausziehen stets Hilfe. Meine Mutter starb am 28 Dez. 1898 an Lungenentzündung. Mein Bruder Kaspar verunglückte in Hevingsen bei dem Transport einer Dreschmaschine am 2 Okt 1895. In Körbecke auf dem Elternkotten ist Anton verheiratet. Derselbe hat eine Frau aus der Wildebauer (Schäfers) und hat 4 Kinder. Die Ältesten schon 20 - 26 Jahre alt. Franz hat sich Wrigelmannskotten gekauft und ist mit einer von [Drens?] Mädchens (Klara K[?]stein) verheiratet. Dieselbe ruht schon 7 - 10 Jahre. Er hat mit derselben 5 Kinder.
Heinrich der ehemalige Feldwebel ist Gerichtsvollzieher in
Ruhrort und ist mit der ältesten Tochter des Lehrers
Knaden verheiratet und hat 4 Kinder. Er reist den Leuten
die Töpfe vom Feuer (günstig) und verdiente zu Friedenzeiten
8 - 11000 Mark jährlich. Ich bin ebenfalls verheiratet.
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Meine Frau ist aus Müllingsen der Soester Börde aber eine
echte Katholikin. Ich habe 2 Kinder im Alter von 10 u 15
Jahren. 3 von mir sind gestorben, wogegen meine Brüder nur
je ein Kind tot haben. Meine Schwester Thres ist 1 1/2 Stunde
westlich von Köln verheiratet. Dieselbe hat 11 Kinder erzeugt, wo=
von 8 klein gestorben sind. An der Somme im Weltkriege
worauf ich noch zurück komme hat sie ihren einzigen Sohn verloren.
Vor 2 Monaten ist ihr Mann gestorben. Die Bäckerei liegt jetzt,
welche der Sohn so recht in die Höhe gebracht hatte, verödet still.
Unterhalb Körbecke ist eine Talsperre gebaut. Das Wasser
bedeckt alle Wiesen von Wamel bis Günne, wo die
Sperrmauer gebaut ist. In Körbecke mußte der Hofgerber
Kramer noch vor dem Wasser weichen. Das Dorf Delecke
ist zur Hälfte und Kettlersteich vollständig unter dem
Wasser verschwunden. Man hat von dem Talsperrverein
für den Morgen Wiese 600 - 1000 Mark gezahlt bekommen.
Der bekannte Tuschhoff links an der Straße von Drüggelte
nach Arnsberg ist sogar unter Wasser gesetzt. Die Talsperre
hat den Zweck den Wassermangel im Hochsommer für das
Rheinisch Westfl. Industriegebiet sicher zu stellen. Weiter
wird unterhalb der Sperrmauer durch Wasserdruck eine
sehr große elektrische Kraft erzeugt, die mindestens
1/4 der Provinz Westfalen Licht und Kraft liefert.
Der untere Teil von Körbecke ist vollständig verschwunden. Die
Chaussee ist höher nach dem Dorf verlegt und führt direkt unter
Wellerhof [?] her vorbei.
Lieber Freund, jetzt will ich Dir mal etwas auf Ehrenwort der Wahrheit entsprechend vom Weltkriege schreiben. Du oder Deine liebe Familie darfst nachstehendes ruhig dort veröffentlichen. Ich betone es nochmals es ist nur Wahrheit und keine Übertriebenheit was ich Dir
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an Wilson seine 14 Punkte und an das amerikanische Volk ge= glaubt. Ob es sich der schweren Täuschung hingeben darf? Das deutsche Volk ist durch die übergroße Armut, besonders das In= dustrievolk, moralisch tief gesunken. Es wird unheimlich viel gestohlen, gemausert und betrogen, Alles dieses kannte man vor dem Kriege nicht im entferntesten Maße. Die Landwirte wuchern mit ihren Erzeugnissen dazu kommen die Aufkäufer Großhändler usw. Alles dieses geschieht auf die Armut des ärmsten Volkes, welches die hohen Preise nicht zahlen können. Die Folgen davon sind zuerst die Revolution, dann die uner= bitterlichen politischen Parteikämpfe, wo sich die arbeitende Bevölkerung mit den Waffen aus dem Kriege stammend, den Kapitalisten gegenüber steht. Du wirst vielleicht vielleicht [sic] von den Märzunruhen d. J. aus Deutschland etwas gelesen haben. Die Links stehenden politischen Parteien früher Sozialdemokraten heute Spartakisten, Kumministen [sic] usw. die radikalsten von den Sozialdemokraten hatten sich zu einer Armee gebildet. Nachdem die Reichswehr aus Sachsen, Bayern und Würtemberg alle sich vereinigt hatten, kam es zwischen Hamm bis Duisburg zu einem Kriege in der Provinz Westfalen und Rheinland, der mit dem Siege der Reichswehr in ungefähr 14 Tagen endete. Tote hat es auf beiden Seiten gegeben, besonders aber bei der roten Armee Spartakisten, Kumministen [sic], Unabhängige Sozialdemokraten Mehrheitssozialisten usw. Der Katho= lik solange derselbe noch echt ist bildet noch stets das Zentrum die Partei der goldenen Mitte. Vom Zentrum nach rechts Demokraten der frühern Freisinn, weiter die deutsche Volkspartei frühere [?]nalliberale Partei weiter die deutsch Nationalen früher Konservativen
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letztere die Großgrundbesitzer aus dem Osten. Daß Deutschland solche Zeiten bekommen hätte hat sich niemand träu= men lassen. Meine Frau setzt sich neben mir hin und meint die Löhne der Bergleute hätte ich zu niedrig angegeben. Ich habe dieserhalb noch mal Erkundigungen eingezogen und kann meine Behauptung aufrecht halten. Ich muß leider nochmal auf die Beamten zurück kommen. Es ist leider nicht genug, daß die Beamten die teuren Lebensmittel nicht kaufen können, sondern bei denselben ist Bettwäsche, Hemden usw. alles verschließen. Die Bergleute dagegen erhalten dieses durch den Zehne vom Staate zu ermäßigten Preisen. Als während dem Krieg keiner mehr Schuhe bekam, weil kein Leder mehr vorhanden war aber die Bergleute bekamen welche. Die neue Besoldungsordnung für die Beamten steht bevor. Das nicht viel zu erwarten ist beweise ich dir mit der Beilage aus einer Gelsenkirchner Zeitung die Rede des Finanzminister des deutschen Reiches. Hoffen wir das Beste - - -
Lieber Freund, mein Bogen geht zu Ende ich muß zum
Schluß kommen. Hast Du meinen letzten Brief nicht
bekommen? Hoffentlich gelangt dieser Brief in bester
Gesundheit in deine Hände indem ich hoffe, daß du noch
recht gesund und munter bist.
Grüß mir bitte deinen Vater und Geschwister und nicht zuletzt deine Familie zu vergessen.
Hoffentlich bekomme ich von dir oder Deiner Familie oder von deinen Geschwistern Antwort, worum ich recht dringend bitte und verbleibe mit vielen Grüßen Dein Joseph Alteköster Staatsbahn Lademeister Wanne - Eickel Märkische Str. 6 Provinz Westfalen Deutschland
[margin:] Du batest mich in deinem letzten Briefe, was ich bei den Soldaten abbekommen hätte. Ich hatte doppel[?]ige Lungen mit Rippenfellentzündung. [/margin]
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Margarine das Pfd 11,50 M S[?]fett 16,00 M. Kernseife das Pfd 13,00 M.
Lieber Freund, dieses sind die Preise im algemeinen in den Städten des industriegebiets, wozu ich noch vergessen habe, daß ein Lit Milch 2,60 M kostete, die während dem Kriege noch eine Seltenheit selbst für unsere Säuglinge war. Unser Nachwuchs die Kinder haben am allermeisten gelitten. Ich habe während dem Kriege am Charfreitag in 2 verschiedenen Jahren über die Kinder in der Kirche geweint, wie erbärmlich die Kinder mit den Todesschatten im Gesicht in der Kirche Prozession gingen. Ich habe wahrhaftig dabei gebetet; lieber Herrgott mach dem Kriege ein Ende und gib uns mehr zu essen. Wir haben Tage und Jahre erlebt, wie diese kein Volk der Erde ertragen kann. Es geht uns doch jetzt entsprechend besser, wenn auch hohe Preise, so kann man doch wenigstens wie= der Fett im Essen haben. Rindfleisch (Gefrierfleisch) bekom= men wir des Sonntags; nur nicht am letzten Sonntag, wo jedenfalls keins vorhanden war. Schweinefleisch gibt es nur Speck, sonst nichts. Nun willst Du auch jedenfalls gerne die Löhne unserer Arbeiter erfahren. Zuerst will ich Dir dieselben von der Eisenbahn den Durchschnittslohn mit= theilen: 18 Jahre alt 23,20 M } 20 Jahre alt 26,40 M} 24 Jahre usw. 32,80 M} für einen Tag 8 stündige Arbeit.
Jetzt die Bergleute die uns armen Eisenbeamten alles weg= kaufen, weil wir bei weitem weniger verdienen und die teuren Preise nicht bezahlen können.
Durchschnittlich 24 Jahre alt 7 Stunde Arbeit pro Tag über Tage 42,50 M, unter Tage 65,00 M.
Dabei haben die Bergleute sehr viele Vorteile bekommen die Lebens=
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mittel bed Speck, Fleisch, Wurst u.s.w. bedeutend billiger
als andere Berufe. Weil wir die Kohlen an die Entente ab=
liefern müssen, so ist die Regierung gezwungen für die
Bergleute diese Begünstigungen zu gewähren, da dieselben sonst
nicht arbeiten. Auch die Gehälter der Beamten sind erhöht, aber
bei weiten [sic] nicht dementsprechend, wie die Löhne der Arbeiter und
nicht im Einklang mit den hohen Preisen. Die Landwirtschaft
ist während dem Kriege und auch heute noch reich geworden,
wogegen der Beamtenstand bettel arm geworden ist.
Es war in Deutschland von je her an der Tagesordnung, daß
die Beamten sich mit ihrem Einkommen sehr nach der Decke
strecken mußten. Man konnte vor dem Kriege doch ein
Stückchen Fleisch essen, woran unter den heutigen Verhältnissen
noch in entfernten Jahren nicht zu denken [insertion:] ist [/insertion]. Der Beamte hat
seine Spargroschens während dem Kriege zugesetzt und
steht heute fast nackend auf der Straße. Der Weltkrieg
hat Deutschland vollständig ruiniert. Der Franzmann und
Engländer legen immer noch höhere Bedingungen auf,
so daß wir die Weltindustrie zu der sich Deutschland empor
gearbeitet hatte nicht aufrecht halten können. Unsere eigene
Fabriken müssen den Betrieb einstellen und die Leute ent=
lassen weil sie keine genügende Menge Kohlen bekommen.
An Geld besitzen wir nur noch Papiergeld. Gold und Silber=
geld sieht man keins mehr. Es ist sogar eine große Selten=
heit, wenn man noch 10 u 5 Pfg in Nickelstücke sieht.
Kupfergeld 1 u 2 Pfg sieht man auch nicht mehr. An 5 u 10
Pfg Stücke haben wir Eisen. 50 Pfg Stücke haben wir kürzlich
aus Aluminium bekommen. So hoch Deutschland vor
dem Kriege in der Blüte stand, so arm ist es
durch den Krieg geworden. Das deutsche Volk hat stets
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mitteile. Als am 2 August 1914 der Weltkrieg ausbrach waren in Deutschland alle Menschen ohne Rang und Parteiangehörigkeit patriotisch und einig bis in das Allerkleinste. Kaiser Wilhelm rief und alle alle kamen. Es war eine Begeisterung für den Krieg, die keine Grenzen kannte. Alle Menschen Männer und Jünglinge sogar noch ergraute Häupter aus dem Volke im Alter bis zu 60 Jahren meldeten sich freiwillig zu den Waffen. Meine persönlichen Erfahrungen lassen deutlich und klar erkennen, wenn wir nicht von jeden [sic] Handel und Weltverkehr abge= schnitten gewesen wären, sodaß wir Rohstoffe und Lebensmittel ins Land hinein bekommen hätten können, so hätten wir den Krieg nicht aufgeben brauchen. Es macht sich und kann sich kein Volk der großen Erde einen Be= griff davon machen was das arme Volk in Deutschland für Opfer gebracht hat. Bei Anfang des Krieges hatten wir Lebensmittel in genügenden [sic] Maße vor= handen. Es dachte auch keiner daran, daß Italien den Dreibund brechen würde. Wenn Deutschland seinen Aufmarsch mehr nach dem Norden nach dem Kanal anstatt nach Paris gehalten hätte und der Franzmann seine Truppen an der Italischen Grenze behalten mußte, so wäre der Krieg in 3 - 6 Monaten beendet gewesen. Die Lebensmittelknappheit setzte allmählig ein und führte so weit daß tatsächlich sehr viele Familien die keine Familien als Bekannte oder Verwandte auf dem flachen Lande wohnen hatten, wovon sie sich etwas Lebensmittel haben konnten dem Untergange anheim gefallen sind. Auf dem Lande hatten die Menschen zu leben aber in den Großstädten besonders im Rheinischen Westfl. Industriegebiet herrschte sehr große Not. Die Tuberkulose Lungenkrankheit hat durch die Entbehrung der Fettigkeiten usw. einen unglaublich großen Umfang angenommen. Die Männer waren im Kriege Frauen und Mädchen haben den Acker bestellt und die allerschwersten Arbeiten in den Fabriken usw. über= nommen und dabei nur halb satt zu essen. Im Winter von 1916 - 1917 haben die Menschen hier im Industriegebiet nur von Steckrüben (Kohlrabien) gelebt weil kaum Kartoffeln
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vorhanden waren. Denke Dich mal in unsere Lage. Wir bekamen
für eine Woche pro Kopf 50 Gramm (500 Gr ein Pfund) Margarine
zum Fetten. Du Wa Dieselbe enthielt aber sehr wenig oder kein Fett.
Keine Butter, keine Milch, kein Mehl, pro Tag 1 1/2 Pfd Brot, welches
aus sehr wenig Mehl aber ordentlich Steckrüben Holzmehl und
Strohmehl gebacken war, daß man es kaum genießen konnte.
Für die Woche bekamen wir für den Kopf der Familie 3 - 6 Pfd Kar=
toffeln. Durchschnittlich 4 - 5 Pfd Kartoffeln für die Woche für jede Person.
Fleisch bekamen wir alle 5 - 6 Wochen einmal 75 - 100 Gramm
Rindfleisch (Gefrierfleisch) Schweinefleisch überhaupt nicht. Als der erste
Speck von Amerika eintraf, atmete alles leicht auf. Die Menschen
waren zusammen getrocknet wie eine Latte. Hier im Industrie=
gebiet war keine Butter, kein Oel noch sonstige Fettigkeiten
überhaupt nicht zu kaufen. Auf dem Lande zählte man für ein Pfd.
Butter 25 - 40 Mark, was vor dem Kriege bis zu 1,50 M. kostete.
Ein Pfd Speck kostete bei den Bauern ebenfalls 25 - 40 Mark und
war eine sehr große Seltenheit. Die Landwirte sind alle sehr reich
geworden. Selbst die kleinsten Leute, die nur 2 - 4 Morgen Ackerland
haben sich schuldenfrei gemacht. Für ein Ei Ei zahlt man heute
bei den Landwirten 1,70 M - 2,00 M. Für den Pfd Weizen
bekommen die Landwirte von der Regierung 95 - 100 Mark.
Im Schleichhandel, weil alles noch raioniert [sic] (eingeteilt auf Marken
ist) bezahlt man den Landwirten von 150 - 300 Mark. Wucher=
preise. Wir bezahlen hier im Industriegebiet für ein
6 Pfundigesbrot 7 Mark. Es ist aber Streckbrot nicht aus
reinem Mehl hergestellt. Es ist etwas besser wie während
dem Kriege. Für ein paar Schuh bezahlt man 170 - 290
Mark. Für einen Anzug 1200 - 2000 Mark aber keine
Friedensware. Für ein Pfd Wolle 100 - 140 Mark. 1 Meter
Schürzenstoff 22 - 30 Mark. Ein Pfd Speck kostet 18 - 20 Mark.
Translated by Raymond C. Backes