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New-York, 142. E. 18th St.
30. August 1876
Meine liebste Mutter!
Du wirst Dich hoffentlich nicht ängstigen weil diesmal mein Brief eine Woche später eintrifft. Ich verschiebe ungern meinen Brief an Dich, vorige Woche aber war die letzte die wir in Cedarcroft zubrachten u. des=halb gab es wo vielerlei mich zu thun u. zu besorgen, daß die Zeit verging ehe ich es wusste u. es zu spät war für die überseeische Post. Wir trafen gestern (Dienstag) wieder hier ein u. befinden uns noch in einem ungemüthlichen Zustand des Erst-halb-ausgepacktseins. Wir hatten beabsichtigt schon vor 8 Tagen hierher zurückzukehren, allein ich war einige Tage zuvor nicht wohl gewesen, dazu war es auch wieder so heiß ge=worden, daß ich zur bestimmten Zeit nicht bereit sein konnte. B. ging daher noch einmal allein nach N. Y. u. kam Freitag Abend wieder zu uns um uns diesmal wirklich mit zu nehmen. Ich ging theils gern, theils widerstrebend von dort weg. Gern weil ich mich wohl in unserm eigenen Heim fühle, widerstrebend weil mir die köst=liche Luft, die trotz der Hitze des Tages früh u. Abend dort labt, so wohl that u. ich den schönen Blick ins Grüne hier entbehren muß. Wie aber konnte ich B. länger hier allein lassen! Er hat es überdies diesen Sommer über besonders schwer gehabt. Seine sogenann=te Ferienzeit ist auf 10 Tage herunter=gekommen u. 4 Tage davon hat
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er in Phila. auf der Ausstellung zubrin=gen u. dann die übrige Zeit darüber für die Zeitung schreiben müssen: - von freier Zeit also oder Ausruhen war gar nicht die Rede. Auch fehlte es ihm doch sehr, daß er seit Anfang Juli seine Mahlzeiten nicht in aller Ruhe zu Hause haben konnte. Es schmeckte ihm nicht was er sich in den Restaurationen bestellte u. er verlor zuletzt den Appetit u. zeigte andere Symptome, die nicht in Ordnung waren. Es war daher hohe Zeit für mich zurückzukommen u. ihm das Leben wieder angenehmer zu machen. Ich sehe jetzt erst wie viel er entbehrt hat. Ida ist vor ein paar Tagen von [?] Waterville [/?] zurückgekehrt u. wird Anfang Oktober Hochzeit haben. Ich hatte mir immer ge=dacht, daß es so kommen würde; ich bin daher nicht eben überrascht, u. eigentlich ist es mir so ganz recht, denn sie hat doch kein Interesse mehr für ihre Ar=beit hier u. ich würde ohne Zweifel diesen Winter viel zu ertragen haben. L. hat [insertion:] eben [/insertion] einen tüchtigen Schnupfen gehabt, sonst geht es ihr gut. Wir sind Alle höchlich erstaunt über Lina’s Verlobung, von der Dein gestern Abend eingetroffe=ner, lieber Brief uns Nachricht giebt. Wir wünschen ihr herzlich Glück dazu. Auf den ersten Augenblick ging es mir auch wie Dir: - ich wüsste auch nicht ob es ein Ereigniß war über das man sich freuen durfte, oder nicht. Lina ist noch gar zu jung u. unerfahren, doch schlägt sie nicht aus der Art: sie folgt dem Beispiel der Mama u. Großmama
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u. die müssen ihr recht geben, da sie beide nicht bereut haben, was sie so früh auf sich genommen. Sobald wir ein bischen in Ordnung sind werden wir an sie schreiben. L. hat ihr erst vor einigen Wochen einen Brief geschickt. Ob wohl Emma nun mit Dir zusammen in Gotha ist? Und ob sie Lina aufgebracht hat? Wie gerne wüsste ich es - u. wie gerne wäre ich auch dabei! Ich habe Dir für zwei liebe Briefe zu danken. Der vom 24. Juli kam eben als ich meinen letzten Brief an Dich abschicken wollte. Ich war so froh aus ihm zu ersehen, daß es Dir besser ging, u. obwohl Dein letzter Brief hinsichtlich Deines Befindens wieder muthloser lau=tet, so hoffe ich doch, daß Du Dich von der frischen gothaer Luft gestärkt fühlen wirst. Du hast ja bei der guten Tante Gelegenheit sie aus erster Hand zu genie=ßen. Es muß wirklich eine herrliche Wohnung geworden sein. Ich bin froh, daß Du des lieben Vaters Grab in in so gutem Zustand, so schön grün um wach=sen gefunden hast. Wie nah es Dir auch war, muß es Dir doch eine Beruhigung sein es wieder haben aufsuchen zu können. Daß Ida’s Gesundheit so schlecht ist, thut mir gar zu leid. Wie viel hätte ihr erspart bleiben können hätte sie sich damals gleich an Credé gewendet. Ich war stets überzeugt, daß irgend etwas in Unordnung sein müsste, denn solche Schwächezustände wie die ihrigen haben immer einen lokalen Grund. Die schwedische Doktorin wird sie ja hoffentlich richtig be=
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handeln, eine Besserung aber ist immer da schwieriger, wo ein solches Übel langjährig verschleppt ist. Ich ersehe das ja leider an mir, denn ich halte mich nur so lange wie ich die größte Sorge für meine Gesundheit anwand. Während dieses Monats, wo die Hitze er=träglicher war u. wir mitunter die herrlichste Luft hatten, habe ich mich übri=gens recht gekräftigt. Ich gehe hier mit dem Auspacken u. Wieder-Einrich=ten gänzlich allmälig zu werke, damit ich mich nicht übernehme. Wir brachten Freddie Carey auf 8 Tage mit hierher u. um ihn zu unterhalten haben wir heute Lorrie Stoddard herbeigeholt. Lilian bekam eben auch Besuch von einer Freundin, die ich aufgefordert zum lunch (die kalte Mit=tagsmahlzeit) zu bleiben, u. so habe ich gleich eine kleine Gesellschaft beisammen.
Ich bin so oft im Schreiben unterbrochen worden, u. es gab so vielerlei nachzusehen u. zu besorgen, daß es heute schon der dritte Tag ist, den ich auf diesen Brief verwende. So kommt er also, erst für den Hamburger Dampfer bestimmt, nun mit dem [illegible] Bremer fort. Seit unserer Ankunft am Dienstag ist die Hitze mit jedem Tag gestiegen, bis sie heute fast unerträglich scheint. Alles ist erschlafft, alles klagt. Man glaubt daß die brennenden Gehölze im Innern Pennsylvanien’s u. des Staates [roman:] New-York [/roman] (eine regelmäßig auftretende Folge großer Hitze) die dicke, träge Luft, die dunstige Atmosphäre verursachen, von der wir nun schon den 4ten Tag zu leiden haben.
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2)
Ich sehe auch aus den Zeitungsberichten wie entrüstet man in Deutschland über das Urtheil [insertion] von [/insertion] Prof. Reuleaux in Bezug auf das deutsche Exhibit der hiesigen Weltaus=stellung ist. Könnte man in Deutschland aber diesen Theil der Ausstellung sich an=sehen, so würde man dem Manne nicht so unrecht geben. Es ist eine trau=rige Thatsache, daß wir Deutschen in Amerika uns schämen müssen angesichts des deutschen Theils der Ausstel=lung. Freilich haben auch Frankreich, Schweiz u. Italien sich nicht angestrengt, aber Deutschland bleibt noch hinter ihnen zurück. Ganze Zweige der deutschen In=dustrie sind gar nicht vertreten, an=dere höchst spärlich oder schäbig u. dieje=nigen, die einen gewissen Glanz ent=wickeln, wie die Porzellanfabrik von Berlin, haben der Ausstellung ihre besten Erzeugnisse vorenthalten. Unter den Amerikanern urtheilt man ziemlich ruhig darüber; aber doch nicht ganz ohne eine gewisse Bitterkeit. Man hat es nicht der Mühe werth gehalten, heißt es, uns etwas Anständiges zu schicken; für ein halb-barbarisches Volk, für das man uns hält, ist auch Dder Ausschuß gut genug. Unter den fremden Ausstellern der herrschenden europäischen Länder, existirt, wie ich aus guter Quelle weiß, viel Beschä=mung u. Niedergeschlagenheit ange=sichts des amerikanischen Theils der Ausstellung, der reicher, ursprünglicher u. geschmackvoller ausgefallen ist, als
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man sogar hier erwartet hatte. Die europäischen Silber- u. Goldschmiede u. die schweizer Uhrmacher haben erklärt, daß sie ferner für Amerika überflüssig wären. Ganz besonders schäme ich mich in Bezug auf die deutsche Kunst. Man hat wahren Schund zur Bilderausstellung eingeschickt. Aber nicht Deutschland allein, dasselbe gilt von andern Ländern. Die Bilder aus England u. die amerikanischen übertreffen alle andern, mit Ausnahme von Mockart’s [roman:] "Katharina Cornaro", [/roman] welches von Österreich eingeschickt ist u. ein groß=artiges Kunstwerk ist. Wir waren zwei Tage nach einander kürzlich auf der Ausstellung . Es war sehr ermüdend aber recht lohnend. Der Gesammteindruck ist ein überaus schöner u. ergreifender. Für die Bequemlichkeit des Publikums u. den Verkehr zwischen den einzelnen Theilen des großen Ganzen ist auf eine nie dagewesene Weise gesorgt. L. war unermüdlich im Besehen u. wäre gar zu gern noch länger dort geblieben. Das Vergnügen ist aber ein so kostspieliges, daß wir uns davon genug einlassen mussten. Ich erwarte nächste Woche die Näherin, die mir helfen soll L.’s Garderobe in Stand zu setzen u. dann wird es nicht lange dauern, so werden wir ihre Koffer für Vassar packen müssen. Ich lege ein paar Ansichten von den Ausstellungsge=länden, die aber jetzt durch schönsten Blumenflur u. Springbrunnen verbunden sind, für die Kinder ein. Das nächste Mal schicke ich die übrigen. Grüße sie u. Hans herzlich. Ich nehme an daß Du bei Ankunft
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dieses Briefs wieder in Hamburg bist u. sende ihn dahin.
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Viele herzliche Grüße an Dich von B. u. L. Mit innigster Liebe Deine Marie.
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