Schmittweiler, den 21. Juni 1894
Lieber Eugen !
Weh dem Menschen, der verzagend Auf verflossene Stunden schaut Der die Gegenwart verklagend Nicht der eignen Kraft vertraut.
Wie wir letzthin von Dir vernommen haben, stehts nicht in bester Aussicht einen Preis zu erhalten. Der Engländer spricht bei allen Ereig= nissen, die ihm vorkommen: Es macht nichts. Und so hatte nehmlich einer eine vor= nehme Dame schrecklich beleidigt in dem er als reisender Handwerksbursche sie in einem Hottel [Hotel] aufsuchte, sein Fell= eisen ins Zimmer hinschmiß und sichs recht bequem machte. Über dies Benehmen wurde die Dame sehr erzürnt und fragte den Engländer wer ihm das Recht gebe ihr nachzustehen und von
[page 2] dem Zimmer Gebrauch zu machen, das sie gemiedet habe? Er sagte weiter nichts, als: Das macht niks. Sie nannte ihren Stand - was ihre Ehre leitet - wozu sie gezwungen sei - wie sie ihn hasse - sie wolle nichts von ihm wissen pp pp. Auf alles erwie- terte [erwiederte] der Engländer: Das macht niks. Man kann sich denken, welches Gelächter es jedesmal gab, wenn er ganz kalt sagte: Es macht niks. Aber es klingt auch eine ernste Lehre in den pa[a]r Worten. Wer in allen Verhältnissen sich gleich bleibt, kann über alles ruhig nachdenken und vernünftig darnach handeln - seine Selbstbeher[r]schung ist sein Rat= geber. Ja wenn mans immer mit Wahrheit und Recht zu thun hätte, so wäre leicht zum Ziele zu gelangen - - die Gewalt zu besiegen ist etwas anderes. Ich habe mir schon Vor=
[page 3] würfe gemacht, weil ich Dich in Deinem Vorhaben (dem zu hoch gesteckten Ziele) aufzumuntern und das Ungewis= sene schon konnte. Vieles durchgemacht - Und man hat viel erfahren, Und Erfahrung macht klug. Bist Du wieder zu hause, so mache dirs bequehm: Hast Du einen Preis erhalten O, so sei recht froh Hast Du keinen Preis erhalten So mach es eben so. Beifolgend erhältst Du den besagten Vortrag. Bei einem Besuche gab ich vor [,] ich wolle Heinrich von dem schönen Vortrag Einsicht geben und so erhielt ich ihn ganz bereit= willigst. Heinrich fand alles ganz gut, ohne etwas weiteres hinzu zu machen [,] hat er ihn abgeschrieben.
[page 4] Lieber Eugen! Mit dem Lehrerstand wird es immer schlimmer. Im gegenwärtigen Landtag wurde der Beschluß gefaßt, daß noch ein Prebarantenjahr soll eingeschalten werden, so wie noch Einführung einer neuen Sprache. Für Ge= halterhöhung gibt es keine Ver= willigung. Die herzlichsten Grüße senden wir der lieben Familie Riess. Gebe uns Nachricht ob Du diesen Brief erhalten hast mit dem Vortrag und wies [wie es] in New - York zu ging. Ob Du auch Otterberger Kinder angetroffen hast pp. Herzlich grüßt Dich Malchen, Heinrich, Eugenchen und Vater
Klee
Mein lieber Schwager! Anbei empfängst Du das Gewünschte. Gerne bin ich bereit, wenn noch etwas fehlen sollte oder [insertion:]Du[/insertion] anders wünschtest, umzuarbeiten. Laß Dir es recht wohl gehen, das wünscht von Herzen Dein Heinrich Haas