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[left margin] Liebe Mina! Die herzlichsten Grüße an Dich und
Dein Mann!
Schmittweiler, den 16. Sept. 1894.
Mein lieber Bruder Eugen!
Wohl wirst du, mein lieber Bruder mit des Geistes ganzer Gewalt
an die Deinen Idealen entsprechender Arbeit gebunden sein. Dessen unge-
achtet wird es Dir doch sehr lieb sein, einen Brief von Deiner Dich innig lieben-
den Schwester zu erhalten. Mit großem Interesse wirst du freudig überrascht
diese Zeilen lesen, welche meine Erlebnisse Dir offenbaren. Mein lieber Hein-
rich ahnte längere Zeit, daß sein Malchen gern einmal eine Reise in größere
Städte mache. Heinrich, Vater und ich reisten daher bei beginnenden Ferien nach
Frankfurt a/m., Bad-Wiesbaden und Bad-Kreuznach. Lieber Bruder!
Frankfurt ist eine Stadt von über zweimalhunderttausend Einwohner
140 Pferdebahnen fahren beständig in der Stadt. Da grade Frankfurter
Messe war, so war der Verkehr sehr lebhaft – großartig. In den Haupt-
straßen liegen Schienen an Schienen. Der Bahnhof ist riesig, alles mit
Glas in ungewöhnlicher Höhe und Breite überbaut. Unse erster
Besuch galt dem großartigen Panorama in dem man den See-
hafen Hammburg und etwas abgeschlossen das Meer ganz in
Naturtreue sah. Das Kunstwerk ist gemalt. Man sah nicht durch
Gläser. Kurz, will ich Dirs mitteilen. Man ging eine Treppe hinauf
und man stand auf einem Schiff auf dem Verdeck. Ringsum
war Wasser und nichts wie Wasser. Ach wie schön waren die
Wellen! Was mein Auge besonders fesselte, war: das große Schiff
Augusta Viktoria in Naturgröße. Man sah auf dem Verdeck in
Lebensgröße die Matroßen pp. die Engländer mit Handkoffer u.s.w.
kurz ich war von der Großartigkeit des Hamburger Seehafens so
überwältigt, daß es mir beinahe unheimlich wurde. Die vielen
Schiffe, der Verkehr auf dem Wasser, und ich sah mich selbst durch
die Kunst auf ein Schiff versetzt, von dem ich von dem Verdeck unzäh-
lichen andern Schiffen hätte zugrüßen können. Lieber Eugen,
glaube mir, ich dachte dabei beständig an Dich, was ich dachte,
war großartig – unbeschreiblich. Es machte ungefähr den Eindruck
auf mich: Wer’s einmal gewagt hat, eine Seefahrt zu machen, hat
genug daran für sein Lebtag. Lieber Bruder! Verzeih! daß ich so
dachte ; in Wirklichkeit, möchte ichs aber einmal doch wagen.
Von dem schönen Kunstpanorama gingen wir in den Palmengarten.
Wunderschön war es da, ganze Wälder von allen Sorten Bäumen,
Wiesen mit Anlagen, Anhöhen mit Schweitzerhäusern, einen prächtigen
Wasserfall, alle möglichen Springbrunnen mit schönen verschieden-
sortigen Blumenanlagen, Treibhäuser. Wir promnirten hier, bis
4 Uhr dann fging das Conzert an. Das Orchester saß in einem Paviljo.
Wunderschön war das 50 Mann stark besetzte Streich-Conzert.
Nobel in allen Trachten und Farben erschien immer mehr das ele-
gante Publikum. Abends 7 Uhr gingen wir ins Theater – gespielt
wurde: Tristan und Isolde eine Oper von R. Wagner. Mein lieber
Eugen, welche feine Musik. „ Ach, wie göttlich! “ Nach Beendigung
fuhren wir mit der Pferdebahn an ein großes Hotel „Wienerhof“
