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N. Y. 142. E. 18th St. Oct. 20. 1876
Meine liebe Mutter!
Sollte ich diesmal keine Zeit finden, Dir ausführlich zu schreiben, so nimmst Du doch gewiß lieber mit wenigem vorlieb, als daß ich Dich über die Zeit auf einen längeren Brief warten ließ. Vor allem muß ich Dir danken für Deinen lieben langen Brief vom 26. Sept., der vor einigen Tagen eintraf u. mich, obgleich ich mir sagen konnte, daß Du gleich nach Deiner Rückkehr nicht wohl schreiben könntest, dennoch von großer Sorge befreite - das heißt, doch nur zum Theil, da du wieder einmal einmal recht entmuthigt in Bezug auf Deine Gesundheit zu sein scheinst. Da Dein Leiden meistens von den Nerven herrührt, so wäre es vielleicht die erste Bedingung für eine bei Dir einge=tretene dauernde Besserung, wenn Du selber mehr Muth hättest u. nicht von vorn herein voraussetztest, daß Du nicht wieder zu Kräften kommen kannst. In Deinen Jahren - Du bist ja noch gar nicht so alt - kann man sich wieder erholen u. noch einmal mit erneuerter Kraft dem Leben sich hingeben. Nur Muth musst Du schöpfen dazu, liebste Mutter u. Dich nicht Deinen traurigen u. trüben Gedan=ken gar zu sehr überlassen. Und gieb nur den Gedanken wieder auf
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in Hamburg - wo Du Dich so einsam fühlst - ganz u. gar Dich festzusetzen. Du musst doch auch Deinen andern Kindern etwas leben u. sie von Zeit zu Zeit besuchen - u. nach diesem ersten Versuch wird’s schon besser gehen. Wilhelm u. Ida, wenn sie Dich auch nicht verstehen u. anders sind wie andere Leute, so meinen sie es doch nicht böse, im Gegentheil habe ich keinen Zweifel, daß sie sich recht über das Zusammensein mit Dir gefreut haben. Und wenn [underline:] wir [/underline] in ein paar Jahren einmal wieder über’s Wasser kommen sollten, so hoffe ich sehr darauf, daß Du mit uns nach der Schweiz oder irgend einem herrlichen Ort, wo die Luft Dir zusagt, gehst u. wir so eine Zeitlang ungestört zusammen verleben können. Doch das ist noch weit hinaus. Du besuchst doch noch den Arzt, der Dich anfangs so gut zu behandeln schien? Ach, unterlasse doch ja nichts, liebe Mutter, was Dir Stärkung u. Kräftigung gewähren könnte, damit Du mehr Freude am Leben habest u. Du Dich unserthalben so lange als möglich erhaltst!
Wir haben die Freude Lilian über Sonntag bei uns haben zu dürfen. Sie kann seitdem ich Obiges schrieb, mit dem Nachmittagszug von
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[roman:] Po’keepsie [/roman] u. hat Erlaubniß bis Montag früh zu bleiben (heute ist Freitag). Du wirst Dir wohl denken können wie glücklich ich darüber bin (u. B. auch): es ist gleich ein ganz anderes Leben bei uns eingekehrt. Wir verdanken diesen Besuch L. selbst. Sie scheint etwas Heimweh gehabt zu haben u. bat ob sie sich nicht Erlaubniß zu diesem kleinen Besuch holen dürfe. Wir sagten natürlich gleich Ja. Sie sieht recht wohl aus u. ist sehr zufrieden mit Allem in [roman:] Vassar [/roman], mit Ausnahme des Sonntags, den sie gezwungen ist auf sogenannte fromme Weise zu verleben - im englischen Stil. Sie hat viel zu thun, das aber gefällt ihr; u. ist besonders von der Gründlichkeit des Lehrens in [roman:] Vassar [/roman] sehr befriedigt. Wir haben uns unterdessen recht gut ohne festen Dienstboten beholfen. Ich habe eine Frau per Taglohn täglich bis 2 oder 3 Uhr hier, dann aber gehen wir um 6 Uhr in eine benachbarte Restauration, wo die Küche vorzüglich ist, zum Essen. Ich würde mich auf diese Weise sogar sehr gut stehen, hätte ich nicht seit bereits 3 Wochen eine Erkältung, die mir hartnäckig anhängt, bald besser bald schlimmer wird, bald auf die eine, bald die andere Weise sich zeigt. Vorige Woche meinte ich den Keuchhusten zu haben, das ist aber nun vorbei. Heute fühle ich mich ziemlich wohl u. hoffe nun es überwunden zu
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haben. Dieses häufige Unwohlsein hat mich sehr an vielem Nöthigen, was in u. außer dem Hause zu besorgen war, verhindert u. deshalb bin ich jetzt so pressirt. Das ist auch die Ursache warum ich ver=gessen hatte bis ehegestern die [strikethrough:] V [/strikethrough] versprochenen Vogel - Perspektiven der Ausstellung zu senden. Daß Ihr die Übersetzung der Ode erhalten habt, freut mich sehr, u. daß Ihr sie zu wür=digen wisst noch mehr. Sie ist aller=dings nicht leicht zu verstehen. In der Übersetzung ist dies noch schwie=riger, da manche Stellen nicht nur nicht gut, sondern auch nicht ganz rich=tig wedergegeben sind. Die Übertra=gung mag wohl sehr schwierig gewesen sein. - Was für schlimme Nachrich=ten wir jetzt von drüben erhalten, Also Krieg soll’s geben - schon wieder Krieg! Wenn nur Deutsch=land sich nicht hinein verwickeln lässt. Auf die Geschäfte fürchte ich aber wird es so wie so einen drü=ckenden Einfluß haben, u. das ist recht betrübend, da die Zustände schon beklagenswerth genug sind. Ich muß nun aber schließen, da es die höchste Zeit zur Beförderung des Briefes ist. B. u. L. schicken beide herzlichste Grüße. An Hans u. die Kinder freundlichsten Gruß. Das nächste Mal schreibe ich mehr.
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Wir danken Dir herzlich für den übersanden Artikel aus Wien.
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Mit inniger Liebe Deine T. Marie
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