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Callbach, den 14. Januar 1900.
Mein lieber Schwager!
Gestern Mittag 1 Uhr haben sie mir mein Lieb fortge- tragen. Wie hart, wie weh! Ich mag nicht mehr leben. Wie einsam, wie öd, wie kalt ist mein Herz! Wie soll ichs fas- sen, wie ertragen? Wie gern wäre ich mit meinem Glück vereint. Warum denn uns getrennt? Wo, wie haben wir das verdient? Wo ist Gerechtigkeit? Warum sind meine Millionen Thränen, mein Ringen bis auf den Tod ohne Erhörung, ohne Erfolg geblieben? Was nun? Gebrochen an Leib und Geist, ein grau gewor- dener Mann stehe ich mit einem armen Kinde, das sich fast die Augen blind geweint hat um sein liebes Mütterlein, in einem einsamen, kalten Hause. Unser Mamachen ist fort, hat alles Glück, alle Wärme, allen Sonnenschein mitgenommen.
Schon jahrelang dachte ich immer mit Schrecken an die schreckliche Trennung; ich habe aber nicht geglaubt, daß der Abschied so schnell erfolge. Jetzt kann ich ja offen gegen Dich sein. Wir haben Dich, um Dir den Aufenthalt in der Fremde nicht schwer zu machen, stets getäuscht. Als der Vater in Schmittweiler auf dem Krankenbette lag, habe ich Malchen, weil mir sein blasses Aussehen Kummer
