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München den 26/5. 65. Freitag Mittag.
Mein lieber Bruder!
Aus der Überschrift ersiehst Du, daß ich mein Vorhaben ausgeführt u. noch im Laufe dieses Monats zu Vater gekommen bin, u. ich benutze die ersten ruhigen Stunden, um Deinen lieben Brief beantworten, u. Dir über unser Thun u. Treiben zu berichten. -
Ich habe mich sehr gefreut aus Deinem Briefe zu ersehen, daß Du so wohl auf bist, - u. voll der stolzesten Hoffnungen; - ich hoffe aber nicht, daß die Reize der neuen Welt, einen so fesselnden Einfluß auf dich haben, daß Du deßhalb Deine Rückkehr zu uns allzu lange hinaus schiebst, - ich rechne sicher darauf Dich im Laufe dieses Herbstes bei uns in Nürnberg zu sehen, wo es Dir jetzt gewiß besser gefallen wird, da wir nun eine so hübsche Wohnung haben, - u. Du dann ein Zimmer für Dich allein bekämst, - so daß Du Dich vielleicht einmal länger festhalten läßt. -
Ich habe mich nun ganz in Nürnberg eingewöhnt, bin sogar gern dort, - bei Vater, kann ich nun doch einmal nicht sein, - u. so habe ich mich denn in das Unabänderliche gefügt, u. bin mit meiner neuen Heimath ganz glücklich u. zufrieden; viel, trägt allerdings [insertion] der Gedanke [/insertion] dazu bei, - daß Vater nun auch bald wieder eine Häuslichkeit bekommt, - u. wie ich mich nicht mehr so um ihn sogen muß, - da ihn dann Tanten's liebende Sorgfalt umgiebt, - u. wir Geschwister, - doch hier eine gemüthliche Heimath haben, wo wir nur von Zeit zu Zeit zusammen finden können. -
Ich mache schon jetzt Pläne für Weihnachten, - wo, wie ich sicher hoffe, der kleine Theil, der von unserer Familie geblieben, - sich hier zusammen finden wird, um einige vergnügte Tage bei Vater u. Tante zu verbringen.
