[roman:] New York [/roman] 19. April 1864 (Brooklyn)
Liebe Schwester
der beigeschlossene Brief von Mathilde ist, wie Du daraus ersiehst, einige Tage vor Ostern geschrieben, aber, ehe er geschlossen war, liegen geblieben, dann verkramt und vergessen worden, weil Mathilde unwohl wurde. Nach längerer Kränklichkeit hat sie sich vor= gestern (17. April) gelegt und heute ist eine Hautkrankheit ausgebrochen, von welcher der Arzt in diesem Augenblicke selbst noch nicht weiß, ob es die bösartigen Blattern, die Varioliden,
ein wiederkehrendes Scharlachfieber oder
Masern in bösartiger Form sind.
Während ich unter bängsten Besorgnissen
am Krankenbette sitze, krame ich
die peinlich ordnungslos durcheinander
liegenden Papiere in dem Pulte
meiner Tochter durch und finde da
den unvollendeten Brief. Ich schicke
ihn Dir so, wie ich ihn finde,
nur am Schluß den unvollständigen
Satz vervollständigend. Denn Wer
weiß, ob sie ihn jemals selbst
vollenden wird.
An dem Tage, wo sie erkrankte hatte sie das Zeugniß
für das neue Quartal in
einer neuen deutsch - engli=
suchen Schule nach Hause gebracht
und mir damit eine sehr große
Freude bereitet, denn es war
vortrefflich. Sie hat in diesem
Jahre rechte Fortschritte gemacht
und liest jetzt ihre englischen
Unterhaltungsbücher ebenso geläufig,
wie ihre Rosa von Tannenburg,
Ostereier, oder Robinson. Auch
in der deutschen Rechtschreibung
ist sie so weit, wie man es
von einem Kinde ihres
Alters nur erwarten darf; bloß
mit der Zeichensetzung lebt sie auf sehr
gespannten Fuße, wie Dir auch der
Brief zeigt. Ihr englisch schreiben
ist schon recht gut und ebenso macht
sie in der bekanntlich sehr schwierigen
englischen Orthographie gute Fortschritte. Be=
sonders freut mich, daß sie mit großer
Vorliebe ihre Gedanken schriftlich und ganz
selbstständig auszudrücken liebt. Bei jeder
Gelegenheit schreibt sie mir deutsche oder englische
Briefe, oft von der drolligsten Naivetät;
auch hat sie sich schon an kleinen Erzählun=
gen versucht, die natürlich nur unbe=
wußte Erinnerungen an Gelesenes sind,
doch immerhin selbstständig geordnet und
aneinander gereiht. Bei der Entwickelung
ihres Charakters geht eine überaus zärtliche
Liebe zu mir mit ziemlich kräftigem
eigenem Willen Hand in Hand.
Mit freundlichem Gruße
Dein
[roman:] Hermann Raster [/roman]
[text at margin of page 1:] Nachschrift, 22. April. Mathildes Krankheit ist Gottlob nur die Masern und in so heftiger Form sie auch aufgetreten sind, ist doch jetzt bereits alle Gefahr verschwunden. Übermorgen soll sie schon das Bett verlassen. [/text at margin of page 1]