Gumbinnen den 1 ten Juli 1876.
Mein alter, guter Bruder!
Damit Du Dich doch überzeugst, daß ich meinem Versprechen auch gern nach= komme, Dir öfter Nachricht von uns zu geben, ergreife ich mit Freuden die Gelegenheit, Dir, wenn auch nachträglich, die herzlichsten Glück= wünsche zu Deinem Geburtstag zu übersenden. Ganz fest hatte ich mir vorgenommen, gerade am 27 ten Juni selbst, Dir mein treues Gedenken auszusprechen, und Dir zu sagen welch innigen Antheil wir alle ver= eint hier an Deinem Wohl oder Wehe nehmen, leider aber wurde mein Vorhaben vereitelt, da wir
[left margin:]Ich hoffe recht bald Günstiges über Dein Ergehen zu hören!![/left margin]
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unruhige Tage hatten, die durch auswär= tigen Besuch veranlaßt wurden. Die Herrn Präsidenten von roman:]Diest[/roman] aus Danzig und von [roman:]Flottwell[/roman] aus Marienwerder besuchten Schwa= ger Otto, Beide waren sehr liebenswürdig, geistig frisch und angeregt, und es war ein sehr nette Zeit, aber nicht geeignet um Briefe zu schreiben. Außerdem ist Rudolf noch auf 4 wöchentlichen Urlaub hier, da sich die weitere Reise von [roman:]Altona[/roman] sonst nicht lohnt, zu theuer ist; nebenbei auch noch Ferien der drei jüngsten Söhne, da weiß man oft wahrlich nicht, wo einem der Kopf steht, wie Du leicht ermessen kannst. Im Ganzen kann ich Dir Günsti= ges melden, obgleich Westarp sowohl, als wie auch Bertha, abwechselnd oft leidend sind, Beide haben recht gealtert, sie haben aber auch Vieles durchgemacht, denn es ist heutzutage wahrlich nicht leicht, eine
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Familie mit 5 Söhnen zu unterhalten und
durchzubringen. - Hoffentlich hast Du mei=
nen letzten Brief von Ende Mai richtig
erhalten, ich schrieb unter Deiner alten Adresse,
im Fall, daß Du auch zu der so berühmten
Welt-Ausstellung gefahren bist, nehme ich
an, daß die Postsachen Dir nachgeschickt
werden. Sehr gespannt bin ich auf Deinen
nächsten Brief, da wirst Du höchst in=
terressant berichten können, ich verfolge
schon immer die Zeitungen mit der
größten Aufmerksamkeit, es muß doch
recht großartig dort sein. Hier haben
wir viel von der Hitze auszustehen, so
kalt wie stellenweise der Winter, so
tropisch der Sommer, das sind die Extreme.
Wir sind alle Nachmittag und Abend im
Garten, der zur Dienst-Wohnung gehört,
schade daß er nicht unmittelbar am
Hause liegt, dadurch viel lästiger, er ist
sonst recht hübsch angelegt, birgt manch'
schattiges Plätzchen, und sitzen wir größ=
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tentheils auf der Veranda, die sehr freund=
lich von wilden Wein umrankt wird. -
Vor einigen Tagen erhielt ich auch ein Schreiben
des Landraths aus H., der mir mittheilt, daß
mein Immediat-Gesuch abgelehnt sei, und
ich auf eine jährliche Unterstützung zur Zeit
nicht rechnen dürfe. Da die Antwort solange
auf sich warten lassen ließ, hatte ich offen
gestanden, auf günstigen Bescheid gehofft,
war also sehr enttäuscht und niedergeschlagen,
aber was dagegen thun?? Sich fügen und
das Unabänderliche mit Würde tragen, wenn
es auch oft im Leben uns schwer und hart
erscheint. Aber es muß doch wohl so, und nicht
anders, gut für mich sein, wir kurzsichtigen Men=
schen wissen ja selbst oft nicht, was zu unserm
wahren Heil dient, darum will ich auch mit
frischem Muth vorwärts schauen und mit Gott=
vertrauen der Zukunft entgegen gehen. -
Das ganze Westarpsche Haus grüßt Dich mit mir recht liebevoll und herzlich, wir haben am 27 ten recht lebhaft Deiner gedacht, nochmals ein frohes, ungetrübtes Lebensjahr Dir recht wünschend, verbleibe ich in alter Liebe und Treue stets Deine
Schwester [roman:]Emilie![/roman]