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Berlin 21. Juni 69
Meine liebe Schwester
Daß ich wohlbehalten hier angelangt bin, wird Dir Mathilde
verdollmetscht haben; ich habe an sie englisch geschrieben, um
ihr eine Übung im Übersetzen zu geben. Wenn ich Dir indessen
etwas über meine Stimmungen und Empfindungen schreiben
soll, so komme ich in Verlegenheit, denn sie liegen
ganz wirr und ungeordnet durcheinander. Im Allgemei=
nen muß ich sagen, daß mir Alles, was ich bisher in Deutsch=
land gesehen habe, viel mehr imponirt, als ich je ge=
glaubt hätte; - so sehr daß mich schon oft ein bitteres Ge=
fühl der Wehmuth beschlichen hat, als ob es doch besser
sein und ich mich glücklicher gefühlt haben würde, wenn
ich Deutschland nie verlassen hätte. Denn es ist hier über
das ganze Leben eine so behagliche Ruhe gebreitet, Alles ist
so fertig, sauber, und fest geordnet, daß der Contrast
mit dem st wilden, formlosen Leben und Treiben
in Amerika wahrhaft betäubend wirkt. Besonders die
Sauberkeit und Ruhe Bremens und die Pracht seiner
Promenaden und Blumengärten machten auf Wetzler
wie auf mich einen tiefen Eindruck, der sich
in dem herrlichen Park von Oldenburg zur wei=
nerlichsten Sentimentalität steigerte. Wir waren, da
ich (vorgeblich) zum Oberst Lamping gegangen war,
auseinandergekommen, irrten, jeder auf eigene Hand
