New York, 17. Mai 1861
Liebe Schwester
Meinen herzlichen Glückwunsch zu deinem bevorstenden Geburtstag zuvor. [er gratuliert im Voraus] Es ist fast ein halbes Jahr, seit ich Nichts von Dir gehört habe, so daß ich glauben möchte, Du hättest meinen Brief vom 4. Januar nicht erhalten, oder es sei Dir Etwas passiert. Hoffent- lich bist Du nicht krank? Uns hat das Jahr 1861 vielerlei Trübsal gebracht. Bald nach Neujahr ist Bertha wieder krank geworden und siecht seitdem, ein wahres Jammerbild, dahin. Ihr Zustand hat so oft gewechselt, daß es unmöglich ist, irgend eine bestimmte Vermuthung über den Ausgang anzustellen. Kann sein, daß sie sich wieder erholt und einige Jahre mehr eines unter solchen Umständen für sie freudelosen Daseins hinschleppte, nicht bettlägerig krank, aber noch weniger gesund. Möglich aber auch, daß sie mir in nicht ferner Zeit durch den Tod ent-
rissen wird. Sie selbst glaubt an das letztere
und der Trübsinn, den es ihr bereitet ver-
schlimmert ihren Zustand nur noch mehr.
Wie ich den schrecklichen Verlust ertragen,
welches Aussehen danach mein häusliches Leben
gewinnen würde, das mag ich gar nicht,
mir klar zu machen. Meine ganze hiesige
Existenz ist so mit dem Zusammenleben mit
meiner Frau verwachsen, daß bei den bloßen
Gedanken an das Aufhören desselben alle mei-
ne Vorstellungen in einen unentwirrbaren
Knäul zusammenlaufen. Das Schrecklichste dabei
ist mir, daß ich wahrscheinlich gezwungen sein
würde, Mathilde schon im zartesten Alter in
eine Pension zu geben und so thatsächlich zu
einer Weise zu machen, denn mich selbst
ihrer Erziehung zu widmen gestatten weder
die Umstände, noch habe ich dazu den Sinn.
Es hat nicht fehlen können, daß der traurige
Zustand meiner Frau auch bei mir eine
anhaltend düstere, reizbare Stimmung erzeugt
hat, die weit entfernt von der ruhigen und
ungetrübten Gemüthsverfassung ist, welche
zur erfolgreichen Erziehung eines Kindes
gehört. Ohnehin ist meine fortwährend gei-
stige Beschäftigung und die unmittelbare An-
theilnahme an den aufregendsten öffentlichen
Angelegenheiten nicht geeignet, mir eine behag-
liche Muße zu gewähren. Ich habe schon recht
viele weiße Haare auf meinem Schädl
gefunden, - zu viel, um sie noch einzeln ausraufen
zu können.
Nun kommt noch dazu, daß die äußern Verhält-
nisse des Landes in hohem Grad trüb u. düster
sind. Davon, daß die Sklavenhalter in den
No (?) Staaten eine Revolution gegen den recht-
mäßig erwählten Präsidenten Lincoln gemacht
haben, daß diese Revolution der Hälfte des
Landes, welches fast so groß ist, wie Europa
umfaßt und ein furchtbarer Krieg dagegen
im Beginn ist, wird wohl sogar die Zerbster [Zeitung der Ortschaft Zerbst]
Extrapost Mitteilung gemacht haben. Aber davon,
wie tief dieser Krieg in alle Erwerbs- und
Verkehrsverhältnisse eingreift, wird man sich
aus solchen dürftigen Mitheilungen keine Vor-
stellung machen können. Hunderttausend von
Menschen sehen ihre Erwerbstätigkeit abgeschnitten; alle
Geld- u. Creditverhältnisse gerathen in die grenzenloseste
Verwirrung. Auch auf die Zeitungen, deren finan-
zielle Existenz hier größtentheils auf die beständigen
Inserate basiert ist, üben diese Verhältnisse einen
sehr nachtheiligen Einfluß, denn da alle Geschäfte stocken,
bleiben auch die Inserate aus. Für jetzt habe ich davon
noch nicht weiter zu leiden gehabt, als daß ich einen
Teil meines Gehalts einstweilen bei dem Heraus-
geber habe stehen lassen müssen, doch nicht in solchen
Maße, daß es mich genieren [ggf. ist gemeint "belästigen"] würde, wenn diese Zu-
stände wenigstens bald wieder aufhörten. Unter anderen
Umständen würde ich mir sehr wenig daraus machen,
aber da es mit meinen häuslichen Bekümmernissen
zusammentrifft, trägt es doch auch das seinige zur
Verdüsterung der Stimmung bei.
Nun, es muß eben getragen werden, kom-
me, wie es wolle.
Es war mir Bedürfnis, Dir ebenso-wohl von
dem Kummer, der mich jetzt bedrängt, Mittheilung zu machen,
wie ich Dir bisher fast durchweg nur Erfreuliches
mitzutheilen hatte. Außer den Meinigen hier steht mir zu doch
auf der ganzen weiten Welt Niemand so nahe, wie Du.
Herzliche Grüße von Bertha, Mathilde u. der "Großmutter" an dich
dem Schwager u. Marie. Und laß bald einmal von Dir hören Deinen Bruder
H. Raster