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beiderseitigen Eltern. Hans war sehr still u. ernst, er fühlte, wie viel von meinem Glück mit fort nahm u. hat es mehrmal ge= gen mich ausgesprochen. Gegen 6 Uhr begleitete der Vater u. ich das junge Paar nach dem Bahnhof, ich hielt mich fest, bis bei meiner Rückkehr ins Haus der lang unter= drückte Schmerz sich Luft machte. Der Onkel Leopold nahm die ganze Gesellschaft mit zu sich, wo sie den Abend noch in Sang u. Tanz verlebt haben u. äußerst ver= gnügt gewesen sind, was für mich eine große Erleich= terung war, nur Tante Augusta, Emma u. Ida blieben hier bei mir im Hause zurück. Die arme Emma war leider den Hochzeittag auch sehr elend, sie hatte sich den Tag vorher über ihre Kräfte angestrengt um mir die Arbeit abzunehmen. Hans u. Ida gingen den Abend bis Gundershausen u. wollten den andern Tag von da nach Frankfurt u. Heidelberg gehen, da das Wetter seit ihrem Austritt aus unserem Hause schlecht u. kalt geworden ist, so glaube ich sie werden sich nicht lange aufhalten u. heute schon in Hamburg ankommen. Volle zwei Wochen vor der Hochzeit war das herrlichste heitere Wetter, auch der Hoch= zeittag war noch unvergleichlich schön, bis um 5 Uhr ein Gewitter kam, es hörte aber wieder auf zu regnen u. so konnten wir noch nach dem Bahnhof gehen. Ida ist äußerst reich beschenkt worden, von allen Seiten, selbst auch von ferner stehenden, man konnte daran recht sehen, wie sehr sie von allen, die sie kannten geliebt war. Die Geschenke kann ich Dir liebe Maria nicht alle aufzählen, es wird zu viel für mich, sie wird es wohl selbst noch thuen. Ich bin heute sehr leidend, das kalte Wetter übt seinen Druck auf mich aus seit gestern Abend habe empfindliche Beschwerden. Zu Deiner Beruhigung schreibe ich Dir, daß ich am Polterabend 8 u. am Hochzeittag 9 dienstbare Geister hatte, Du siehst daran, wie wenig ich selbst meinen Kräften noch zutraue. Als wir aus der Kirche zurückkamen hielten
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für all die Liebe, die sie hier genoß. Auch die beiden älteren Brüder habe ich sehr lieb gewonnen u. ihnen hat es so sehr bei uns gefallen, Herrmann der wie= der nach Frankreich zurück geht, sagte mir noch beim Abschied, daß er immer mit großer Freude an die Tage die er hier verlebt zurückdenken würde u. wenn er einmal wieder von Frankreich zurück = kehre er uns gewiß in Gotha aufsuchen würde. In den Zeitungen liest man wieder von blutigen Schlachten in Amerika, möge Gott Emma's Bräutigam schützen, ich denke viel an sie u. ihm [sic]. Recht froh bin ich, daß Du ein so gutes Mädchen an Minna's Stelle bekommen hast, ich bin sehr unzufrieden mit meinen beiden besonders mit der Köchin, die schwer von Be= griffen ist, über den Charakter kann ich bei bei= den nicht klagen, aber sie erschweren mir mit ihrer Ungeschicktheit u. Nachlässigkeit das Le= ben sehr. Emma's Anuschka heirathet, vielleicht kann Emma dadurch eine ordentlichere Wirthschaft beginnen, sie bleibt in Pulkowa u. so kann sie Emma immer zur Aushülfe haben. Jetzt aber muß ich schließen liebe Maria, ich kann nicht mehr schreiben, der liebe Vater sendet Dir durch mich seine allerherzlichsten Glück u. Segenswünsche zu Deinem Geburtstag er musste heute in Vermes= sungsangelegeheiten vereisen u. ist dadurch gehindert Dir selbst zu schreiben. Grüße Deinen lieben Mann aufs herzlichste von uns, Lilian sende ich viele Küsse u. von den Geschwistern herzliche Grüße an Euch auch Deinen Schwiegereltern, August u. Emma die besten Grüße. So leb denn wohl, liebe Maria, Gott behüte Euch! Mit der herzlichsten Liebe Deine Mutter
