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Marianne von Rappard (Hassel)
Marianne von Rappard (Hassel)
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Hamm den 1ten Juny 1872.
Geliebter Sohn!
Hoffentlich werden unsere Bilder, mit Emiliens Brief
in Deine Hände sein u bey Dir gewiß eine kleine
Freude verursacht haben, Gleichermaßen erhielten
wir gestern deine Zeitungen, deren gelehrten u unter=
haltenden Inhalt uns jetzt sehr beschäftigt. Ersteres
geht stellenweise doch über unsern Horizont, doch werden
wir durch letzteres recht angenehm unterhalten werden.
Sollte Deine Güte mal wieder für uns so eine Über=
raschung im Sinn u Ausführung bewerkstelligen, bitte
lieber Wilhelm, so schreib mit Blei am Rande der
Blätter „ich bin gesund und habe Euch recht lieb!“
schöneres und besseres bringt hier auch die neue Welt nicht.
Zu deinen herannahenden Geburtstag sagen wir Dir,
mein Sohn, unsere innigsten Glück u Seegenswünsche,
möchten sie alle an Dir in Erfüllung gehen, so würdest
du reich sein an Seel und Leib, fröhlich u wohlgemuth
deinen Lebensweg weiter gehen, u gewiß sein das [insertion:] durch [/insertion] treue
Pflicherfüllung *FOOTNOTE: "Pflicherfüllung"= "Pflichterfüllung" * Gottes Seegen u Achtung u Anerkennung
[strikethrough:] die [/strikethrough] unserer Mitmenschen uns zufallen werden. Sehr
wünsche ich daß diese wenige Zeilen am 27ten d. in
deine Hände kommen möchten. Es machte mir so große
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Freude als Dein Glückwunsch zum 6ten Mai auch grade eintraf u meine Freude erhöhte u die Briefe von all meinen Kinder meinen Geburtstags [insertion:] tisch [/insertion] schmückten! Aus Coblenz – Hildesheim u Zäkerick haben wir gute Nachrichten – bis auf Bertha noch, die sehr viel an Kopfweh leidet – sind alle wohl. Paula erwarten wir bald, hoffentlich hohlt Hermann sie ab. Für heute lebe recht wohl, geliebter Wilhelm, u behalte recht lieb Deine treue Mutter.
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Es gereicht mir zur ganz besonderen Freude, Dir zu Deinem herannahenden Geburtstage, lieber Bruder, die treusten Glückwünsche zu übersenden. „Gott mit Dir!“ in diesen Worten liegt ja Alles ausgesprochen, was mein Herz für dich erflehen und erbitten möchte. Hoffentlich hast Du zum 27ten unsere Photographien in Deinem Zimmer arrangieren können, und wirst durch sie recht warm und treu an die alte Heimath erinnert. Gestern waren wir noch auf dem Kirchhoff, die Mutter seit vorigem Sommer zum
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erstenmale wieder, da wird jetzt der Epheu
so schön grün, auf den Ruhestätten unserer
Lieben; ich brach für Dich ein Blatt von Vaters
Grab, es macht Dir gewiß eine wehmüthige
Freude. Mein Fuß bringt mich oft dort hin,
dort ist Ruhe und Friede, und Beides wirkt
stets wohlthuend auf mich. Habe vielen, vielen
Dank für die Uebersendung [strikethrough:] -en [/strikethrough] der Zeitungen,
sehr lebhaft interessiren mich die Verhandlun=
gen des Kongresses, und ich verfolge Alles
mit großer Spannung und Aufmerksam=
keit. Wenn man im Ganzen so still lebt,
wie wir, so ist es ja auch durchaus nöthig,
den Geist auf diese Weise zu beschäftigen, was
nicht mit vorwärts geht, das bleibt nicht
allein stehen, nein es geht zurück, und das
möchte ich um keinen Preis. Das tägliche Leben
und die Prosa treten zwar stets an uns heran,
aber andere und geistige Interessen dürfen
nicht darunter leiden. Im Ganzen wird auch
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meine Zeit mal durch Correspondania in Anspruch genommen, Mutter wird es sehr schwer, sie büßt in der Regel mit Kopfweh, und da bin ich dann gewöhnlich die Vermittlerin und gebe den fernen Geschwistern von unserm Ergehen Nachricht. Den 2ten und 3ten Juni ist hier großes Musik= fest, Onkel Buhlmann war vom Verein hier zu eingeladen, wir erwarteten ihn ganz fest, da er zugesagt hatte, und gestern schreibt er ab. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, wir hätten ganz gern gehabt, wenn er gekom= men wäre. In meinem nächsten Briefe, fahre ich fort, Dir von der Familie mitzutheilen, von Onkel oder vielmehr Vetter Gustav und Kinder schrieb ich ja wohl noch nichts näheres. Für heute ein herzliches Lebewohl, laß bald von Dir hören und denke oft und gern an Deine
alte Emmy.