Gumbinnen den 29 August 1876
Mein lieber [roman:]Wilhelm[/roman]!
Doppelt große Freude haben mir diesmal Deine theilnehmenden Zeilen bereitet, da Sie mir ja Kunde brachten, daß Du Dich nach mehrwöchentlicher Krankheit wieder erholt habest und Du Dich wieder woh= ler und frischer fühltest. Wunderbar, daß mein ahnendes Gefühl mich nicht getäuscht, so oft ich Deiner gedachte, mußte ich Dich stets leidend sehen, hatte oft große Unruhe Deinetwegen, und konnte doch nichts, so gar nichts für Dich thun, als Deiner in treuer, schwesterlicher Liebe gedenken und Dich in meinen Gebeten dem Schutze des allgütigen Gottes empfehlen. Daß Du meinen letzten Brief nun auch erhalten, hattest Du ja in dem Sontags-Blatt vom 30 ten Juli bemerkt, gestern empfing ich sogar schon die Zeitung vom 6 ten August,
[left margin:] Wir hatten hier einen sehr warmen Sommer, die Gegensätze treten grell ferner, zu dem kalten, strengen Winter. - [/left margin]
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die sehr rasch übergekommen, es ist ganz ver= schieden, bald geht es sehr fix, bald dauert es länger, häufig erhalte ich mehrere Blätter mit einemmal. Habe herzlichen Dank für die fortlaufende, so freundliche Uebersendung, wir lesen sie stets mit Interesse, und sehr erhöht es meine Freude, wenn Du am Rande einige Worte mit Blei bemerkst, da ich ja gern über Dein Wohlergehn immer orientiert bin. Hier an der russischen Grenze geht es uns ja im Ganzen so leidlich, Schwager Otto hat seines Halsübels wegen eine gründliche Kur gebrauchen müssen, er ist seit 14 Tagen in Kahlberg bei Elbing, einem kleinen Seebade, welches aber wunderbar stärkende Luft haben soll, außer den Bädern, trinkt er noch Emser Krähnchen mit Molken, es bekommt ihm ja anscheinend gut, möchte es von nach= haltiger Wirkung sein. Bertha nimmt war= me Seesalz-Bäder, sie ist viel leidend, kann sich im Ganzen wenig schonen, es ist hier eine sehr unruhige Haushaltung, viel Anlauf von
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außen, welches wohl in der Stellung und den Verhältnissen begründet liegt. Wolf ist auch sehr, sehr zart und schwach, an Willens= kraft fehlt es ihm zwar nicht, und hat die strenge Tante manchmal gegen seinen Eigensinn zu kämpfen. Mama ist unend= lich gütig gegen die Kinder, es liegt wohl in ihrer großen Herzens Güte, sie möchte alle mit und durch Liebe ziehen, und die Knaben sind ja auch sehr gut geartet, aber im Ganzen huldige ich mehr dem strengem Prin= zip, namentlich müssen sie fleißig lernen und arbeiten, es wird heut zu Tage viel verlangt, und wo gar kein Vermögen ist, ist es doppelt nöthig, darauf hinzuwirken, einstmals auf eigenen Füßen fest und sicher stehen zu können. Ein sehr fleißiger Junge ist Fritzchen, (Fritzens ältester Sohn) er ist Ende Juli 9 Jahr geworden, und ist der 4 te Schüler in [roman:]Sexta[/roman] von 51 Knaben, sein Zeugniß war auch sehr gut, er macht seinen Eltern große Freude, treibt sich selbst, eine geweckte Natur ohne Ueberflieger zu sein.
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Vor einigen Tagen hatte ich auch von [roman:]Elsa[/roman] einen Brief, leider geht es Fritz gar nicht gut, es macht uns rechte Sorge, er hat sich wohl überarbeitet, ist ein rechter Pack-Esel gewesen, dazu kommt Rheumatismus, und will nun [insertion:]erst[/insertion] keine ernst= liche Kur gebrauchen noch unternehmen. Vor= igen Sommer wurde er ja so plötzlich von [roman:]Sylt[/roman] zurückgerufen, da unser theures Mütterchen heimging, es ist nun schon bald ein Jahr, daß sie in kühler Erde ruht, wohl ihr, daß sie ausgelitten und ausgekämpft, aber wir, ach wie schmerzlich vermissen wir die nun Verklärte und doch dürfen wir sie nicht zurückwünschen, wir wissen sie wohl gebor= gen. Tante Lotte wandelt noch immer unter den Lebenden, trotz aller Krankheiten, die sie durchgemacht, heute schrieb sie noch an mich, und wie mir scheint, ist sie nicht abge= neigt, den Winter wieder in [roman:]Wiesbaden[/roman] zu= zubringen, was ich ihr keinen Augenblick verdenke, wenn sie es mit ihren Mit= teln durchführen kann, sie steht ja ganz allein und einsam da, es ist nicht leicht, mit ihr fertig zu werden.
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Von Paula hörten wir längere Zeit nichts, sie
hat im Sommer viel mit dem großen Garten
zu thun, ist eine gute Wirthin geworden, ich hätte
es kaum so gedacht, den Winter über führen
sie ein stilles, einsames Leben, es ist so
wunderbar vertheilt, wir könnten ihr
gut, von hier aus täglich eine Kiste mit
Unruhe senden, dann behielten wir
noch reichlich genug. - Vielleicht interres=
sirt es Dich zu hören, daß Dein früherer
Spiel und Schul Kamerad [roman:]Gustav Land=
kuhl[/roman] eine so gute Carriere gemacht hat,
er ist Abtheilungs - Chef im Kriegs-Mini=
sterium und hat den Rang und die Stel=
lung eines Brigade - Generals, da sieht man
doch, daß auch [insertion:]aus[/insertion] kleinen Leuten, wenn sie
sonst einen klaren und großen Geist haben,
doch etwas Tüchtiges werden kann. [roman:]Fanny
Landkuhl[/roman], die an einen Rechts - Anwalt [roman:]Wil=
helmi[/roman] verheirathet war, und jetzt als Witwe
in Hamm lebt, hat kürzlich ihre älteste
Tochter verlobt, ich erhielt die Karte von
dort. Wohl hast Du Recht, wenn Du sagst,
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man wird alt, sehr alt, aber ich sage und stimme
Dir völlig bei, die Hauptsache ist, wenn das
Herz nur jung bleibt, und wir uns die
geistige Frische zu erhalten suchen. Nun
möchte ich Dir so recht, recht wünschen,
daß Du bald wieder ganz frisch und
gesund sein möchtest, gieb mir bald wieder Nach=
richt, wenn Du nur irgend kannst, es
macht uns Allen so sehr große Freude,
von Dir zu hören. Wie Du gewiß diesen
confusen Zeilen anmerken wirst, bin ich
augenblicklich auch etwas angegriffen,
habe eine geschwollene Backe die mich
schmerzt, ich wollte aber nicht noch länger
zögern und Dich warten lassen, und rech=
ne daher auf Deine gütige Nachsicht.
Sei so recht innig und treu von uns allen gegrüßt, behalte mich lieb und gedenke oft und gern Deiner
alten [roman:]Emmy[/roman].