[roman:] New York [/roman], 26. Juni 1863
Liebe Sophie!
Einige Worte am Schluß des Briefes, worin du mir deinen Beschluß erklärtest, mich in meiner schweren Bedrängniß im Stich zu lassen, hatten mich glauben gemacht, daß Du die Wirkung und Tragweite Deiner abfälligen Antwort hinlänglich verstanden hättest, um nicht für mein Schweigen den Grund in außerordentlichen Umständen zu suchen. Wozu sollte ich schreiben? Welche Theilnahme für meine Angelegenheiten sollte ich noch bei Dir voraussetzen, nachdem Du zu einer Zeit, wo der Tod meiner Frau mich in die peinlichste häusliche Lage versetzt und die Erziehung meiner Kindes völlig in Frage gestellt hatte, es rundweg abgelehnt hattest mir beizustehen?
Indessen, wenn es zu Deiner Beruhigung beiträgt, will ich Dir hiermit gern mittheilen, daß alle Deine Besorg=
nisse vor etwaiger äußerer Noth,
in die ich durch den Krieg gekommen
sein könnte (Besorgnisse, die am Ende
auch eins der Motive für Deine
Weigerung, hierherzukommen, gewesen
sind), vollkommen grundlos sind. In
äußerlicher Beziehung ist es mir nie so
gut gegangen, wie seit zwei Jahren.
Der "völlige Umsturz alles Bestehenden",
von dem Du sprichst, existirt nur in
der geängsteten Phantasie europäischer Zu=
schauer, er erstreckt sich aber nicht
bis hier nach New York herauf. Speziell
hier sind Handel, Erwerb u. Wohlstand
so lange ich im Lande bin, nie besser
gewesen, als seit zwei Jahren.
Was meine persönlichen Verhält= nisse betrifft, so glaube ich Dir darüber im Oktober 1861 das Nöthige geschrieben zu
haben. Wie Du im vor. Jahre dazu ka=
mest "gehört zu haben", daß ich von der
Abendzeitung weg sei, begreife ich nicht.
Vielleicht ist es Klitschklatsch gewesen,
veranlaßt durch den Umstand, daß ich
aus Schicklichkeitsrücksichten von dem
Tage an, wo ich mein Amt übernehme,
meinen Namen nicht mehr auf der
Zeitung erscheinen ließ. - Ich widme
der Zeitung nur noch die Vormittagsstunden
bis 10 1/2 Uhr und nehme dafür auch nur
die Hälfte meines frühern Gehalts, damit
auch so lange, als ich das Amt habe, [Randfall?]
auch eine Erleichterung habe. - Das Amt hat
mir im vorigen Jahre, einschl. [?] 1800
Doll., die Ab. Zeitung 500, meine Correspondenzen für
andere Zeitungen pp 700 Dollars eingetragen. Im
jetzigen Jahr wird sich durch mehrere literarische
Arbeiten meine Gesammteinnahme etwa um
200 oder 300 Dollars höher stellen, als im vorigen.
Diese Zahlen werden Dich wohl über die befürch=
tete Gefährdung meiner Existenz beruhigen. Von
den 3000 Doll. Einnahme verbrauche ich, da ich mei=
nen Haushalt anständig führe, 2000, so daß auch
noch außer der Lebensversicherung einige tausend
Thaler für mein Kind, oder auch für un=
vorhergesehene Fälle parat liegen. - Sollte etwa,
was leicht möglich ist, mein Schweigen unter
den Klatschgevattern in Zerbst Anlaß zu
allerlei vorgeblich theilnehmendem, in der That
aber schadenfrohem Gewäsch über meine Lage
gegeben haben, so kannst Du demselben
mit oder ohne Benutzung der vorstehenden
Zahlen entgegentreten.
Außerdem, daß Mathilde im vor. Jahre
das Scharlachfieber und die Masern gehabt
hat und daß sie seit Juli v. J. durch
eine Erzieherin, welche ich für sie engagirt
habe, deutschen Unterricht erhält, ist aus
meinem häuslichen Leben seit dem Tod
meiner Frau nichts zu melden. Meine Tochter
ist das Einzige, was mich an ein mir leer und
überdrüssig gewordenes Leben bindet. Sollte je das
Unglück wollen, daß ich auch sie verlöre, so würde ich
ohne Bedauern n meinem zwecklos gewordenen Leben [Valet?]
sagen.
[roman:] Hermann Raster [/roman]