New York, 9. August 1861
Liebe Schwester
Gerade an dem Tage, wo Du Deinen lezten Brief an mich geschrieben (24. Juni) saß ich am Krankenbette meiner Frau, stündlich ihren Tod erwartend. Um die Zeit, wo ich den Brief erhielt, war wie= der eine verhältnißmäßige Besserung ein= getreten aber nur auf wenige Tage. Die Ärmste schleppt sich nun, von zwei Ärzten (natürlich ohne daß sie es weiß) zum Tode verurtheilt, fortwährend mit Hoff= nung sich tragend, zum Skelett ab= gemagert, unfähig ein lautes Wort zu sprechen, langsam ihrem Ende entgegen. Wie lange sie sich noch zu quälen haben wird, läßt sich nicht sagen, da ihre Constitution einen hartnäckigen
Widerstand gegen die tückische Krankheit
zu leisten scheint. Der Arzt meint, achsel=
zuckend: " Vielleicht noch einige Monate."
Indessen hoffe ich, daß er sich irrt; vor
drei Jahren sprach ihr auch schon einmal ein
sehr schlechter Arzt daß Leben ab u. wenn
er Recht gehabt hätte, würde sie schon seit
Frühjahr 1859 im Grabe liegen. Aber
daß sie überhaupt noch zu retten sei, das
kann ich leider selbst nicht mehr hoffen,
höchstens einen Aufschub.
Was soll ich Dir unter solchen Umständen
über unser häusliches Leben sagen? Es ist
gestört. Ich wechsle nur zwischen Büreau
u. dem meinem Arbeitszimmer ab, in
welchem wir meiner Frau ein Bette
aufgeschlagen haben, damit ich, wenn ich
zu arbeiten habe, stets bei ihr sein kann.
Ein junges Mädchen versieht, während
ich im Geschäft bin, die [?]leistung für
die Kranke u. besorgt die nothwendigste
Wäscherei. Die Großmutter führt die
Wirthschaft fort: - in welcher Stimmung
und mit welcher Lust, kannst Du Dir denken. Ma=
thilde ist den ganzen Tag mit den Kindern
der Nachbarsleute beschäftigt, u. da ist es noch
wenigstens ein Glück, daß wir in einer
guten u. anständigen Nachbarschaft wohnen.
Bei alle dem ist das natürlich keine rechte
Beziehung, ich weiß es wohl; aber wie kann
ich es ändern? Arbeiten muß ich jetzt mehr
als je, um durch Honorare von Europa den
durch unsern Kriegs[läufe?] bedingten immer
merklicher werdenden Ausfall an meinen
sauren Einnahmen (auf dem Papier vermin=
dern sie sich nicht) u. die sehr großen Ausgaben,
welche Berthas Krankheit verursacht, zu decken. Seit
fast 2 Monaten nährt sich die Kranke fast
nur von Früchten u. die kosten, da ich ihr
stets die besten Sorten nach Hause bringe, sehr
viel. Ich glaube, daß ich in dieser Zeit für
Weintrauben, Bananen, Pfirsiche, Himbeeren,
Erdbeeren ,, 20 - 30 [rt?] verausgabt habe. - Wenn
es nur hülfe, dürfte es zehnmal so viel sein.
Deine Besorgnisse, daß der Krieg uns hier in New York unmittelbar berühre, sind unbegründet. Wer
spüren ihn nur in der Tasche. Erst wenn Du
hörst, daß England Partei für die Sklavenhalter
nimmt u. Krieg an die Ver. Staaten erklärt, darfst
Du annehmen, daß wir hier in New York nicht auf
Rosen gebettet sein würden, denn dies würde wohl
die erste Stadt sein, die England zu occupiren
versuchen würde. Dann wäre es auch möglich, daß
ich selbst mit zur Flinte greifen müßte.
Aber auch sonst, - wenn Bertha mir stirbt,
weiß ich nicht, ob es nicht am besten für mich
wäre, Mathilde nach Deutschland zu schicken und
als Volontär den Krieg mitzumachen. Die Lebensver=
sicherungsgesellschaften nehmen Kriegsprämien an und
so würde, wenn ich fiele, für Mathilde gesorgt sein.
Freilich, ehe es so weit kommt, können die Kriegsver=
hältnisse sic sich so gestalten, daß es sich nicht mehr
der Mühe lohnt.
Wärst Du vor Jahren schon hierhergekommen, stünde es Alles anders. Wir bildeten dann zusammen eine Familie, die auch durch den Tod meiner Frau, so schmerzlich er wäre, nicht aufgelöst würde u. die Tochter Deines Bruders würde Dir ebenso Tochter geworden sein, wie die der Schwester. - Nun, es hat nicht sein sollen. Wie die Dinge im Augenblick stehen, wäre es gewissenlos von mir, meine Einladung zu wiederholen, denn zur bloßen Krankenpflegerin ist mir meine Schwester zu gut. Anders wäre es gewesen, wenn Dir erst durch jahrelanges Zusammenleben Bertha zur Schwester geworden wäre.
Der Auftrag von [B. Wolf?] hat sich schon erledigt, da [?] die Nachricht vom Tod seiner Mutter erhalten hat. Er war Fourier in einem Regimente, dessen Dienstzeit jetzt abgelaufen ist. Was der Schlingel nun treibt, weiß ich nicht. - Bückner hat sich über den Zettel von Frau Falkner sehr gefreut. Beste Grüße an Alle von Deinem [roman:] Hermann [/roman]