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Wochen fliegen, es werden nun nur noch 13 bis dahin sein. Ich spreche nicht davon um es Ida nicht schwer zu machen u. bemühe mich auch nicht da= ran zu denken, aber das will doch nicht mehr ge= hen. Ida selbst wird die Trennung unendlich schwer u. ich muß ihr oft Muth einsprechen, obgleich er mir selbst fehlt. Sie fürchtet dort, außer ihrer Schwägerin niemand zu finden, an den sie sich enger anschließen kann, alle die sie vorigen Sommer dort kennen lernte, scheinen einen kalten Eindruck auf sie gemacht zu haben, u. das lässt mich natürlich auch ängstlicher in die Zukunft blicken. Ida ist ein vom Schicksal verwöhn= tes Kind, daß bisher nur die größte Liebe von allen Seiten erfahren hat u. dadurch wird es ihr schwer werden sich in andere Menschen u. andere Verhältnisse zu finden u. mir scheint oft, daß sie davon ein Vorgefühl hat. Wilhelms Ida hat hier auch, außer uns, niemand gefun= den an das sie sich enger angeschlossen hätte u. sie klagt jetzt auch oft darüber, daß Ida, die sie sehr liebt, fortgeht. Dabei hat sie aber doch noch kürzlich gesagt, daß sie Gott nicht dankbar genug sein könnte, daß sie sich so gut hier ein= gelebt hätte, sie hätte noch nicht einmal Heimweh gehabt. Wie sehr wünsche ich, daß es bei Ida auch so sein mögte, aber ich fürchte es wird anders, zwischen ihrer Schwiegermama u. mir ist eine gar zu große Verschiedenheit, sie ist gewiß eine ganz vortreffliche achtungswerthe Frau, aber ihre Art u. Weise zu sein, ist so ganz u. gar verschie= den von der meinigen u. ebenso ist es mit
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den andern Verwandten. Von Euerem Leben in Neu-York hast Du uns eigentlich noch gar nichts geschrieben, liebe Marie, wenn Dein lieber Mann so viel wegreist um Vorlesungen zu halten, so wird er wenig Genuß davon haben u. wir wundern uns, daß Du wegen dieses Umstandes nicht lieber in [roman:] Kennet [/roman] geblieben bist, zumal das Leben in Neu-York so rasend theuer ist. Daß Lilian sich sehr an dem Leben der großen Stadt, an den vielen schönen Dingen die sie da sieht, erfreut, kann ich mir wohl denken, wenn aber das Frühlingswetter kommt, dann wird sie doch wohl lie= ber in Cederkraft [sic], wo sie frei herum streifen kann, sein wollen. Ueber ihr Geschick im Nähen u. Schneidern habe ich mich verwundert, sage ihr, daß ich sie sehr gelobt u. ich ließ ihr sagen, sie möchte nur auch schön lesen u. schreiben lernen, damit sie mir bald einmal ein Brief= chen schreiben könnte, Lina könnte schon sehr hübsch lesen u. schreiben. Wenn Du sehen könntest, wie sehr Emma's Kinder hier sich zu ihrem Vortheil ver= ändert haben, so würdest Du Dich freuen, beson= ders auffallend ist es an Peter, der merkwürdig geweckter geworden ist, gar nicht mehr Lina's Echo, sondern seine eignen Einfälle u. einen fast noch größern Redefluß entwickelt, wie Li= na. Es scheint nicht daß Wagner zu Ida's Hochzeit kommen wird, für uns ist es ja besser, wenn das Haus nicht gleich ganz leer wird. Er klagt sehr über die Ein= tönigkeit in Pulkowa, leider ist bei den politischen Verhältnissen jetzt gar keine Rede mehr von der Besetzung der Hamburger Sternwarte. Wer nach Ber= lin kommt weiß man auch nicht, Enke ist schon seit vorigen [sic]
