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Hermann Raster to Sophie Raster, January 3, 1861

Hermann Raster to Sophie Raster, January 3, 1861, p. 1
Hermann Raster to Sophie Raster, January 3, 1861, p. 2
Hermann Raster to Sophie Raster, January 3, 1861, p. 3
Hermann Raster to Sophie Raster, January 3, 1861, p. 4

Author

Hermann Raster

Recipient

Sophie Raster

Date

January 3, 1861

Origin

Brooklyn, N.Y.

Destination

Zerbst, Anhalt

Description

Letter from Hermann Raster to his sister, Sophie Raster, January 3, 1861.

Type

letter

Language

German

Tags

1860-1869, transcription under review

Source

Hermann Raster Papers

Collection

Raster Family Letters

Repository

Newberry Library

Citation

“Hermann Raster to Sophie Raster, January 3, 1861.” Hermann Raster Papers, Newberry Library, accessed from German Heritage in Letters, March 12, 2026, https://germanletters.org/items/show/1546

Original text

Brooklyn (New York), 3. Januar 1861

Liebe Schwester

In allen Dingen Dir u. allen Lieben ein fröhlich Neujahr. Du erhältst die Gratulation etwas spät, doch kaum so spät, als zuweilen der Stadtmusikus Braun (der, wenn er nicht gestorben ist, es wohl heute noch ebenso treibt) die seinige blies.

Sodann meinen u. unser Aller herzlichsten, innigsten Dank für das liebe Weih= nachtsgeschenk. Als solches kam es uns in der That zu. Deinen Brief hatte ich bereits am 17. Dezember erhalten, das Paket aber ward mir gerade am 24. auf meine Expedition gebracht. Ich ließ es versiegelt u. verschlossen u. nahm es am Nachmittag mit nach Hause, wo es dann am Abend beim Kerzenglanz des riesigen Zuckerbaums unter allgemei= nem Jubel geöffnet ward. Zum erstenmale also seit fast 10 Jahren sah ich da wieder Dein liebes Gesicht, daß ich so oft geküsst habe, als Du noch nicht größer u. älter warst, wie meine Mathilde. Ich finde fast gar keine Veränderung, nicht in den Zügen, nicht einmal im Ausdruck. - Mich dünkt, Du habest gerade so ausgesehen, als ich im Mai 1851 Dich zum letztenmale sah. Nach diesem Bild zu urtheilen hat es mit den Befürchtungen, die Du vor einigen Jahren um Deine Gesundheit hegtest, Nichts auf sich. Dein Bildniß hängt nun im dicken vergoldeten Rahmen in unserm "Parlor" (Putzstube nennt man es ja wohl), wo Du selbst es hoffentlich in nicht allzu ferner Zeit sehen wirst. Was soll ich aber zu Marie sagen? Das ist ja ein gutes, stattliches Mädchen, die, wenn sie Amerikanerin wäre, bald ans Heirathen denken würde! Ich habe mir unter ihr immer ein Kind, nicht viel größer als Mathilde, vorgestellt. Und wie hübsch sie ist. Zwar ihr selbst brauchst Du das nicht zu sagen, den sie wird es am Spiegel zeitig genug lernen. Aber wir sind in der That Alle da überrascht gewesen und mit unserm Urtheil stimmt das unserer Freunde überein. Ich finde, daß M sie an Stirn, Augen u. Nase große Ähnlichkeit mit ihrer Mutter hat, die untere Gesichtspartie hat sie wohl mehr von ihrem Vater. - Ich muß nun nächstens einmal, wenn ich eine Stunde Zeit habe (es geschieht selten genug) Ma= thilden wieder photographiren lassen, damit Du Vergleichungen mit ihrem frühern Bild an= stellen kannst. Hinter Marie steht sie freilich in jeder Beziehung zurück. Auch an Klugheit, Lernbegierde u. Artigkeit, wie ich vermute. Denn die dreifache Erziehung nach dreierlei verschiedenen Systemen hat aus ihr den wildesten, ungezogensten, trotz= köpfigsten u. leichtsinnigsten kleinen Racker gemacht, den ich je gesehen habe. Von Lernen ist schon gar keine Rede mehr bei ihr. Aus der Schule habe ich sie fürerst wieder heraus genommen, da sie doch am Ende noch zu klein ist, um sich zu [versitzen?] u. am Ende, wenn ihr Körper auch kräftiger entwickelt ist, die Anfangsgründe rasch nachgeholt werden

Für jetzt trägt sie mir - denn sie läßt sichs nicht nehmen, mir beim Schreiben über die Achseln zu sehen u. mich am Ellbogen zu stoßen - auf, Marie ihren besten Dank für


das schöne Geschenk auszusprechen, das sie mit großem Stolze ihren amerikanischen Schulge= fährtinnen gezeigt hat u. fortwährend am Halse tragen würde, wenn ihre Mutter es litte. Denn noch ist Mathilde in dem Alter, wo man Nichts recht gemacht, wenn man es nicht zerbricht, oder zerstört. Das soll allerdings mehr bei Knaben, als bei Mädchen der Fall sein, aber sie ist auch ein ganzer Junge.

Den "unbekannten Tanten", wie sie für Mathilde heißen, ebenfalls besten Dank u. den Wunsch, daß nur bald eine Gelegenheit werden möge, mich zu revanchiren. - An Fritz Halbrode, der nun wohl schon lange ehrsamer Bürger u. Meister ist, freundlichsten Gruß Wenn ich nicht schon längst einmal ein kleines Paketchen zusammengemacht habe, so liegt der Grund dafür einzig u. allein in der Überhäufung mit Geschäften. Briefe schreiben, das geht wohl, weil ich das spät am Abend zu Hause thun kann, aber zu Porträts sitzen, oder sonst in der Stadt um= herlaufen dazu fehlt es mir, namentlich In den kurzen Wintertagen völlig an Zeit. Hätte ich nur mit der Abendztg zu thun, so ginge es schon an; aber die politische Thätigkeit erheischt noch so viel Gänge, Wege, Conferenzen u.s.w., daß ich oft nicht weiß, wann wo mir der Kopf steht. Erst gegen Dunkelwerden komme ich nach Hause u. wenn ich mich dann ein halbes Stündchen aufs Sopha gestreckt habe, geht die Schreiberei wieder los. Die Sonntage aber bringe ich in ungestörter Ruhe zu Hause zu, wo wir dann nicht selten Besuch von Freunden erhalten u. uns bei einem Glase Wein unterhalten.

Doch genug davon. Du wünschest Bericht über unsre Weihnachtsfeier. Sie ist so fröhlich u. heiter ausgefallen, wie ich hier noch wenige Tage vorher nicht erwartet hatte (denn unser Land befindet sich in großer Drangsal, die auch tief ins Privatleben eingreift; die Sklavenhalter haben eine Revolution gemacht, welche den ganzen Bund der Vereinigten Staaten mit Auflösung bedroht). Das Beste war, daß wir Alle gesund u. wohl waren, - Bertha wenigstens wohler u. kräftiger als seit lange [sic]. Sie hatte einen Weihnachtsbaum nach ihrem Herzen ausgesucht, eine Edeltanne von 12, sage u. schreibe zwölf Fuß Höhe u. 4 Zoll Stamm - Durchmesser. Freilich erlebte sie die Trübsal, daß sie, da unser Zimmer nur 11 Fuß hoch sind, die Spitze abschneiden mußte. Vier Dutzend Wachslüster erleuchteten den Baum. Mathilde selbst zeigte sich ziemlich gleichgültig dagegen, da sie vor allen Dingen auf den für sie bestimmten Tisch vorstürzte. Da fand sie dann: 1) die unvermeidliche große Puppe (wohl schon die zehnte, die sie konsumirt) mit Porzellankopf, Ballkleid pp. 2) einen großen Mate= rialwaaren - Laden, ähnlich wie der, den Du vor 20 Jahren von mir erhieltst, nur dreimal so groß (Alle diese Art Sachen werden hier aus Deutschland importirt) 3) eine Eisenbahn (blecherne Locomotive, Waggons pp) 4) eine kleine Drehorgel (Schweizer Spieldose mit Kurbel zum Drehen) 5) von B. [roman:] Bückner [/roman] eine Kiste mit Meubeln für eine Puppenstube. - [roman:] Bertha [/roman] hat bekommen: 1) die so lange von ihr erwartete Nähmaschine (die einen peinlich tiefen Griff in den Geldbeutel erforderte, denn sie kostet 55 Dollars); 2) einen Elfenbein=


Fächer, 3) Drei Stück feine wollene Unterhemden. - Ihre Mutter erhielt nach ihrem eigenen ausdrücklichen Befehl, nur "nützliche Sachen", nämlich 1) einen ganz wollenen (Balmoral=) Unterrock, 2) ein Paar warme gefütterte Halbstiefeln, 3) drei Hausschürzen. - Endlich ich selbst bekam mein gewöhnliches Deputat, ein schwarzseidenes Passtuch u. drei buntseidene Taschentücher (von welch letztern ich, als Tabakschnupfer - wenn auch nur ein mäßiger - peinlich viel aufbrauche). - Uns Allen zusammen hatte ich dann noch zu Weihnachten eine besonders stattliche Gans beschert, die gerupft 17 1/2 Pfund wog u. ca 5 Pfund Fett gab. Die verzehrten wir am 1. Feiertage in fröhlicher Gesellschaft, bestehend aus zwei uns be= freundeten Familien u. Bückner. Es ging da gar lustig zu. Wie gern hätte ich Dich dabei gehabt. Wir waren eigentlich nur 3 1/2 Weintrinker - die Frauen behalfen sich mit milderm Stoff - , doch wurden 8 Flaschen feurigen Ungarweins leer, von der statt= lichen Gans blieb nur ein sehr schäbiger Rest u. zwei Berge Pfannkuchen, die [roman:] Bertha [/roman] ge= backen hatte, verschwanden: Ich will nicht leugnen, daß mir am andern Tage das Arbeiten ein wenig schwerer, als sonst, ward.

Den Sylvester Abend brachten wir bei einer der beiden Familien zu, die wir am Weihnachtstage zu Gaste hatten. Das neue Jahr ward nach Gebühr durch Gläserklingen eingelautet [sic] u. dabei der Lieben daheim gedacht, die um diese Zeit sich vielleicht eben zum Aufstehen anschickten. - Heute erhielt ich nachträglich eine eigenthümliche Neujahrsgratulation, die mich vital machen könnte, wenn ich dazu Anlage hätte. Mit einer Couvrarsendung von 60 Doll. von der Allgem. Zeitung erhielt ich eine Zuschrift des Baron Cotta, worin er mir anzeigt, daß er für meine Artikel das Honorar auf 10 f Gulden [?] per Druckbogen höher, als das bisher an Mitarbeiter der Zeitung gezahlte höchste Honorar angesetzt habe, nämlich auf 100 Gulden (40 Doll.) für den Druckbogen (5 1/4 Kreuzer oder 1 1/2 Silbergroschen für die Zeile). Bisher hatte ich nach einem vor vier fünf Jahren geschlossenen Abkommen, auf dessen Abänderung ich angetragen hatte, ohne jedoch eine bestimmte Forderung zu stellen, meine Beiträge per Brief honorirt bekommen, was nur etwa 60 - 70 Gulden per Bogen ausmachte. - Im Ganzen ist die Sache nicht bedeutend, aber da die halbjährlichen Honorarsendungen immer auf freiem Brett kommen, sind sie mir für größere Ausgaben immer sehr gelegen.

Überhaupt ist das Jahr 1860 in finanzieller Beziehung ein recht glückliches für mich gewesen. Meine baaren Einnahmen, einige in die ersten Tage des neuen Jahrs überlaufenden Rück= stände umgerechnet, haben sich vom 1. Jan. bis 31. Dez. auf 1783 Doll. belaufen (wobei 1030 von der Abendzeitung, 163 von der N.Y. Handelszeitung, 116 von der Nationalzeitung, 112 von der Allgem. Ztg., 150 für politische Broschüren, Reden pp 135 für Übersetzungen, englische Artikel pp. der Rest Zinsen) die Ausgaben auf 1611 Doll., wobei für Hauseinrichtung, Teppiche pp 240, Lebensversicherung 73, Klei= der u. Wäsche 180, Ärzte u. Apotheker 56, Kohlen u. Holz 42, Wirthschaftsgeld 460, Miethe, Hypothek= zins pp 166, Weihnachten 86 u.s.w.

Das bringt mich auf das Consul - Kapitel. Vor vier Jahren, liebe Sophie, war es mein


sehnlichster Wunsch, ein Consulat in Deutschland zu erhalten, und wäre damals der Republikaner Fremont zum Präsidenten gewählt worden, mit dem ich persönlich in naher Beziehung stand, so hätte ich auch die Auswahl gehabt. (Vielleicht ist aus einer hierauf bezüglichen Äußerung in einem Briefe irgend eines Zerbsters daß von Dir erwähnte Gemüth entstanden). Allein je= ner Wunsch hat sich ganz verloren, und weiter weit entfernt mich jetzt um ein deut= sches Consulat zu bewerben [insertion:] (meine Partei hat nämlich diesmal bei der Präsidentenwahl gesiegt) [/insertion], würde ich es nicht einmal annehmen, wenn man mir es an= böte. Warum? Sehr einfach; weil es keine pekuniäre Verbesserung, sondern eine Verschlechterung sein würde. Die besten amerikanischen Consulate in Deutschland haben nur 2000 bis 2500 Doll. Gehalt. Wie weit reicht man damit als Consul, wo man durch seine Stellung genöthigt ist, einigermaßen ein Haus zu machen? Ja, wenn diese Ämter lebenslänglich wären! Aber die Anstellungen sind nur auf 4 Jahre u. werden, wenn nach Ablauf dieser Zeit eine andere Partei siegt, gar nicht, aber auch im umgekehrten Falle nur sehr selten auf weitere 4 Jahre erneuert. Nun denke Dir, was allein die Haus - Einrichtung kostet! Dabei allein schon würde von meinem kleinen Vermögen wenig übrig bleiben. Auf jeden Fall stehe ich hier, wo ich mich nun eingewohnt u. eingelebt habe, wo meine eigentliche Heimath ist, mit 1800 Doll. viel besser, wie als Consul in Frankfurt mit 2500. Und überdies hoffe ich auch meine hiesige Einnahme jedenfalls noch vor Ablauf von 4 Jahren auf 2000 D. zu bringen. - Zu alle dem kommt noch, daß ich zu einem dauernden, mehrjährigen Aufenthalte in Deutschland gar keine Lust habe. Mein Heimweh nach Amerika würde weit stärker sei , als es das nach Deutschland je gewesen. Einen Besuch von wenigen Monaten, - [roman:] à la bonne heure [/roman], den möchte ich gleich machen, aber wieder drüben wohnen? - Nein. Es giebt noch einen andern Grund, der mich abhält, ein Amt zu begehen, doch den wird man in Deutschland kaum begreifen. Es ist nämlich hier gerade das umgekehrte Verhältniß von dem dort bestehenden: - öffentliche Ämter zu bekleiden gilt nicht für anständig, weil nur zu oft das elendste Lumpenpack in Ämtern ist u. kein Mensch, der Etwas auf seinen guten Namen hält, gern damit verwechselt sein will. Gerade nach [insertion:] (Süd=) [/insertion] Deutschland sind vom jetzigen Präsidenten so jämmerliche Hallunken als Consule geschickt worden, daß man wohl Anstand nehmen muß, sich in die Kategorie solcher Leute stellen zu lassen.

Wie es mit Berthas Plan einer Reise nach Deutschland werden wird, weiß ich noch nicht. Sie scheint, seit sie sich wieder wohler fühlt, alle Lust dazu verloren zu haben, spricht wenig= stens nie davon. Im jetzigen Augenblicke ist sie viel zu sehr auf ihre Nähmaschine erpicht, um einen bestimmten Beschluß zu fassen. Ich le Es hängt lediglich von ihr ab, ob sie die Reise machen will. Entschließt sie sich erst einmal fest dazu, so können die Vorbereitungen in 3 Tagen gemacht sein.

In Sachen der Rathmann habe habe ich zwar an Hans die gewünschten Mittheilungen gemacht (er leugnete aufs bestimmteste, daß Etwas daran sei), aber der Mann kann nicht leicht Etwas davon erfahren, da er mit seiner Frau in Bloomington bei Chicago (über 200 deutsche Meilen von hier) wohnt. - Für Deine Mittheilungen in Sachen Bückner, die nur zur Beruhigung gereicht haben, meinen besten Dank. - Dem Lage= mann, von dem ich Dir schrieb, geht es hier hundsschlecht. Er läuft mit einem Korbe umher u. trägt Bohnen, Erbsen u. Linsen hausiren. - Tausend freundliche Grüße von uns Allen an Dich, Marie, Deine Freun= dinnen u. den Schwager. Dein Hermann


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