Hamm den 22 ten Juni 1875.
Mein lieber Wilhelm!
Lange ist es her, seit Du ein Lebenszeichen aus der alten Heimath erhieltest, doch glaube ja nicht daß Saumseligkeit oder Mangel an Interesse deren Schuld sind, nein, nein, mein guter Bruder, wir gedenken Deiner stets in alter Anhänglichkeit, Liebe und Treuen, und hätte ich Dir diese Theilnahme und Gefühle unsrerseits, gern, sehr gern schon frü= her ausgesprochen, damit sie Dich zum 27 ten Juni, Deinem Geburtstage erreicht hätten, wenn es mir nur möglich gewesen wäre.
Doch bevor ich auf die näheren Verhältnisse eingehe, die mich vom Schreibtisch fern hielten, möchte ich Dir nun noch sagen, wie ich Dir in unser aller Namen zu Deinem Wiegen= feste so recht von Herzen Glück wünsche, und wie wir Alle, Alle vereint, für Dich des Him= mels reichsten Segen erflehn, möchte Dein kommendes Lebensjahr, Dir gesund, frisch und fröhlich vergehen, und Du in Deiner
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erneuten Thätigkeit, Zufriedenheit und
Glück und Freudigkeit finden. Sehr große
Freude hat uns Dein prächtiger Brief [insertion:]gemacht[/insertion], Du
scheinst ja wieder ganz gesund und munter
zu sein, mußt Dich zwar gründlich abmühen
durch geistige Arbeit, aber Dir sagt ja auch
wohl diese Art der Beschäftigung am mei=
sten zu, und ist nicht allein für Dich anre=
gend, nein, Du machst und bereitest auch
vielen, vielen Deiner Mitmenschen Genuß
dadurch, und auch durch Deine Güte, mit der
Du uns so liebenswürdig die Zeitungen
immer übersendest, haben auch wir die
große Freude uns[insertion:]2[/insertion] Deiner Geistes - Producte
kennen zu lernen, und Du kannst ja denken,
daß Deine Namens - Unterschrift uns besonders
anzieht, so waren die Gedichte zum Pfingst=
Fest - "und die Waisenkinder"- für uns
von regem Interesse und gefielen uns
ungemein. Habe innigen Dank für Deine
Güte, möchten Deine Bemühungen die Du
dies um die “[roman:]Freie Presse[/roman]“, erwirbst immer
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mehr gekrönt werden, und Du auch vom practischen Standpunkt aus betrachtet, eben größere Einnahmen erzielen. - Für die so bereitwillige Uebersendung der Vollmacht sagen wir Dir noch ganz besonders unsern Dank, es war ja, wie Du auch selbst schreibst, hauptsächlich eine Form, um dem hiesigen Gerichte zu genügen, damit auf diese Weise die Nachlaß - Regulierung unseres verstorbenen Vater geschlossen und ad acta gelegt werden konnte, und ebenfalls die [roman:][?:]couratel - Hassel[/?][/roman] erlischt und aufhört. Nach Vaters Tode der ja bekannt den 22 ten Januar 1864 erfolgte, wurde Herr Appel. Rath [roman:]Schultz[/roman], ein alter Freund vom Vater, zu Deinem Kurator ernannt, der Deine Ansprüche zu vertreten hatte. Am 18 Juli 1864 wurde nun Dein und unser Unter= halt auf 10 Thr. 25 Sgr. 9 Pf. [Footnote: Thr. = Thaler, Sgr. = Silbergroschen, Pf. = Pfennig] gerichtlich fest= gestellt, und auf den Antrag der Mutter und mit Bewilligung Deines Curators 11 Thaler
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für Dich in die hiesige Sparkasse gebracht und
das Sparkassenbuch dem Gerichte zur Verwah=
rung übergeben. Nach mehreren Jahren
starb Herr Ap. R. [roman:]Schultz[/roman], und es mußte ein
anderer Kurator ernannt werden, und zwar
in der Person des Kreis-Gerichts-Raths von
[roman:]Khaynach[/roman], der im Jahre 1872 im Monat
Juni an Dich geschrieben hat, und Dir mit=
theilte, daß er Dir Dein Vatergut schicken
würde, welches er auch den 11 Juli 1872 gethan
hat, wie die Post-Anweisung, die zu den
Acten gelegt ist, nachweißt, und zwar im
Betrage von 14 Thr. 12 Sgr. 6 Pf. [Footnote: Thr. = Thaler, Sgr. = Silbergroschen, Pf. = Pfennig], mit den
Zinsen. Wir waren damals verreißt, daher
konnte es uns nicht mitgetheilt werden,
nachher ist es wohl vergessen, daher auch unser
Erstaunen, wie Du in einem Briefe vom 12 ten
October 1872 schriebst: "Ich erhielt Ende Juli
eine Post-Anweisung von einem Bremen/
[roman:]N. J.[/roman] Bankhause über 11, zahlbar hier [roman:]C. Adaes
Cm.[/roman], welche ich erhob. Weißt Du wo diese vielleicht,
wo diese Anweisung herkam?" - Damals wußten
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wir es nicht, aber jetzt hat es sich aufgeklärt,
daß es Dein Vatergut war, welches Dir recht=
mäßig zukam. Hast Du den Brief von J. von
Khaynach nicht erhalten? Du erwähnst diesen
Punkt vielleicht einmal. - Uebrigens, danke
ich Dir, lieber Wilhelm, noch ganz besonders,
daß Du mir Dein Vertrauen aufs Neue
bewiesen hast, und mich zu Deiner Bevoll=
mächtigten ernannt hast, gewiß werde
und würde ich Dich nach allen Richtungen
hin vertreten, wenn nicht eben jetzt
die ganze Sache erledigt wäre. Der schwar=
ze Anzug von Vater ist noch unversehrt und
bis jetzt von uns sorgfältig verwahrt, ich
dachte schon, ob wir ihn an Louis Westarp
zum Confirmations-Anzug geben, es wäre
doch schade, wenn schließlich noch die Motte
hineinkäme, hast Du aber in irgend einer
Art andere Ideen oder Pläne, so bin ich selbst=
redend gern bereit, Deinem Wunsche jeder=
zeit gern nachzukommen. -
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Ueber das Befinden unserer alten Mama, kann ich Dir leider nichts Günstiges melden, sie ist fortwährend sehr elend, liegt schon seit Wochen fest zu Bett, und muß von zweien getragen, umgebettet werden. Es ist die allmähliche Ab- nahme aller Kräfte, die Schwäche nimmt mit jedem Tage zu, und wird sie durch ihr langes, anhaltendes Leiden, recht in der Geduld ge= prüft. Aber sie klagt fast nie, ist so ergeben und getrost, dabei der Geist so klar, und sie spricht mit einer Ruhe von ihrem Tode, daß man es wirklich nur bewundern kann. Vor einigen Wochen traten plötzlich sehr heftige Congessionen [Congestionen] des Bluts nach dem Kopf ein, das Blut floß derartig aus Nase und Mund, und war gar nicht zu stillen, es war ein ent= setzlicher Zustand, und die Athemsnoth fürchter= lich. Nachdem ich mit dem Arzt ernstlich gespro= chen, telegraphierte ich sofort an Fritz, der auch denselben Abend noch ankam, und 14 Tage ein treuer Krankenpfleger gewesen ist. Diese Blutungen haben sich noch fünfmal wiederholt,
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und selbst unser tüchtiger Arzt ist mehr wie erstaunt, daß unsere theure Mutter diese Anfälle überstanden hat. Aber auf Besserung hoffen, können und dürfen wir nicht, sie sagt ja selbst, Ihr Kinder Alle nah und fern, müßt vereint den lieben Gott bitten, daß er mir ein sanftes, seliges Ende verleihen möge, ich gehe dann heim und komme zu meinen vorangegangenen Lieben, und Ihr Alle hienieden müßt mit mir ein treues Gedenken bewahren, ich habe es gut mit Euch Allen gemeint. Du glaubst gar nicht, mein lieber Wilhelm, mit welchem Interesse sie auch von Dir spricht, und sie nennt es jedesmal einen Freudentag wenn von Dir ein Brief oder eine Zeitung ankommt. Gewiß kannst Du aber auch denken, welche sorgen und angst erfüllte Tage, Wochen und Stunden ich durchlebt und durchkämpft habe, ich bin oft zeitweise gar nicht aus den Klei= dern gekommen, die Pflege und Wartung nahm mich ziemlich in Anspruch, auch jetzt noch, schreibe ich in der Regel nur, wenn Mutter
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schlummert, und auch dann nur, sowie auch heute oft mit Unterbrechungen. - Westarp ist als Regierungs Präsident nach Gumbinnen versetzt, die weite Entfernung ist wirklich sehr traurig, von Königs= berg hatten wir Sonnabend eine Karte, bis dahin waren sie glücklich gekommen. Otto war vor seiner Abreise noch auf einen Tag hier, um sich persönlich nach Mutters Befinden zu erkun= digen, Bertha ist nicht mehr gekommen, eines= theils war es ihr zu schmerzlich, für immer von der Mutter Abschied zu nehmen, und dann waren auch die beiden jüngsten Söhne krank, dazu der ganze Umzug, auch keine Kleinigkeit. -
Ein großer Trost ist nur, daß Fritz in 6 Stun= den hier sein kann, sobald ich telegraphiere kommt er sofort. Der gütige Gott sei uns allen gnädig, er behüte auch Dich ferner, mein guter Bruder, damit Du frisch und gesund Dein kommendes Lebensjahr be= gehst. Die Mutter hat mir noch ganz beson= dere Grüße für Dich aufgetragen, denen ich mich herzlich anschließe. Behalte uns lieb und laß bald von Dir hören.
Stets Deine treue Schwester
Emilie. -