[page 1 (sheet 1, right-hand side):]
N.Y. 142 E. 18th St. Dec. 27, 1876.
Meine liebste Mutter! Von Tag zu Tag habe ich seit voriger Woche diesen Brief verschoben um dir mit ihm die Nachricht von der glücklichen Ankunft des Weihnachtsgeschenks senden zu können, doch muss sich die Ab=schickung desselben wohl in Hamburg verspätet haben, denn weder "Gellert" noch "Pommerania" haben es mitgebracht. Die letztere traf am Sonnabend im Hafen ein u. gestern (Dienstag) frug B. sowohl bei den Expreß Agenten Richard & Boas, als auf dem Hauptpostamt nach der Sendung an, erhielt aber Bescheid, daß nichts an unsere Adresse mitgekommen sei. Wir müssen uns demnach gedul=den bis zur Ankunft des nächsten Dampfers. Einstweilen aber freuen wir uns erwartungsvoll der uns von dir versprochenen schönen Geschenke. Lilian besonders sieht ihrem Weihnachts=geschenk mit großer Spannung ent=gegen. Wir haben das Fest sehr still ver=lebt. Am h. Abend beschenkten wir ein=ander, aber ohne Baum. Lilian ist doch schon zu erwachsen um sich viel aus einem solchen zu machen, u. so mochte ich mir die Mühe einen herzurichten, nicht geben. Ich hatte Lilian's Geschenke, die natürlich die Hauptsache waren, hübsch aufge=stellt u. wir zündeten sämmtliches Gas an, so daß es sehr hell im Zimmer war. L. war sehr vergnügt über das was sie bekam. Ich gab B. eine Zigar=
[page 2 (sheet 2, left-hand side):]
renspitze von Meerschaum und ein Tintenfaß u. er gab mir ein paar sehr schöne email= lirte Manschettenknöpfe u. einen Wechsel auf fünfzig Dollars! Nun muß ich Dir aber auch sagen, daß ich in den nächsten Tagen einen schönen kleinen Schrank erwarte, den ich zum Theil Dir u. zum Theil B. verdanke. Ich habe mir ihn neulich bestellt u. dabei ein wenig mit auf die 20 [illegible] spekulirt, die Du mir zu Weihnachten schicken wirst. Diese und mein Geburtstagsgeschenk von Dir und ein Geldgeschenk, das B. mir zum Ge=burtstag gab, sollten die Kosten decken. Ich habe den Plan dazu selber entworfen u. erwarte ich daß er sehr schön ausfällt. Der obere Theil ist ein Glasschrank u. soll meine werthvollen Stücke von Porze=llan u. Glas aufnehmen; der untere Theil aber hat feste Thüren u. ist für unsere großen Albums u. illustrirten Werke bestimmt. Dazwischen sind 2 kleine Schubladen nebeneinander für Autogra=phen u. dergl. u. eine Platte zum Heraus=schieben, um die Albums darauf öffnen und besehen zu können. Das Material zum Schrank ist amerik. Wall=nußholz mit eingelegten Porzellanziegeln; d. h. diese letzteren bilden ein Fries oben u. unten um den Schrank herum u. sind als je zwei viereckige Tafeln in die beiden Thürflügel des untern Theiles eingelassen. Diese vier Tafeln sind blau, gelb u. weiss in Farbe u. illustriren die Mythe von Venus u. Adonis. Der Fries hat ausser diesen 3 Farben noch ein warmes dunkles Braun. B. und ich haben die Ziegeln selber in einem en Gros Waarenlager
[page 3 (sheet 2, right-hand side):]
ausgesucht und nicht mehr als 15 Dollars dafür gezahlt. Was gäbe ich darum wenn Du das Stück sehen könntest nachdem es in meinem Parlor steht!
Wir haben übrigens auch recht Wehes zu Weihnachten in Gedanken gehabt. Ich schrieb dir vor kurzem, daß Mary Sickels gestorben sei. Letzte Woche, gerade 5 Wochen darauf, ist auch ihre Mutter gestorben u. so sind von einer Familie von Vieren, nur noch zwei vorhanden, der Vater u. die arme 18jährige Rosie. Mrs Sickels legte sich zu gleicher Zeit mit Mary u. endete fast unter ganz gleichen Umständen wie unser lieber, längst verblichener Edward. Das Unglück dieser bis dahin so durchaus glücklichen Familie, hat uns tief erschüttert. Sie waren nicht nur unsere nächsten Nachbarn, sondern auch dieje= nigen Verwandten mit denen wir, außer den nächsten Familiengliedern in nahem und vertrautem Verkehr standen.
Drei Tage vor Weihnachten kam Lilian zu uns in die Ferien. Sie sieht recht wohl aus u. ist froh bei uns u. ihren hiesigen jungen Freunden eine Zeitlang sein zu können. Die Zeit der Ferien wird nur allzu rasch verfliegen, zumal so viel als möglich vorgenommen werden soll. Gegenwärtig ist sie auf zwei Tage bei ihrer Freundin Julia Vaux, die außer=halb N.Y. wohnt. Dann bringt sie diese mit zu uns auf ein paar Tage und so löst eins immer das andere ab.
Für Deine beiden lieben Briefe vom 20. u. 28. Nov. sage ich Dir den besten Dank. Dem letzteren sah ich es an, wie sehr Du dich über deren Sendung an ans abgemüht hattest, u. that es mir so innig leid. Wie lieb u. gut von Dir, liebste Mutter, daß Du bei
[page 4 (sheet 1, left-hand side):]
Deinem Körperleiden u. Deiner Schwäche auch noch mit Deinen eigenen Händen etwas für uns gearbeitet hast u. hoffe ich nur, daß Du Dich nicht darüber krank gemacht hast. Ich sorge mich ja ohnehin beständig um Dich u. möchte so gern etwas zu Deinem Trost u. Deiner Bequemlichkeit u. Erquickung thun, - wenn das nur bei solcher Entfernung ginge! Hans u. die Kinder sind hoffentlich längst wieder von ihren Erkältungen hergestellt. Über die guten Nachrichten die Du mir über die geistige Entwicklung der Kinder mittheiltest, freue ich mich sehr. Wohl wünsche auch ich, dass ich sie mitunter sehen könnte! - Für den schönen Zweig von des lieben Vaters Grab, herzlichen Dank. Ich habe ihn auf Papier befestigt um ihn sicher aufzubewahren. Er ist mir viel werth. Neulich fand ich eine ehrenvolle Erwähnung des Vaters in einer hiesigen Zeitung in Bezug auf Deine Schenkung der [illegible] an die Astronom. Gesellsch. u. die letzthin vorgenommene Durchsicht der Papire durch Wagner u. Scheibner. Den Tod von Wagner's Bruder hatte ich bereits aus einem Briefe von Lina W. erfahren. - Die Broschüre über die Reuleaux'sche Angelegenheit habe ich nun auch durchgesehen. Sie ist vielfach aufklärend. Reuleaux hat wohl sehr brusque u. unklug verfahren aber es scheint doch einen wunden Fleck berührt zu haben u. die allseitige Besprechung dieser Angelegenheit muß unzweifelhaft Gutes erwirken. Der Herausgeber drückt sich übrigens schmählig über Amerika, hinsichtlich der Ausstellung in seinem offenen Briefe aus u. beschimpft das Land u. Volk, wie sich herausgestellt hat, durchaus ungerechter u. unnöthiger Weise. - Meine liebste Mutter, die herzinnigsten Glückwünsche zum Neuen Jahr von uns allen drei an Dich, Hans u. die Kinder; möchtes es mit Allem ein freundliches Jahr sein! Mit innigster Liebe u. dem einstweiligen
[page 1, left margin:]
herzlichen Dank für Deine schönen, hoffentlich bald eintreffenden Gaben
Deine Tochter Marie.
[/page 1, left margin]