Schmittweiler, den 8. April 1894
An meinem 75. Geburtstage
Lieber Eugen
Sicher und glücklich kam ich mittels meines Compasses in den gewünschten Hafen: Mein Alter, wie meine Jugend, gesund u(nd) froh zu erleben. Ich war nie krank und nie vor Gericht gewesen; habe rechtlich ge- dacht und redlich gehandelt; mit Rat und That dem Bedürftigen beigestanden; zum Wohl meiner Familie durch Fleiß und Sparsamkeit alles Mögliche gethan und für ihre Erziehung und Bildung stets gesorgt; überhaupt alles Gute gethan, was mir möglich war. Konnte ich auch nicht alles erreichen, so kann ich mich doch ganz mit dem Bewußtsein beruhigen, daß ich so viel that, als in meinen Kräften stand. Mein Compaß war die Selbstbeherschung nur durch diese war es mir möglich Obiges auszuführen. Wer von Europa nach Amerika fahren will ohne Compaß, wohin wird Ihnen sein Schiff bringen? Ebenso kann niemand
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Ohne Compaß durchs Leben gehen, wenn er
glücklich werden will. Die Selbstbeherschung
ist die Herzwurzel alles Guten. Wer sich
beherschen kann, findet sich in Allem zurecht.
Kein Unglück kann ihn demütigen und
kein Glücksfall ihn übermütig machen –
er kann Alles mit Verstand ertragen.
Lieber Eugen! Ich könnte dir recht viel zu
meinen Erlebnissen mitteilen und Du wirst
mir auch glauben, daß ich manche Erfahrung
gemacht habe, aber ich will sie heute umgehen;
weil ich überzeugt bin, daß du so viel weißt
als Du zu Deinen Wohl nötig hast. (: Manch
Unglück ist nicht zu vermeiden – nun man
schneidet das Un weg, so muß immer das
Glück noch bleiben.:) Wie glücklich kannst Du
Dich im Lande der Freiheit fühlen – im besten
Land der Erde – reich an edlen Metallen,
Gold und Silber pp – an Petroleum, Fleisch und
Getreide pp im Überfluß. Welchen Nutzen
wird die Bahn von New York bis Franziska
bringen – wie viele Städte werden da noch
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angelegt und den Handel aus dem Innern
zu befördern. Welcher Handel gibt es da
mit dem Ausland – alle europäische
Handelsplätze werden mit amerikanischen
Erzeugnissen überhäuft und der Erlös kommt
nach Amerika. Wie beruhigt bin ich, daß
Du Dich da befindest. Wenn Du Deine Kennt-
nisse nach rechter Art verwertest, recht
vorsichtig bei Allem bist – nicht in verhäng-
nisvolle Geschichten verwickelst – wie weit
kannst du es bringen – gegen hier. Bei der
liebevollen Familie Riess mache dich recht
angenehm und sei recht dankbar und erkennt-
lich gegen sie, weil Du eine so liebevolle
Aufnahme bei ihnen gefunden hast. Dies
beruhigt mich ganz. Grüße doch alle unsere
Verwandten recht herzlich in unserem Namen.
Lieber Eugen! Vor allem sei vorsichtig im
Umgang mit den Damen, denn die meisten
sind unbarmherzig, wenn du nicht tanzt
wie sie pfeifen – ihre Freundlichkeit ist der
Zweck Dich zu stürzen – Dein Wohl beruht
auf deiner Selbstbeherschung und Erfahrung.
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Einen Fall will ich Dir mitteilen: Um einer falschen Angabe einer – – zu entgehen machte `s Daume Martin am 6. d. nach Amerika. Er sollte diese Person (über 30 Jahren) heiraten, aber im Bewußtsein unschuldig zu sein, konnte er ist nicht, und wenn er dies nicht will, ver= liert er nach preußischen Gesetzen sein Amt. Jeder Staat hat seine eigene Gesetze – – und so mußte er sich entschließen fort zu machen, eine andere Existenz zu gründen. Ein Benehmen von Franz Herzog wollte ich Dir verschweigen, aber ich will es Dir doch mitteilen, damit Du einsiehst wie Undank der Lohn ist. Denke Dir er ließ gerichtlich bei mir untersuchen, ob ich keine unterschlagenen Staatspapiere habe, eben so auch bei der Tante Bitz, Jakob Kraus, Heinrich Wenz pp. Da aber fürs Fränzche ein günstiges Resul= tat eine Sache der Unmöglichkeit ist, weil meine Sachen in bester Ordnung sind, so stellt sich auch Deine Unschuld desto besser
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heraus und kommt deshalb volles Licht in das rätzelhafte Dunkel. Ich fragte Herrn Oberamtsrichter von Lauterecken, ob ich mir das alles müßte gefallen lassen u. erhielt zur Antwort: Daß ich die sieben= zehnhundert Mark, die Herzog als väter= liches Vermögen schon voraus hat, wie= der könnte zurückverlangen, wegen Undankbarkeit. Mit Heinrich will ich überlegen was zu thun ist in dieser Sache. Ich fühle mich sonst ganz beruhigt. Der Winter ist vorüber und der Frühling lässt sich gut an. Das Thälchen vor meiner Wohnung wird schon recht grün und bald in voller Pracht da= stehen. Der Garten ist gegrabt und schon Kar= toffeln gesetzt. Unten am Bächelchen ist eine Mauer gemacht mit einem Draht= zaun darauf; auch wurde ein Wasserbehäl= ter gemacht zum Begießen des Gartens. Bis jetzt hatte ich wenig Verkehr mit den Bewohner, aber allmählich werde ich bekannter mit Ihnen – Sie kommen mir alle recht freundlich entgegen.
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Die Tante Bitz hatten wir auch acht Tage
zu Besuch; es hat ihr alles recht gut gefal=
len und sagte zu mir, ich solle recht zufrie-
den sein. Ich hatte jeden Tag Spaziergänge
mit ihr gemacht, wodurch sie sich recht
behaglich fühlte. Meine Beschäftigung
ist Bücherlesen und Violinspielen durch
Benutzung der Violinschule von Schle-
terer. Ich bedaure sehr, dass ich Dir
nicht bei Deinem Orchester nützlich
sein kann, indem ich mich so gesund fühle.
Denke Dir in meinem ganzen Leben
war ich nie krank und was hat mancher
mit Krankheiten zu kämpfen. Gesund-
heit ist der größte Reichthum, deshalb
strenge Dich auch nicht so arg bei Deiner
geistigen Arbeit an – laß lieber
andere componieren. Das Lied von
C. Berger hatte ich kurz vor dem Ein-
packen erhalten. Andere Quartetten
hatte mir Heinrich von den seinigen
gegeben, die Du jedenfalls gut ver-
werten kannst. Leichte Violinsachen mit
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Klavierbegleitung habe ich nicht mit-
geschickt – sie sind zu gering. Teile mir
doch mit ob Du den Pakt Musikalien und Bücher erhalten hast,
so wie diesen und den vorigen Brief. Auch
möchte ich gerne wissen wie das Preis-
singen in New York ausfällt k(ommenden). Monat.
Ich wünsche Dir den besten Erfolg, denn
ich zweifle nicht an den Gelingen, wenn
Du Dir etwas vornimmst. Wenn Du
Geld brauchst, so schreibe es mir, damit
ich Dir schicke. Weil ich überzeugt bin, daß
Dir wenig Zeit zum Schreiben übrig
bleibt, so schreibe als ganz wenig. Zu be-
merken habe ich Dir noch folgendes: Der
beste Erfolg beim Preissingen hängt ab von
Deinem Entgegenkommen mit den Herrn
Preisrichtern vor dem Singen, mit gast-
freundlicher Art und Weise – Das Schicken
wird öfters dem Geschickten vorgezogen
– also wirst du Dich doch zu schicken wissen.
Mein Wahrspruch war stets: Wie man
sich schickt, so geht es eim, oder wie
Du Dich schickst, so geht Dirs.
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Lieber Eugen! Verlebe noch einige Jahre im Genuß der schönsten Freuden – bis Du Dich entschließt ein Familien= leben anzufangen – – Doch alles wie Du es am besten hältst. Wenn Du aber wählst, so nehme Eine mit Verstand und den Eigenschaften, die zu einem zufriedenen Leben nötig sind. In letzter Zeit hatte Heinrich viel zu thun um eine gute Prüfung zu machen. Sie ist sehr gut mit der Note I. ausge= fallen. Am ersten April hatte er in Lauterecken im Arbeiterverein einen Vortrag gehalten über Höflichkeit und Krobheit. Im halben Mai hält er einen Conferenz-Vortrag über Rechensachen. Ist diese vorüber, so ist wieder lange Zeit Ruhe. Wir verleben so die Zeit, so gut wir es vermögen. Eugenchen hält sich die meiste Zeit bei seinen Kameraden auf und Malchen versieht bestens die Haushaltung. Alle sind wir recht gesund, was wir auch Dir und den Verwandten wünschen. Von Herzen bist du von uns alle gegrüßt und geküßt. Lebe froh! Dies wünscht von Herzen dein dich lieben = der Vater Klee