Johann P. Weinhardt to William W. Weinhardt, June 25, 1923, p. 1 - image of
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Schwabach, den 25. Juni 1923.
Mein lieber Herr Vetter!
Verzeihen Sie bitte, wenn ich diese Anrede gebrauche, denn ich kann leider keine andere finden, da die deutsche Sprache die Anrede Vetter in diesem Verwandtschaftsverhältnis als alleinig geltend vorsieht. Durch meinen Sohn Hans, der Ihnen geschrieben und auch Nach- richt von Ihnen bekommen hat, erfuhr ich Näheres von Ihnen. Mein Grossvater Johann Georg Weinhardt, Holzgartenaufseher, geboren am 23. Oktober 1795 in Schwabach war der Bruder Ihres Grossvaters, der mit seinem Sohne Herrmann in Jahre 1848 nach Fort Wayne in Nordamerika auswanderte und seine Frau nebst Kindern nach dort nachkommen liess. Mein Grossvater hatte 3 Söhne und 1 Tochter, welche alle gestorben sind. Mein Vater Heinrich Weinhardt war geboren am 3. Februar 1842 in Schwabach und verstarb am 22. Mai 1906 ebenfalls in Schwabach. Ich selbst war in Mai ds. Js. 54 Jahre alt, ich bin verheiratet und Vater von 4 Kindern, zwei Töchter im Alter von 22 und 20 Jahren und zwei Söhne im Alter von 15 1/2 / Hans/ und 14 1/2/ Jahren /:Philipp/. Die ältere Tochter ist Kontoristin in einem grossen Maschinen - und Werkzeuggeschäft in Nürnberg, dieselbe fährt früh dorthin und kommt abends nach Hause. Meine andere Tochter ist Damenschneiderin dahier. Mein Sohn Hans ist beim Stadtrat Schwabach als Inzipient und mein Sohn Philipp besucht den V. Kurs der Realschule dahier. Ich selbst bin im Jahre 18[strikethrough:]6[/strikethrough]9 - 1869 - in Schwabach geboren, erlernte die Gold- schlägerei, welche ich bis zu meiner Einberufung zum Militär, welche im Jahre 1889 erfolgte, betrieb. 13 1/2 Jahre trug ich des Königs Rock. Während meiner Militär- zeit verehelichte ich mich mit meiner Frau, einer Bauerstochter von Friedrichshofen bei Ingolstadt. Nach meinem Abgange vom Militär 1903 bekam ich den Zivilversorgungsschein und bekam einen Posten als Gefängnisaufseher in München. Von dort kam ich im Jahre 1907 an das Amtsgericht Neuburg an der Donau, es ist dies eine Stadt wohl 50 Meilen von hier entfernt. Dort verblieb ich bis Mai 1910. Ich wurde an das Amtsgericht Rotthalmünster in Niederbayern ver- setzt, woselbst ich bis Oktober 1918 verblieb. Seit 1. Oktober 1918 bin ich als Gefängnisverwalter beim Amtsgericht Schwabach. Bis 1914 lebten wir glücklich und zufrieden, hatten sich durch Fleiss und Sparsamkeit eine Tausend Mark erspart und glaubten in den späteren Jahren uns unseren Lebensabend verschönern zu können. Leider kam es anders. Es ertönte der Kriegsruf. Auch ich musste meinen Dien[strikethrough:]t[/strikethrough]strock ablegen und dem Vaterlande meine Kennt- nisse und Manneskraft zur Verfügung stellen. Wohl kam ich nicht ins Feld, doch musste ich 2 Jahre in der Heimat/in einem Lazarett Dienst tun. Ich war während meiner aktiven Militärdienstzeit im Sanitätsdienst tätig und fand während 2 Kriegsjahre in diesem Dienste Verwendung. Nach Beendigung des Krieges wurde ich in meine Heimatstadt versetzt, woselbst wir uns jetzt befinden. Während des Krieges war bei uns [strikethrough:]n[/strikethrough] alles rationiert und die Einkäufer mussten sich oft halbe Tage vor den Geschäften anstellen, bis sie ihre nötigsten, schlechten Nahrungsmittel käuflich erwerben konnten. Im November 1918 kam in Deutschland der Umsturz /:Revolution:/ diese brachte zwar für etliche Volksgenossen Gutes, doch für die Mehrzahl der deutschen Familien grossen Kummer und Sorgen. Die er- sparten Groschen mussten aus der Kasse entnommen werden, um das notwendigste für die Familie zu kaufen. Die Preise für Nahrungs- mittel, Kleider und Schuhe stiegen und steigen noch fortwährend. bis ins Unendliche. Einige Beispiele:
1 Pfund Rindfleisch kostet heute 17000 Mk. 1 Pfund Schweinefleisch 20000 Mk.
