Mein lieber Onkel!
Wohlbehalten bin ich gestern
Abend 1/2 10 Uhr in der Heimat
angelangt. Eugen fuhr mit bis
Frankenthal. Es hatte lange ge=
dauert, bis ich den Abschied von dir
und allem, was mir sonst lieb und
wert war, vergessen oder wenig=
stens einigermaßen überwinden
konnte. Es war doch eine gar zu
schöne Zeit, die mir ewig in Er=
innerung sein wird.
[page 2] Hier hat sich inzwischen
nichts Neues zugetragen; nur das
Eine; daß meine Ernennung zum
selbstständigen Hilfslehrer eingetroffen
ist. Ich bin, wie mir Herr Inspektor
mitteilte, einer der ersten Aushilfs=
lehrer, die die Ernennung bekamen.
Meine Besuche habe ich teilweise schon
gemacht und ist man über
mein gutes Aussehen recht ver=
wundert. Heute Morgen hielt
ich Sonntagschule und heute Mit=
tag versah ich den Gottesdienst, da
Herr Kirschner abreisen mußte.
Bei dem „Kleeblatt“ herrscht große
Freude. Deine Grüße auf der
Karte von heute Morgen habe
[page 3] ich bestellt. Wenn dieser
Brief beendet ist, werde ich in
Elisabeths Gartenhaus Bericht erstat=
ten müssen.
Was macht denn die arme
Alice? Sie wird wohl ganz trost=
los sein. Beiliegend einige Zeilen
für sie. Sei so gut, lieber Onkel,
und gebe ihr dieselben.
Beiliegend sende ich dir
auch das Lied „Der Friedhof am Kirch=
lein“. Hebe es gut auf und sende
es gelegentlich einmal zurück.
Vielleicht reizt es dich zur eigenen Kompositionen.
Du wirst Dir jetzt die Zeit
in dem schönen Interlaken noch
[page 4] recht angenehm machen. Ich
wünschte ich könnte und dürfte
noch an deiner Seite weilen, weniger
darum, um all die Schönheiten
mitzuschauen, als bei dir zu sein.
Wir sind doch noch die Einzigen
einer Familie, die übrig sind, und
wir müssen zusammengehören
und ich werde allen Trennungs=
versuchen nur noch stärkeren Wider=
stand bieten. Dieses Zusammen=
sein mit dir hat das Bewußtsein
der Zusammengehörigkeit neu
gestärkt und belebt
und werde ich für immer
sein
Dein dankbarer und treuer
Eugen
Grüße an alle!