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Transcribe Page - Hermann Raster to Sophie Raster, January 21, 1868

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Hermann Raster to Sophie Raster, January 21, 1868, p. 1 - image of

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Chicago, 21. Januar 1868.

Liebe Schwester,

Daß ich Deinen Brief vom 16. Dez. v. J. erhalten habe u. wel= chen Eindruck die darin enthaltenen Mittheilungen auf mich gemacht haben, wirst Du schon aus dem mit Rothstift angestrichenen Artikel u. der Dir vor acht Tagen zugesandten Zeitung (die Du hoffentlich erhalten hast) wissen. Es ist eigentlich das erstemal, daß Du mir solche Mitthei= lungen gemacht hast, aus denen ich einigermaßen eine Vorstellung von dortigen Zuständen und Veränderungen gewinnen konnte und ich bin dadurch sehr überrascht worden, denn in meiner Vorstellung stand seit zwanzig Jahren das Bild des alten schläfrigen Zerbst mit X in Farben die durch den Verlauf der Zeit nicht netter, sondern heller wurden. Jetzt sehe ich wohl, daß die Phantasie, die alle ihre Bilder aus Verhältnissen entnommen hatte, welche um zwei Jahrzehnte zurückliegen, bedenklich weit hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben ist. Und ich möchte dabei seufzen. Denn nun muß ich den Gedanken aufgeben, jemals das Zerbst - und ich darf wohl weiter gehen u. sagen: Das Deutschland - wiederzufinden, das sich meiner Vorstellung so, wie ich es vor einem Viertel Jahrhundert sah, eingeprägt hat. Viele von den Vorstellungen, welche bei mir mit Heimweh=Regungen verbunden sind, würden selbst Dir alt[frön?]tisch vorkommen. Obschon nur sechs Jahre jünger, als ich, hast Du wahrscheinlich gar keine Vorstellung mehr von der Art des Reisens vor der Eisenbahnzeit; - etwa, wie ich 1843, um eine Reise nach Leipzig zu machen eines Abends unter Führerschaft des Schneider Regeler, der dafür 5 Groschen erhielt, von Raguhn nach Bitter= feld pilgerte u. dort im Gasthof (zum erstenmal in meinem Leben) übernachtete, um am andern Morgen per Landkutsche in 5 oder 6 Stunden die Reise zu vollenden. Oder wie ich, noch einige Jahre später, Abends 9 Uhr in den Ankuhn pilgerte, dort Stundenlang hinter dem Kachel= ofen unter [Bollenkränzen?] halb schlafend halb wachend dämmerte, bis die Pferde an den Planenwagen gespannt waren, [insertion:] und [/insertion] ich in ein paar Strohbündel verstaut wurde, um in fünf Stunden nach Dessau geliefert zu werden. Mir selbst kommen solche Erinnerungen wie Stücke aus Grimms Kinder= und Hausmärchen vor und mit jedem Jahre, um welches sie weiter in die Ver= gangenheit rücken, erhöht sich ihr poetischer Reiz. Aber ich fürchte sehr, käme ich hinüber, so würde mir nur bittere Enttäuschung werden. Es ist schon zu Vielen so ergangen! Hunderte meiner Bekann= ten sind nach Deutschland gereist, in der Hoffnung, dort in süßer Wehmuth schwelgen zu können und alle sind voll herber Empfindungen zurückgekehrt. Bei uns kommt noch hinzu, daß ich Deutsch= land nur als Jüngling von seiner liebenswürdigsten Seite kennen lernte. Von der kleinlichen Misere, der Erbärmlichkeit, u. Hungerleiderei u. [?]sucht, welche gewiß damals das bürger= liche Leben kennzeichneten, lernte ich als Student u. während der paar Jahre, die ich in verhältniß= mäßig glänzenden Verhältnissen in Dessau verbrachte, blutwenig kennen. Was ich sah, war nicht rosen= farben und hoffnungsgrün. Was ich jetzt fände, - wie würde es zu meinen Phantasien stimmen?


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