Charlotte Engelmann to Margarethe Hilgard, December 3, 1833, p. 1 - image of
« previous page | next page » |
To rotate image, first hold down Alt and Shift keys, then drag with mouse or trackpad (Safari, Chrome & Edge only).
Current Page Transcription
Den 3 Dezember - 1833. Engelmannsfarm in Illinois State
Meine theure Schwester!
Vor 14 Tagen erhielten wir deinen Brief - geliebte Gretchen es war als leebtest [lebtest] du unter uns, als umfaßten wir dich, u. als läße sich alle Sehnsucht und Liebe in diesen Augenbliken von der Seele loß und lenckte (?) [ggf. lenkte] uns den Bliken u. den Thränen die jedes Wort be= grüßten - Du hast uns alles gesagt was wir zu wissen wünschen konten, wir feierten in stiller Begeisterung die Triumpfe unserer Heilge Sache mit Euch - du glückliche du lebst noch in dem reichen Leben - wenn es auch vielen Schmerz mit sich führt, es ist doch eine Wonne sich jenen zu danken, in diesen günstigen Kampf der Prinzipe - Unser Leben hier erscheint mir gerade wie eine Idille gegen ein Elend (?) mit dem euren - wie großartig ist bei Euch die Freude u. der Schmerz, mir geht es hier, die Klagen die zu uns dringen bereichern, die Haus= haltung, die leere Küche, die Langeweile, die viele Arbeit. Die schlechte Wohnung - die Freuden? Heute habe ich da ein gutes bisschen gegessen, Kaffee Kuchen et, die Hühner haben gelegt, es ist ein Bonnichejen (?) geschossen, oder gar ein Hirsch, die Kühe haben viele Mich gegeben, die Sonne scheint heute warm u. wir können die Wasche troknen et.- Ja könten wir nur die Gefühle des unbegränzte Interesses aus der Seele läßen, und mit so mancher Thräne hin in das Nichts weinen, es wäre gut für uns - Doch ich kann es nicht, und die Wahrheit ist das ich auch nicht will! Und nie theure Schwester indem ich dem lieben Genuß der Unterhaltung mit dir meine ganze Seele hinngebe - kann ich dich versichern daß ich nun überzeugt bin daß es gut für uns ist daß wir hier sind - Trotz allen Wiederwertigkeiten in Schmerzen die wir schon zu bestehen hatten, u. die uns wohl noch bevorstehen - daß ich glaube daß wir hier noch glücklich, ja sehr glücklich leben können wenn Ihr einmal alle da seÿd: und die lieben Familien die wir alle Erwarten - die Hauptsachen sind da - ein angenehmes Clima, wenn man sich nur einiger Maßen in Wohnung u. Lebensart dannach richtet - ein reiches Leben, eine schöne Gegend, uneinschrenkten [uneingeschränkten] Freiheit u. Gleichheit - alles andere ruht dennoch in der Hand derer die da wohnen wenn Gottes Güte mit Jhnen ist - daß man, und besonders wir mit unserer Liebe fürs deutsche Vaterland zuerst immer ungerecht, u. jetzt auch noch oft, Urtheilen ist ganz natürlich - man kann gar nicht anders, jedes erscheint mir oft sogar wie ein Verrath an dem geliebten Deutschland, könnte ich Amerika den Vorzug geben, und spricht man von der Schonheit der Gegend von Cultur von Kunst u. Wissenschaft, so wäre es lecherlich nur einen Vergleich ziehen zu wollen, allein durch die letzten wird das erste viel gewinnen, vor 400 Jahre war Deutschland auch kein so schöner Garden wie jetzt - und die letzten bringen wir hoffentlich mit in unsere neue Heimath in unser neues Deutschland, wie wir die
[page 1, left margin:]
wie du dir leicht denken kannst - da du mich ja kenst wie oft ich abheng von unsern Eindriken mich meiner zu lebhaften Phantasie u. Empfindlichkeit hinngebe - u. das alsdann durch so manchen Schmerz gebrochn Herz kaum mehr bemeistern kann - Allein derewige der mir die Kraft des Uberstehens aller Leiden schon frühen
[/page 1, left margin]
