Brooklyn, bei New York 17. Oktober 1861
Meine liebe Schwester
Nach Allem, was ich dir früher geschrieben habe, kann Dich
die traurige Mittheilung, welch ich Dir heute machen
muß, nicht mehr überraschen. Meine arme, unglück=
liche Frau ist, nachdem sie drei Monate lang nur noch
ein jammervolles Scheinleben geführt hatte, zu einem
vollkommenen Gerippe verfallen war u. endlich, in den letzten
Wochen, selbst jede Hoffnung auf Gesundung verloren hatte,
in der Nacht vom 13. zum 14. Oktober entschlafen, um
nicht wieder zu erwachen. Noch am 13. (Sonntag) Nachmittag
ließ sie uns alle drei an ihr Bett kommen u. reichte
uns, wie zum Abschied die Hände. Da ihre Augen
schon beinahe starr waren u. ein furchtbares Röcheln
von dem Schleim, den sie nicht mehr heraushusten konnte
das Herannahen des letzten Augenblicks anzuzeigen schien,
warf sich ihre Mutter weinend auf sie. Sie nahm
indessen noch ihre wenige Kraft zusammen, um zu
sagen: "Noch sterbe ich nicht." Gegen Abend wurde sie
unruhiger u. machte bisweilen einige Bemerkungen, die
anzeigten, daß sie zu deliriren beginne, doch gab sich das
später u. sie ließ sich, wie gewöhnlich für die Nacht
zurechtlegen. Gegen 10 Uhr nahm sie ihren gewöhnlichen
schwachen Schlaftrunke und schickte ihre Mutter, die vom
vielen Wachen sehr elend war, wie schon vor vorher
mich, zu Bette da das wenige Schritt von dem ihrigen
stand, so daß nur das Dienstmädchen noch blieb.
Ihr Zustand war im Vergleich zu dem am Nach=
mittag so viel besser, daß ich mit voller Bestimmtheit
erwartet hatte, sie werde noch einige Tage leben. Zu ihrer
Mutter sagte sie: "Geh zu Bette, ich brauche dich nicht mehr,
ich will mich jetzt fest legen." - Und sie legte sich fest für
immer. Sie schlief anscheinend sanft u. ruhig, ruhiger als sonst.
Gegen 1 Uhr glaubte das Dienstmädchen etwas stärkeres Athmen
zu hören. Als sie sich ermunterte u. ans Bett trat, hatte die
Ärmste verhaucht. In derselben Stellung, in welcher sie eingeschlafen
war, lag sie todt da.
Du weißt es, liebe Sophie, wie ich mein armes Weib geliebt
habe u. mir von dem Augenblicke an, wo ich sie kennen lernte,
mein ganzes Leben nur das Eine Ziel gehabt hat, ihr eine sorgen=
freie, bequeme Existenz zu sichern. Zu dem Ende habe ich gearbeitet
u. mich gequält, wie ein Pferd, habe ich jeden Wunsch an ihren
Augen abgelesen u. zu befriedigen gesucht, ehe sie ihn ausgesprochen.
So ist es unnütz, Dir den furchtbaren Schmerz zu schildern, den
ihr lange erwarteter u. doch noch immer viel zu früher Tod
mir bereitet hat. Für solche Schmerzen giebt es keinen Trost
u. keine Heilung als die langsame der Zeit. Und noch lange
wird es währen, ehe ich aufhören werde, jede Stunde, die ich
in meinem einsamen, nur für sie erworbenen, für
sie ausgeschmückten Hause zubringe, neue Beweise für die
Unersetzlichkeit des Verlustes zu finden, den ich durch ihr Hinscheiden er=
litten habe. Was aus meinem armen Kind werden
soll, ist weiß ich noch nicht.
Die nächste traurige Pflicht, welche Berthas Ableben mir
auferlegt hat, suche ich in einer Weise zu erfüllen, wie
sie ihren eigenen Wünschen u. Neigungen entsprochen haben
würde. Nachdem ich sie vorläufig in einem Gewölbe habe bei=
setzen lassen, habe ich auf einem der prachtvollen, parkartigen
Friedhöfe, welche eine der edelsten Zierden dieses Landes
bilden, einen Platz von 16 x 13 Fuß zu einem Familienbe=
gräbniß angekauft. Ein kräftiger junger Eichbaum u. eine
stattlich Ulme beschatten den in einem schönen Hain gele=
genen Platz. Unter ihrem [insertion:] diesem [/insertion] Laubdach, w das jetzt in der herrlichen
Färbung prangt, welche hier der Herbst den Wäldern giebt, wollen
wir Bertha am Sonntag (20. Oktober) zur ewigen Ruhe einsenken. Die
Überreste unsrer kleinen Melanie, die auf einem andern
von meinem jetzigen Hause zu weit entlegenen Friedhofe
ruhen, lasse ich ausgraben und ihnen eine Stelle neben Bertha
geben. Für ihre Mutter, mich u. Mathilde bleibt noch Raum
Im nächsten Frühjahr werde ich auf den Begräbnißplatz alle die Blumen
pflanzen, welche Bertha so sorgsam gepflegt hat, ihn mit einer
lebendigen Hecke von Cedergesträuch umgeben u. einen Ruheplatz
daraus machen, auf dem ich oft, recht oft die Erinnerung an
die zehn glücklichen Jahre meines Lebens wach rufen will. Eine
wenige Schritt von meinem Hause vorübergehende Pferdeeisenbahn
bringt mich in 40 Minuten bis an den Eingang des Friedhofs.
Das letzte Lächeln, das über Berthas Züge flog, war acht Tage vor ihrem Tode, wo ich ihr ein Anstellungspapier in die Hände gab, daß uns den etwaigen äußerlichen Schwierigkeiten, welche uns in Folge der Zerüttung aller geschäftlichen Verhältnisse und besonders des Zeitungswesens (durch den Krieg) hätten treffen können, entrückte. Ich habe Dir früher angedeutet, daß diese Verhältnisse zwar nicht meine Beschäftigung bei der Abendzeitung, wohl aber den regelmäßigen Bezug meines Gehalts unsicher machten. Seit Neu= jahr hatte ich bis jetzt von 800 Doll., die ich während dieser Zeit zu erhalten gehabt hätte, 240 schon lassen müssen. Es ward mir zwar nicht besonders unbequem, da während derselben Zeit meine Honorare von Deutschland um 180 Doll. höher waren, als während der gleichen Zeit im vorigen Jahre; gleichwohl fühlte sich Bertha noch mehr, als ich über das schließliche Resultat beunruhigt. Unter diesen Umständen entschloß ich mich vor einigen Wochen, ein Amt von der Bundesregierung anzunehmen, daß mir schon vor 3 oder 4 Monaten angeboten war, das ich aber damals abgelehnt hatte. Das Amt hat keinen hohen Titel (es ist das eines [roman:] weigher [/roman] oder Gewichts - Bescheinigers in der Zollverwaltung) aber ein sehr anständi= ges Gehalt, nämlich 1500 Dollars und es ist dabei so schrecklich wenig zu thun, daß ich meine Verbindung mit der Abendzeitung noch zum Theil (für die Hälfte des bisherigen Gehalts, also 520 Doll.) u. die mit
den übrigen Zeitungen ganz aufrechterhalten kann. Die Stelle ist
mir daher thatsächlich bedeutend mehr werth, als das beste Consulat,
das ich, wenn ich je danach Verlangen gehabt hätte, mit leichter
Mühe hätten erhalten können, denn es gestattet mir, in den Verhältnissen
zu bleiben, in die ich mich seit 10 Jahren eingelebt habe, meinen Haus=
halt u. meine Einrichtung beisammenzuhalten, was Alles nicht hätte
geschehen können, wenn ich als Consul ins Ausland gegangen wäre.
Mein Einkommen stellt sich jetzt, so lange das Amte währt (4 Jahre) auf
2600 Doll. jährlich u. selbst wenn die Abendzeitung sich im Sturm
u. Drang der Zeit nicht sollte halten können, auf mehr als 2000. Sind
die 4 Jahre um, so werde ich in der Zwischenzeit längst meine frühern
Verbindungen dergestalt erweitert haben, daß ich keinen Rückschritt zu
machen brauchte.
Wie glücklich würde sich Bertha gefühlt haben, wenn sie noch
hätte weiter leben können! - Den Trost habe ich, daß sie, abgesehen von ihrem
Körperleiden u. dem Tode Melanies, niemals in Amerika Kummer,
oder Noth oder auch nur Entbehrung von Annehmlichkeiten erlitten
hat. Aber der Trost hat zugleich sein Bitteres. Aus einem drangsalvollen
Leben zu scheiden, thut nicht weh, wohl aber Alles verlassen zu müssen,
was ein heiteres, glückliches, sorgenfreies Leben verbirgt.
In meinem letzten Briefe schrieb ich Dir, daß, so glücklich es mich machen würde, wenn Du Dich entschließen wolltest, hierherzukommen, ich Dir doch nicht zu= muthen wollte, als Krankenpflegerin für meine arme Frau zu dienen. Jetzt, liebe Schwester, steht die Sache anders. Ich will nicht in Dich dringen und wie immer Du Dich entschließen mögest, Du wirst mir gleich lieb sein. Aber we= nigstens will ich es Dir ans Herz legen, sorgfältig zu bedenken, ob Du es nicht mit Deinem Pflichtgefühle in Einklang bringen kannst, zu mir zu kommen, hier eine Heimath zu finden u. als Mutter Mathildes zu dienen. Könntest Du Marie mitbringen, desto besser. Ich weiß, daß es Dir schwer werden mag, Dich aus den engen Verhältnissen, in welche Du Dich eingelebt hast, loszureißen, aber ich glaube aufrichtig, daß, wenn Du es Dir recht überlegst, Du finden mögest, daß Dein Platz eher bei Deinem leiblichen Bruder sein sollte, als irgendwo sonst.
Willst Du keinen Entschluß fürs ganze Leben fassen, so gehe mit Dir zu Rathe, ob Du nicht wenigstens auf ein Jahr auf Besuch herüberkommen kannst. Du brauchst in diesem Falle keine von den Beziehungen, in welchen Du drüben stehst, zu lösen. Was die Kosten betrifft, so will ich Dir gern Alles, was Du mehr, als Deine gewöhnlichen Ausgaben betragen, aufwenden würdest, vollständig ersetzen. - Die Reise selbst ist ja heutzutage gar Nichts mehr, - nicht halb so viel, als noch vor 20 Jahren eine Reise nach London war. - Wenn Du Dich entschlössest, so würde ich wahrscheinlich von hier aus die Passage auf einem Bremer oder Hamburger Dampfer wohlfeil für Dich bekommen können. ... Unter Grüßen an Schwager u. Marie u. einer baldigen Antwort entgegensehend Dein treuer Bruder [roman:] Hermann. [/roman]