Hamm den 28ten November 1872.
Mein lieber Wilhelm!
Endlich gelange ich dazu, Dir Deinen letz= ten prächtigen Brief mit den günstigen Nachrichten über Dein Befinden und Wohl= ergehn, so recht herzlich zu danken, und Dir zu sagen, daß Du uns eine große Freude durch denselben bereitet hast. Du hast ja eine unendlich besetzte und anstrengende Arbeitszeit durchzumachen gehabt, [?]Jadufrei[/?] Ausstellung und Präsidentschafts-Kampagne, ist wirklich keine Kleinigkeit und will etwas sagen, da magst Du wohl noch man= che Stunde länger, wie schon gewöhnlich an den Schreibtisch haben zubringen müssen, ich möchte Dir wünschen, daß Du jetzt wieder etwas mehr freie Zeit finden könntest, um Deinen eigenen Geistes-Producten noch
besser und nach Deinem Gefallen nachgehen zu können. Mit ganz unendlichem Interesse lesen wir „die neue Magdalena“, gestern ka= men, liebenswürdiger Weise, von Dir, wieder zwei Zeitungen, habe tausend Dank dafür, die werden heute Abend gleich vorgenom= men, wir sind recht gespannt auf die Entmittelung, und da Du es „frei“ be= arbeitest, wird es schon gut durchgeführt werden. Die Coblenzer Geschwister freuen sich sehr, daß ihre Photographien Deinen Beifall haben, und senden Dir viele freundliche Grüße, vor einigen Tagen schrieb Else, im Ganzen geht es ihnen gut, Fritz litt sehr viel an nervösen Kopfschmerzen, wohl Folge der Ueberanstrengung, er hat fabelhaft leisten müssen, augenblicklich geht es aber etwas besser, trotzdem er wieder mit Arbeiten überhäuft ist. Ich wünschte er bekäme
bald ein Bataillon, da muß er mehr heraus, der practische Dienst würde gewiß seiner Gesundheit gut thun, doch daran läßt sich nichts thun, so wie es kommt, muß es ja gut sein. Victor W. präsentirt sich Dir als Berliner Kadett, er sieht Bertha äußerlich sehr ähnlich, sonst sind es zwei recht ver= schiedene Naturen.- Wer Dir von Bremen aus eine Post-Anweisung zugeschickt hat, kann ich Dir nicht verrathen, wir wissen Alle nichts davon; sollte es nicht vielleicht eine Schuld an Dich sein, in früheren Zeiten gemacht, die jetzt abgetragen ist? Ich weiß selbstredend nichts davon, es ist nur eine Idee von mir. –
Seit Anfang October sind wir wieder daheim, trennten uns mit schwerem Herzen von Familie Hassel junior und dem köstlichen Rhein. Fritz wollte uns sehr
sehr gern noch länger da behalten, aber es ging nicht, da Tante Lotta uns ihren Besuch zugesagt hatte. Kaum wieder etwas einge= richtet, erschien sie dann auch, und hat einige Wochen mit uns vorlieb genommen. Im Ganzen ist es nicht leicht mit ihr, sie hat viele Eigenheiten, und das klügste ist zu schweigen, obgleich das Gegentheil ihrer Ansichten und Behauptungen oft flach auf der Hand liegt. Doch sie ist eine alte Frau, und steht vereinzelt da, das Mitleiden ist bei mir daher überwiegend, und die Geduld muß erschöpft werden. Leider war ich die letzte Zeit, wie sie bei uns war, krank, Erkältung mit Fieber, hatte mich wohl etwas angestrengt, jetzt geht es mir wieder gut, und ich kann Alles gut aushalten, hatte aber nachher recht große Sorge um Mutter, die plötzlich so krank wurde, daß ich zum Arzt schicken mußte. Das Fieber trat so heftig
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auf, daß der Doctor die Achseln zuckte, sie war ganz theilnahmslos, sprach gar nicht, und ich habe große, große Angst ausgestanden. Den andern Tag ging es aber schon ein ganz klein wenig besser, die Medizin hatte gut gewirkt, und der Arzt erklärte, es sei ein rheumatisches Fieber mit Hals-Entzündung. Das Schlimmste war die unendliche Schwäche, die Kraftlosig= keit war fabelhaft, und wenn auch die Krank= heit gehoben ist, so sind die Kräfte doch noch lange nicht wieder gekehrt, und Mutter muß jetzt durch die kräftigsten Sachen gestärkt werden, der Appetit ist zwar nicht groß, wenig= stens sehr abwechselnd, aber wir wollen zu Gott hoffen, daß es nun alle Tage wieder etwas bergauf geht, was irgend geschehen kann, daran soll es gewiß nicht fehlen, und Gott möge unser aller inniges Gebet und Flehen erhören, und uns unsere treue, alte Mutter
noch lange, lange erhalten, zum Heil und Glück der ganzen Familie. – Mit Absicht, mein lieber Wilhelm, habe ich Dir nun nicht früher geschrieben, nun konnte ich Dir doch wieder bessere Nachrichten senden, freier und froher aufathmen und Dir in nicht gar zu trüber und trauriger Stimmung über unser Ergehen Mittheilung machen. – Einen treuen Festgruß sende ich Dir in weiter Ferne, wenn Du einen Lichterbaum brennen siehst, dann gedenke unserer in alter Liebe, und sei versichert, daß wir Dir im Geiste nahe sind. Möchte das neue Jahr Dir nur Gutes bringen, und Ungemach und Krankheit fern von Dir halten. Gott mit Dir, mein guter Wilhelm, im alten wie im neuen Jahr! Sei recht innig gegrüßt und antworte bald Deiner Dich liebenden Schwester Emilie