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New-York, 142. E. 18th St.
Okt. 4. 1876.
Meine liebste Mutter!
Noch weiß ich ja nicht, ob Du glücklich wieder in Hamburg eingetroffen bist, doch hoffe ich daß alles gut abgelau=fen ist u. Du jetzt der Ruhe pflegst u. an den zurückgebliebenen frohen Erinne=rungen Dich erfreust. Lilian ist nun schon fast 8 Tage in Vassar zu Hause, wo es ihr dem ersten Briefe nach sehr gut zu gefallen scheint. Sie erholte sich sehr schnell u. der Doctor erklärte schon den zweiten Tag, daß sie 3 - 4 Tage später nach Vassar gehen könnte. Wir warteten aus Vorsorge noch einen Tag länger u. dann begleitete ich sie dorthin. Ich bin recht froh nun selbst dagewesen u. mich von allem überzeugt zu haben, was von Einfluß ist. Ich darf sagen, ich bin recht befriedigt zurückgekommen. Die Anstalt ist schön, ganz im Freien gelegen, hat weite Anlagen ringsum u. genießt einer frischen u. gesunden Luft. Die Oberin hat mir außerordent=lich gefallen. Sie ist eine Dame von feinem Anstand u. einnehmendem Wesen, so recht für ihren Posten geschaffen. Sie hat für das moralische Wohl der Mädchen zu sorgen u. die Honneurs des Hauses u. der Anstalt zu machen. Ich sagte ihr: bei einer so großen Anzahl Schülerinnen wäre es wohl kaum möglich mit allen bekannt zu werden. Sie aber entgegnete, daß es doch der Fall
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sei. "Vermöge der Einzelberichte der Unter- u. Oberlehrerinnen, der Schul- u. Klassen=berichte etc. etc. gelingt es uns das Wesen, die Fähigkeiten u. den Fleiß einer jeden Schülerin ziemlich genau zu bestimmen u. zu beurtheilen." Das Ganze ist näm=lich bis ins Kleinste vortrefflich organi=sirt u. obgleich den jungen Mädchen große Selbständigkeit u. Freiheit im Thun u. Treiben gestattet wird, sind sie dennoch durch eine feste Disciplin, die so zu sagen, unsichtbar wirkt, gebunden. Ich hatte auch eine kleine Zusammenkunft mit dem Präsidenten, der mir gleich=falls sehr wohl gefiel. Er ist ein ält=licher, sehr rüstiger u. würdiger Herr, der die Bildungsanstalt im Großen u. Ganzen leitet. Er selbst giebt glaube ich keinen Unterricht, doch will ich das nicht gewiß behaupten. Die jungen Mädchen sah ich im Speisesaal an mir vorübergehen, ich begegnete ihnen in den Korridoren des Hauptge=bäudes, in den Anlagen im Freien. Sie sahen alle nett, gesund u. zufrie=den aus u. hatten ein höfliches Be=tragen. Nach dem Essen, als Lilian bereits in die Scheere genommen war (sie wurde gleich zuerst in der Botanik geprüft) besuchte ich Miss Maria Mitchell in ihrer Wohnung, die mit der kleinen Sternwarte verbun=den, abwärts am Hauptgebäude sich befindet. Ich glaube ich sagte Dir schon, daß wir sie einmal bei [?] Vary’s [/?] getroffen.
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Sie war außerordentlich freundlich u. vernünftig. Wir sprachen vom lieben Vater u. sie zeigte mir ihre Sternwar=te. Sie ist allerdings sehr klein, u. sie klagt, daß ihr kein Geld zur bessern Ausstattung bewilligt wird; doch finde ich das ganz begreiflich. Sie hat etwa ein Duzend Schülerinnen in der Sternwarte, nicht nur sie zu Astro=nomen auszubilden, sondern, wie sie sich ausdrückt, über das gewöhnliche Einerlei des Lebens u. das Gemein=plätzige, die Kurzweil der Jugend emporzuheben u. ihren Sinn auf Höheres zu stellen. Ich bekam L. nur noch kurz zu sehen, als ich fort musste, den Zug zu erwischen. Sie hatte eben in der Botanik gut bestanden. Dann kam die Prüfung in Latein (Livius u. die Oden des Horaz), in der Algebra u. Geometrie. Am dritten Tag darauf erhielten wir ein Telegramm von ihr, welches meldete, daß sie in allem [underline:] gut [/underline] bestanden, u. in der Sophomor - Klasse sich befinde! Noch muß ich Dir erzählen, daß sie auch recht nette Stubenkameradinnen hat, ihre zwei Mitschülerinnen von hier u. zwei andere, die mir [insertion:] einen [/insertion] sehr guten Eindruck gemacht haben. Sie haben zusammen ein hübsches freundliches Wohnzimmer auf zweitem Flur u. 3 damit zusammenhängende Schlafkammern. Die Trennung von dem Kind ist mir dadurch erleichtert worden, daß es ihr
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Wunsch u. Streben war in der Anstalt sich auszubilden u. daß allem An=schein nach sich dort wohlfühlen wird. Jedenfalls bekommt sie dadurch etwas Unvergängliches fürs Leben mit, das wir ihr sonst nicht hätten bieten können. Jetzt habe ich überdies so viel zu thun u. zu bewältigen, daß ich die Einsamkeit noch nicht schwer fühle; das kommt erst noch nach, wenn ich zur Ruhe ge=lange u. wenn Woche auf Woche vergeht, ohne daß ich das Kind sehe. Ich bin so lange ich schreibe vielfach unter=brochen worden, denn ich habe gerade jetzt viel auf mir liegen. Ich habe eine Frau im Hause, die die gerei=nigten Teppiche wieder legt u. alles rein macht von Grund aus. Das Logis ist diesen Sommer u. bisher arg vernachlässigt worden. Ida hat nichts abgeputzt als den obersten Schmutz. Dann soll ich für E. Lamborn eine Bonne miethen, die sie mit nach Colorado nehmen will, u. das macht mir viel zu schaffen u. ist eine gar zu große Verantwortlichkeit. Überdies ist morgen Ida’s Hochzeit, u. sie mit ihren eignen Angelegenheiten so vollauf beschäftigt, daß sie nur Zeit hat für mich das Allernötigste zu Thun. Sie hat den halben Tag schon für sich gekocht u. geschafft, denn sie besorgt das Hochzeits=essen, das in einem Abendessen besteht. Sie wird morgen Abend 8 Uhr im Hause ihrer Freundin Ottilie (die früher bei Wollf’s in Gotha war) getraut. Ihr Verlobter kommt erst morgen früh hier an. Ich habe ihr
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ein Duzend schöner gemalter Dessertteller u. in L.’s Namen 2 schöne Kuchenteller zur Hochzeit geschenkt. Sie macht mir die Trennung nicht schwer. Weil Du früher äußertest, es wäre Dir lieb wenn ich mich im Guten von ihr trennte u. auch weil ich es der Tante wegen wünschte, deshalb habe ich vieles in der letzten Zeit hingenommen u. mit Stillschweigen übergangen; heute aber musste ich doch noch einmal meine ganze Überwin=dungskraft anwenden um die Geduld nicht zu verlieren. Ich setzte nämlich diesen Vormittag Magen u. Herz eines großen Huhn’s an zu einem Gericht für unser lunch (neben kaltem Fleisch, das von gestern übrig war). Die Leber, in zwei großen Stücken, ließ ich einst=weilen, gewaschen u. gesalzen auf der Anrichte stehen, um sie im letzten Moment zu den andern zu thun. Ida sah mich das alles machen, u. ging nach einiger Zeit in eignen Angelegenheiten auf den Markt. Als ich dann in die Küche komme um mein Gericht fertig zu machen fehlt das größte u. schönste Stück der Leber u. aus dem Topfe das Herz. Sie hatte es natürlich gegessen u. uns den Magen u. das kleinste Stück der Leber zurückgelassen! + Nebenbei hat sie mich auch noch heute früh unver=schämt belogen - unverschämt weil sie wissen musste, daß ich es aus=findig machen würde. An ihr Lügen bin ich übrigens schon lange gewöhnt. Sie lügt mit der unschuldsvollsten Miene. Ich fülle nicht gern einen
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+ Ich bemerke, daß außer mir u. Ida niemand im Logis war. Die [?] Frau [/?] kam erst nachmittags.
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Brief an Dich mit so widrigen u. trivia=len Ereignissen an, aber ich glaube mir’s selber schuldig zu sein Dir einen kleinen Ein=blick in Ida’s wahren Charakter zu geben - Dir allein, denn Tante möchte ich nicht damit betrüben. Es ist mir längst zur Gewiß=heit geworden, daß sie Tante tüchtig hintergangen hat. Doch genug davon; morgen geht sie fort, wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Ich nehme vor¢ läufig kein Mädchen, da ich im Nov. wo B. abwesend sein wird, wieder nach Cedar=croft gehe. Unsere Haushaltung ist ja so außerordentlich klein u. es giebt so viele treffliche Restaurants in der Nähe, daß ich selbst Frühstück u. lunch besorgen, u. wir dann um sechs zum Essen ausge=hen können. Eine Frau, die per Tag arbeitet, kann ich ein paar Mal die Woche zum Reinemachen bekommen, die Wäsche gebe ich aus. - Gestern besuchte ich Frau Professor Joy, deren Du Dich wohl nicht entsinnst (es ist ein rasend weiter Weg bis zu ihr, in der 70. Straße). Die Arme hat eine sehr böse Zeit durchlebt. Ihr Mann liegt schon seit 12 Wochen an einer sehr gefährlichen Unterleibsentzündung u. ich glaube er ist noch immer nicht ganz außer Gefahr. - Den Kindern sende ich heut die letzte Karte u. in den nächsten Tagen die Ansicht der Ausstellung aus der Vogel=perspektive, so daß sie dann genau wissen wo u. wie die verschiedenen Gebäude stehen. Bayard lässt herzlichst grüßen. Er ist wieder viel frischer u. arbeitstüchtiger. Seit Okt. 1. erhält er Zulage an seinem Gehalt bei der Tribune wodurch die Stelle ihm nahe an 5,000 Dollars jährlich einbringt. Nun aber muß ich rasch mit freundlichsten Grüßen an Hans u. die lieben Kleinen schließen.
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Erhielte ich doch bald recht gute Nachricht von Dir! Deine Dich liebende
Marie.
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