Hamm den 28 ten März 1875 (Erster Ostertag Nachmittags)
Mein lieber Wilhelm!
Lang, lang ist es her, seit ich Dir geschrieben, und doch hat sich in dieser Zeit all mein Denken und mein Thun fast nur um einen Punkt gedreht, und das ist das Befinden und der Zustand unserer theuern, alten Ma= ma gewesen. So oft war es mein festes Vor= haben Dir Nachricht zu senden, da ich ja wußte, wie Du Dich gewiß nach einem Lebenszeichen von uns sehnen würdest, aber immer hoffte ich vergebens Dir Besseres mittheilen zu können, und so ist es auch heute noch, lie= ber Wilhelm, es ist und wird nicht wieder bes= ser, die Kräfte nehmen mit jedem Tage mehr ab, und die Schwäche wird immer größer. Die sonst so lebensfrische und thätige Mama, kann jetzt gar nichts mehr, ohne meine Hülfe ist es ihr unmöglich allein zu stehen oder gar einige Schritte zu gehen, Du hast ganz recht, das vorgerückte Alter macht sich in vollem
[left margin:] Sei viel mit Deinen Gedanken in unserer Mitte und gedenke unserer stets liebevoll. Mit den innigsten Grüßen heute wie immer Deine treue Schwester E: - [/left margin]
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Maaße geltend, trotz der stärkendsten Weine und kräftigsten Pflege nimmt die Magerkeit und Hin= fälligkeit mit jedem Tage zu; aber der Geist ist noch immer rege, und das Interesse für Alles, namentlich was uns Kinder anbetrifft ist ganz fabelhaft, Du hättest nur sehen sollen, welch innige Freude Mutter empfand wie Dein theil= nehmender, liebevoller Brief ankam, wie das sonst oft so matte Auge glänzte, und wie sie voller Jubel war, daß Du Dich wieder so kräftig und frisch fühltest, gleichsam um 10 Jahre jünger geworden seist. Solche Nach= richten, meinte sie, die sind wahres Lebens= elixir, o wie freue ich mich, daß es W. wie= der gut geht, und wenn meine Hand auch noch so zittert, ich will ihm doch noch selbst einen Abschiedsgruß senden, ihm selbst sagen, wie das treue Mutterherz, nur mit seinem letzten Schlage für ihn aufhört zu sein. Ja, ja, mein theurer Bruder, wir haben einen schweren Winter durchkämpft. Tag und Nacht, gehofft, gefürchtet und gezagt , und doch müs= sen wir noch danken, und haben noch stets Ursache
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zu loben und zu preisen, der gütige Gott ist noch immer ganz sichtbarlich mit uns und bei uns gewesen, und oft wenn wir matt und müde werden wollten, da hat er uns neue Kraft verliehen, und wir haben den neu anbrechen= den Tag wieder muthiger und mit festerem Vertrauen begonnen. Mutter ist merkwür= dig geduldig und ergeben, keine Klage kommt ja über ihre Lippen, für jeden Beweis der Liebe und Theilnahme so unendlich dankbar. Auch Du hast wieder so gütig und freundlich zu ihrer Erheiterung und Unterhaltung beige- tragen, hast "Freie Presse" - gesandt, die wir gründlich gelesen haben, und namentlich sind uns ja selbstredend Deine Geistes-Producte die interessantesten. Dein "Herzlicher Gruß"- hat in unseren Herzen eben solch frohen Wie= derhall gefunden, als wie er gemeint war, und wir danken Dir sehr dafür. Und wohl nicht mit Unrecht ist in uns der Gedanke aufgestie= gen, daß Du wieder an dieser Zeitung eine Beschäftigung gefunden, und wenn sie Dir
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zusagt, dann möchten wir Dir zu derselben
unseren innigen Glückwunsch aussprechen. Du
glaubst wohl kaum, wenn ich Dir sage, wie oft
wir davon gesprochen, ob Du wohl Alles habest
was zu Deiner Pflege nöthig sei, ob Du wieder
eine Dir zusagende Stellung gefunden, und
wie hoffen wir, nun bald Alles von Dir zu
hören, daß Du Dich zufrieden und glücklich
fühlst. Zum heil. Osterfest hatten wir von den
Geschwistern auch liebe Briefe, im Großen und
Ganzen geht es ja gut mit ihnen, auch die Kinder
schreiben oft an die Großmama, heute z. B.
[roman:]Louis Westarp[/roman], recht gut und gewandt stylisiert.
Fritzchen ist unermüdlich, auch der Dicke will im=
mer schreiben, wenn auch nur mit Bleistift.
Wir haben hier einen anhaltenden, strengen Winter
gehabt, vor einigen Tagen noch Schneefall, der holde
Knabe "Frühling" läßt sich lange erwarten. Habe
nochmals innigen Dank, mein guter Bruder, für
alle Beweise Deiner Liebe und Theilnahme,
vergilt nicht Gleiches mit Gleichem und laß bald
von Dir hören - Entschuldigen will ich mich weiter
nicht, aber meine Zeit war sehr in Anspruch genom=
men.