Theodor Engelmann to Margarethe Hilgard, January 21, 1837, p. 1 - image of
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St. Louis, Januar 21. 1837 Liebe Schwester, wir hatten den Januar über recht freundliches Witnterwetter (sic!), Schnee bedeckte die Erde, u(nd). aus heiterem Himmel schien die milde Sonne auf den weißen Grund, ihn langsam aufzehrend. Die Straßen von St. Louis boten herrliche Schlittenbahn, u(nd). Tag und Nacht rasselten die eleganten Fahrzeuge mit dampfenden Rossen, voller geputzter Damen und Herren, und mit den kostbarsten Pelzwerken der Rocky mountains ge- ziert, an meinem Fenster vorbei. Gestern aber hat die südliche Sonne, unterstützt von einem Winde aus derselben Himmels- gegend dem Vergnügen ein Ende gemacht, u. heute bietet die blühende Stadt des Westens ein ganz anderes Bild. Eine trübe Regenwolke hat sich vor die Sonne u(nd). über die Stadt gelagert, eine warme feuchte Luft weht das Mississippithal herauf, u(nd). hat Eis u(nd). Schnee in den Straßen in tiefen Koth verwandelt; nur wenige Leute eilen in eifrigen Geschäftsschritt über die Straße; statt kostbarer Gespanne sieht man nur den schwarzen Kärner langsam seine Rosse treiben; u(nd). statt der munteren Volksmenge, die durch Natur und Kunst mit allen Farben beklei- det, die Trottoirs zu bedecken pflegt, sieht man nur die finstern Gesichter der Sklaven, die vor den Häußern reine Stellen kehren. Diese Veränderung, der Stadt u(nd), mit ihr, die Bewohner unterliegen, äußert vielleicht nirgends weniger ihren Einfluß, als bei deinem Bruder u. dessen unmittelbarer Umgebung. Der ruhige, ernste Blick, mit welchem seine Bücher von ihrem Gestelle herab auf ihn schauen, ist über allen Wech- sel erhaben, u. trägt gewiß wenig dazu bei, die ohnehin selten lebhaft aufgeregte Laune desselben in gleicher Temperatur zu erhalten. Und das ist in der ganzen Welt , u(nd). ganz besonders in dem selbstsüchtigen Amerika der Grundstein zur Zu- friedenheit. Wenn in ein solches Leben manchmal der Besuch oder ein liebevoller Brief von theuern Freunden u(nd). Verwandten als Lichtpunkt hineintrift, dann ist es mehr als der kluge Weltmann veranlagt - dann ist es Glück; und da solches mir häufig widerfährt, so glaube ich hinreichend Ursache zu haben, mich einen glücklichen Menschen zu nennen. Welchen Antheil und welches Verdienst Dir , meine gute Schwester dabei zukommt, brauche ich jetzt nicht mehr näher zu bezeichnen. Ja den ersten Tagen dieses Jahres erhielt ich Dein liebevolles Briefchen, u(nd). heute sitze ich am Papier, um mir ein Fest zu bereiten durch die Unterhaltung mit Dir, u(nd). Dir einige Skitzen aus meinem Leben dem äußeren oder innern, wie es sich gerade trifft, zu geben.
